Schulzeitverkürzung : Die Turbo-Abiturienten

Eine Hamburger Studie zeigt: Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium (G8) hat die Leistungen der Abiturienten nicht vermindert, sondern sogar verbessert.

Gleich zwei gute Nachrichten aus der Schule. Die erste: Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium, bekannt unter dem Kürzel G8 , führt bei den Abiturienten nicht zu schlechteren, sondern sogar zu etwas besseren Leistungen. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Hamburger Schulsenators. Erstmals in Deutschland werden darin die Leistungen von Abiturienten vor und nach der Schulzeitverkürzung am Gymnasium verglichen. Die Leistungssteigerung zeigt sich in allen getesteten Fächern: Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.

In Hamburg ist dieser Vergleich möglich, weil nach denselben Kriterien die Leistungen der Abiturienten des Jahres 2005 getestet wurden, die noch nach 13 Jahren die Reifeprüfung absolviert haben, sowie jene des Jahres 2011, die nur 12 Schuljahre gebraucht haben. Dabei wurden nicht die Noten verglichen, sondern die erworbenen Kompetenzen, also das, was die Schülerinnen und Schüler tatsächlich können.

Die zweite gute Nachricht: Diese leichte Leistungssteigerung wurde erreicht, obwohl die Zahl der Abiturienten in Hamburg deutlich gestiegen ist. Waren es 2005 erst 4.826 (32,5 Prozent der Schüler machten Abitur), so waren es im Jahr 2011 beachtliche 7.482 (52,7 Prozent der Schüler machten Abitur). Dabei veränderte sich auch die soziale Zusammensetzung der Abiturienten; der Anteil der Schüler aus sogenannten bildungsfernen Schichten hat sich verdoppelt. Trotzdem führt die Steigerung der Zahl der Abiturienten also nicht, wie von vielen befürchtet, zu einem Leistungsabfall.

Interessant ist, dass gerade die besten Schüler von der Gymnasialzeitverkürzung profitiert haben. Im Vergleich mit den 500 besten Abiturienten des Jahrgangs 2005 zeigen jene des Jahres 2011 deutlich bessere Leistungen.

Die Ursache für die besseren Leistungen liegt vermutlich nicht nur in der Leistungsverdichtung, die den Schülerinnen und Schülern mehr Anstrengung abverlangt, sondern auch darin, dass die Abiturienten des Jahrgangs 2011 mehr Unterrichtsstunden in den getesteten Fächern absolvieren mussten als die 2005er.

Wo die Schwächen der Hamburger Abiturienten liegen, zeigt die Studie auch: Das untere Leistungsviertel schneidet im Jahr 2011 in Mathematik und den Naturwissenschaften schwächer ab als das im Jahr 2005. Man wird in Hamburg also viel investieren müssen, damit alle Abiturienten in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern die Mindeststandards für ein Abitur erreichen, das mit dem in Baden-Württemberg oder Sachsen vergleichbar ist. Frühere Studien haben gezeigt, dass im Vergleich der Bundesländer die Hamburger Schüler in Englisch zwar sehr gute Leistungen zeigen, in Mathematik jedoch deutlich gegenüber den Spitzenländern zurückfallen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

170 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Ich glaube keiner Statistik...

... die ich nicht selber gefälscht habe:

Die Leistungen werden also "besser" - dabei wurde der Stoff doch gekürzt, auf "Kernkompetenzen" reduziert. Des weiteren wird immer häufiger der Schritt zur Ganztagsschule nötig, auch wenn die Schulen dieses eigentlich nicht bieten können (keine ordentlichen Kantinen, keine Sport- und Freozeitangebote)...

Das Turbo-Abi ist quatsch. Deutschland hatte mal eines der besetn Bildungssysteme der Welt. Nur muss man GELD in die Hand nehmen - und dass will man nicht. Ohne Geld ist jedes Reförmchen zum Schietern verurteilt.

richtig, Deutschland hatte mal eines der besten Bildungssysteme

der Welt

und wissen Sie, wann genau das war?

als sich für die Bildung des Prekariats noch niemand interessierte.

Hauptsache Akademiker-Kinder können wieder Akademiker werden und Geld bleibt bei Geld.

da macht ein Dreigliedriges System allemal Sinn.

dass der Schwache vom Starken profitiert und nicht der Starke durch den Schwachen abfällt, ist im Sport Alltag und wurde auch im Westen der Republik nie angezweifelt. Warum soll das in Sachen Bildung anders sein???

leistungsstarke Schüler können die schwächeren motivieren und mitziehen, es gab zu DDR-Zeiten (Vorbild des Finnischen Schulsystems, dass bis dato in Pisa nicht schlecht dasteht) Nachhilfe für schwache Schüler durch starke Schüler im entsprechenden Fach.
Es soll heute Ganztagsschulen geben, die es ebenso handhaben.

Warum im Übrigen das System Ganztagsschule gleich verteufeln, nur weil noch nicht überall die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden?

So ein Quatsch

Ich habe im letzten Jahrtausend mein Abi gemacht. Für uns war das "neue" G8 altbewerter Standard und wir hatten keine "Kürzungen" im Stoff gegenüber den G9 anderer Länder, oder vermeintlichen Qualitätverlust.
Der verortete Stress und die vermeindliche Kürzung liegt am jeweiligen Kultus und deren freiwilligen "Unwissenheit" in der Organisation eines G8 Abis und die Verweigerung gegenüber einem Zentralabitur - bei dem sich Schulen nicht auf ihrer eigenen Faulheit ausruhen kann, indem sie das Abitur auf ihren Bildungsstand abstimmen können.

Vielleicht liegt es

aber auch daran, dass man in den G9-Ländern einfach andere Vorstellungen von Lebensgestaltung hat?

Ihre angesprochenen Probleme sind sicher ein GANZ wichtiger Punkt.
Aber viele Bekannte (aus Bayern) haben eine schiere Wut bekommen, weil ihre Kinder keine Zeit für gar nichts mehr haben: Musik, Sport und soziales Engagement fallen aus, weil der Lehrplan noch mit G9-Kram vollgestopft ist.
Das ist nicht lustig.

Nur so am Rande

Mein Oberstufenzeiten gingen 2 mal die Woche von 7Uhr bis 13:30Uhr, einmal von 8Uhr bis 16:30Uhr, einmal von 8Uhr bis 13:30Uhr und einmal von 7Uhr bis 13:15Uhr. Ich hatte genug Zeit. Ich brauchte dann in meinem Studium kein zusätzliches Matheseminar um den Umgang mit Doppelbrüchen etc zu erlernen oder aufzufrischen. Diese Angebot wurden meist von G9 Abiturienten in Anspruch genommen.
Ich habe die Umstellung von G9 auf G8 bei Freunden in NRW und ihren Kindern hautnah erlebt und konnte über die Naivität der Lehrer, wie des Kultus, nur mit dem Kopf schütteln.

Ich habe meinen Lektor in den Urlaub geschickt

http://de.wikipedia.org/w...

aber wenn ihnen verschluckte Endungen, Sprünge und vergessene Einschübe wichtiger sind, als der Inhalt, dann lesen sie was anderes. Meine Deutschkenntnis haben jedenfalls damit wenig zu tun (die Wortbedeutung sollten ihnen ja geläufig sein als Schreibass - oder doch eher nicht ...).

Ich finde es im Grunde arm, wenn sie sich nur daran stören oder nur das vorbringen können.

Olle Kamellen aus der Ideologiekiste.
Als Gymnasiast der 60/70iger Jahre im Bereich des ländlichen Niedersachsens waren 70% meiner Mitschüler Kinder von Arbeitern, Angestellten, Bauern, etc. Akademikerkinder waren in der Minderzahl.
Und zum angeblich so überfordernden Turbo-Abitur:
Ich frage mich, wie wir das damals geschafft haben. 3/4 waren Fahrschüler und mußten teilweise auch noch mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle fahren. Also teilweise um 6 Uhr aufstehen und nach Schulende um 13 Uhr zurück, also um 14 Uhr am mittagstisch. Danach Hausaufgaben. 7./8. Klasse waren Kurzschuljahre. Für die jüngeren Leser: Der Schuljahresbeginn wurde vom Frühjahr auf den Herbst gewechselt. Also dauerte in meinem Fall die 7. Klasse von Ostern bis Mitte November und die 8. anschließend bis Ende Juli.
Und in Frankreich erlebte ein Familienmitglied folgende Rahmenbedingungen:
Die mit Deutschland vergleichbaren 6 Jahre bis zur mittleren Reife werden in Frankreich auf dem Collège in 4 Jahren absolviert.
Mo-Fr 7:50 bis 12:40 und 14:00 bis 17:00 Unterricht.
Vollzeitunterricht! Mittwoch nachmittags frei für Sport AG, etc.
In jedem Nebenfach wöchentlich eine kleine Leistungskontrolle. Jeden Donnerstag in den ersten 2 Stunden Klassenarbeit in einem Hauptfach!
Hach Schulschluss Hausaufgaben. Die Vorgabe durch die Direktorin lag bei ca. 2 Stunden.
Danach die gymnasiale Oberstufe auf dem Lycée.
So gesehen ist das deutsche "Turbo-Abitur" im Vergleich wesentlich stressfreier.

Vermengung

Sie vermengen Ganztagsschulen und Gesamt- bzw. Gemeinschaftsschulen. Während das gemeinsame Lernen bzw. zumindest das Besuchen einer gemeinsamen Schule (und dann trotzdem verschiedene Kurslevel für unterschiedlich begabte Schüler) die Idee der Gemeinschaftsschule ist, bezeichnet "Ganztagsschule" lediglich die Idee, am Nachmittag auch noch Unterricht anzubieten, damit die Kinder der arbeitenden Eltern am Nachmittag nicht auf der Straße rumhocken.

... und damit

haben sie ganz recht.

In Bayern zählen nun die mündlichen Noten genauso viel wie die schriftlichen Noten (die früher im G9 das doppelte der mündlichen zählten).
Rechnet man diesen Unterschied raus ergeben sich die gleichen Notenschnitte wie zuvor.

Diese Maßnahme war aber notwendig, um sich zu rechtfertigen, da man jahrelang kein Geld für gutes Schulmaterial ausgegeben hat und dann ein Schulsystem einführte für das komplett neue Bücher geschrieben & gekauft werden mussten.....

Auf eine Anfrage an einen Abgeordneten bekam ich die Antwort, dass man das tue, um damit die Abiture der Bundesländer vergleichbarer würden. Was prinzipiell aber bedeutet, dass man mit den Anforderungen herunter geht, was zu mehr sehr Einserschnitten führt.

Dass das so passiert ist können sie hier auf Zeit.de nachlesen. Infolgedessen mussten nämlich die Kriterien für die Hochbegabtenförderung heraufgesetzt werden, weil es zu viele wurden.

Fazit: Das G8 ist Mist. Es nimmt Jugendlichen 1 Jahr, um erwachsen zu werden und sich selber zu finden. Manche kommen an die Unis und sind noch nicht einmal volljährig. In dem Alter sollen sie aber schon ihre Studienwahl treffen und nach Möglichkeit nicht abbrechen, damit sie bald arbeiten können (dürfen sie aber nicht... sie machen Praktikaaaa)....
Man fragt sich ob die Verantwortlichen nicht selber lieber noch ein bisschen in die Schule hätten gehen sollen oder ob sie eventuell selber Praktikanten sind.

andere erfahrung

Ich war im Westdeutschalnd der 70 er Jahre auf dem Gymnasium und habe 1983 Abitur gemacht. In meiner Klasse waren Kinder von Millionären, Angestellten und Arbeitern. Weder beim Spielen noch bei der schulischen Leistung hätte man uns unterscheiden können. Ich war der erste meiner Familie, der überhaupt studiert hat, und so ging es vielen anderen in meinem Jahrgang auch. Von wegen "elitär"--unser Schulsystem war auch in der BRD in einem Maße egalitär, dass man heute nur noch davon träumen kann. Dass seitdem die soziale Mobilität dramatisch abgenommen hat, bestätigt diese Erfahrung nur.

Die simple Wahrheit ist eher: Ungleichheit erzeugt Ungleichheit, wenn der Staat nicht für eine gerechtere Verteilung von Resourcen und Wohlstand sorgt. Die Ungleichheit und das Wohlstandsgefälle sind massiv gestiegen in Deutschland in den letzten 30 Jahren; dementsprechend sind auch die schulischen Leistungen der Kinder ungleicher geworden. Diese Erfahrung bestätigt sich praktisch weltweit.

Zweierlei Maß für Gymnasiasten und Auszubildende

Mir fällt bei aller G8-Kritik auf, dass es offensichtlich zweierlei Maß gibt, was das zugebilligte Freizeitbudget für Jugendliche auf dem Gymnasium bzw. in der Ausbildung gibt. Bei Letzteren geht man schon immer ganz selbstverständlich davon aus, dass man mit 16 Jahren belastbar genug für eine 40h/Woche, paralleles Lernen und Arbeiten ist. Für G8-Gymnasiasten wird die fehlende Zeit für außerschulische Aktivitäten beklagt. Nun mag es sein, dass in den Umstellungsländern G9-Inhalte vermehrt in den Hausaufgabenbereich verlegt werden und sich damit Freizet zusätzlich verknappt.

Doch bleibt auch bei mir Unverständnis zurück, höre ich die auf G9 beharrenden Stimmen. Meine Abiturzeit (ebenfalls in Sachsen) zum Ende des letzten Jahrtausends ist mir rückblickend in guter Erinnerung. Mit 10 Leistungskurs- und 24-26 Grundkurswochenstunden plus Hausaufgaben lag ich zeitlich immer noch unterhalb des Pensums der Azubis. Hausaufgaben wurden meist in den Freistunden in der Schule erledigt. Hobbys, Sport und Musizieren kamen auch nicht zu kurz.
Den G8-Pessimisten kann man in Zeiten von Bologna entgegnen, dass wer früher an die Universität geht, sich auch mehr Zeit mit dem Bachelor lassen kann. M.E. hat G8 wenig mit Bildungsökonomisierung zu tun. Wäre der Wille da, könnte der Schritt in Richtung Zentralabitur ausgebaut werden. Die Länder könnten zugunsten vergleichbarer Lehrpläne und Abschlüsse voneinander lernen. Am Ende stünde mehr Bildungsgerechtigkeit auf föderaler Ebene.

Alter propagandistischer Unsinn

Da ist er wieder, der altbekannte Trugschluß, der nicht totzukriegen ist. Die Deutschen hatten nie ein besonders gutes Schulsystem. Vielmehrer BEHAUPTETEN die Deutschen immer nur, sie hätten das beste Bildungssystem. Ist doch logisch, oder? Woher sollten sonst die weltberühmten Erfinder, Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure etc. kommen?

Klassischer Fehlschluß, der im Übrigen schon im 19. Jahrhundert besonders unter preußischen Schulexperten erbittert diskustiert wurde: Nicht die ALLGEMEINBILDENDE SCHULE glänzte im Deutschen Reich, sondern die UNIVERSITÄT VON HUMBOLDT konnte hunderte von Biographien späterer Berühmtheiten ZURECHTBIEGEN und Fehler des dreigliedrigen Schulsystems KOMPENSIEREN.

Man lese durch die Biographien unzähliger deutscher Größen der Mathematik, Physik, Elektrotechnik, Chemie etc. und stellt zur Salzsäule erstarrt fest, wie oft pures Glück und der richtige unangepaßte Lehrer zur richtigen Zeit entscheidend halfen, Talente zu entwickeln, Begabte an das Gymnasium zu hieven oder den Universitätsbesuch zu ermöglichen.

Nein, schon die und die Art und Weise wie das gegliederte Schulsystem als politischer und ständegesellschaftlicher Auslesemechanismus entstand, schließt die Möglichkeit aus, daß hier bewußt ein zukunftsweisendes Schulwesen enstehen sollte. Fächer wie Mathe, Naturwissenschaften und Technik wurden bis 1900 absolut ignoriert und werden noch heute gegenüber den textlastigen Geiseswissenschaften vernachlässigt und geringgeschätzt.

Was soll die Überschrift?

" sondern auch darin, dass die Abiturienten des Jahrgangs 2011 mehr Unterrichtsstunden in den getesteten Fächern absolvieren mussten als die 2005er. "

Also es wurde mehr gelernt, weil MEHR unterrichtet wurde.
Wen wundert das? Welchen Zusammenhang gibt es zu G8 ?

"Das untere Leistungsviertel schneidet im Jahr 2011 in Mathematik und den Naturwissenschaften schwächer ab als das im Jahr 2005. "

Also selbst in den Bereichen wo mehr unterrichtet wurde, schneidet das untere Viertel schlechter ab.
Liegt aus meiner Sicht weniger an G8 als der Erhöhung der Abiturientenquote.

Natürlich hat G8 nicht zu einer "Verdummung" geführt sondern zu weniger Freizeit, die eben nicht nur zum "Gammeln" sondern auch sinnvoll außerschulich genutzt werden könnte. Das wird häufig beklagt sowie der größere Schulstress durch die Stoffverdichtung, wobei dass aber bei mehr Stunden für ein Fach gerade nicht gilt.

Antwort auf "Was soll die Ãœberschrift?"

Wer alles weiß, den wundert natürlich nichts ...

Richtig, die Hauptkritik an G8 ist die, dass die Schüler dadurch zu wenig Freizeit haben. Oder zu wenig in der Schule reifen können. Dazu habe ich schon längerer Zeit einen Kommentar geschrieben: http://www.zeit.de/2011/2...

Aber einige kritisieren G8 auch, weil sie befürchten, dass die Leistung dadurch absinke. Und die haben nun ein Argument weniger.

Aufpassen, auf den Maßstab kommt es an

Damit ist entweder eine relative Steigerung der Schulstunden gemeint oder eine absolute. Insgesamt hatten die Abiturienten von 2005 vermutlich mehr Schulstunden, weil sie ein Jahr länger zur Schule gingen, aber im Vergleich zu denen von 2011 weniger pro Woche. Das geht aber aus dem Artikel nicht eindeutig hervor, und ich finde auf die Schnelle auch in der Zusammenfassung der Studienergebnisse keine Antwort auf diese Frage.

Die im Durchschnitt leicht gestiegenen Leistungen sind sicher ein Erfolg für das Abitur in zwölf Jahren. Ich halte es auch für richtig, und in anderen Ländern und Bundesländern funktioniert es schließlich ebenfalls. Meine Kritik betrifft nur die Beibehaltung der gleichen Menge "Stoff" in kürzerer Zeit, darum wundert mich der leichte Leistungsrückgang bei den schwächsten Schülern nicht. Die hätten wahrscheinlich schon bei dreizehn Jahren Schwierigkeiten gehabt, aufzuholen. Die Lehrpläne sollte man zugunsten der Schüler anpassen, aber ansonsten sehe ich keine Probleme, die ihre Ursachen in G8 hätten.

Halo Kelhim

Sie sollen nicht hinterfragen oder gar nach Antworten suchen.

Sie sollen glauben.

Unsere Wirtschasft braucht Nachschub. Warum 1 Jahr Arbeitszeit verschenken? Von 18-67 soll man arbeiten. Und für viele Areiten, die erledigt werden müssen, braucht man doch gar kein Abitur, oder. Also, In Deutschland werden langfristig mindestens 10 Millionen im Niedriglohnsektor arbeiten. Natürlich werden dafür nicht unbedingt Abiturienten gebraucht. Die braucht man, um den Verlust derer auszugleichen, die aus den gehobenen POsitionen ausscheiten. Wobei, was gestern noch eine respektable Arbeit war, kann morgen schon als Minderwertig gelten und deshalb schlecht bezahlt werden.

Ein bisschen über den Tellerrand blicken

Es gibt viele gute Gründe für ein Abitur in acht Jahren, und wirtschaftliche haben ihren legitimen Platz.

Genauso gut könnte man fragen, warum man das Abitur nicht in sieben Jahren absolviert oder in zehn. Sich an den in den westlichen Bundesländern historisch gefestigten dreizehn Jahren zu orientieren und eine Absenkung auf anderswo übliche und problemlos funktionierende zwölf Jahre aus Prinzip abzulehnen, halte ich für kurzsichtig.

Aber wenn man rein ökonomisch argumentieren möchte: Vergleichsweise spät die Schule abzuschließen, ein Studium zu beginnen (das man nicht im Schnelltempo absolvieren sollte, wenn man Studium nicht auf den Erwerb von Punkten und als Karrieresprungbrett reduziert), eventuell weitere Ausbildungsmaßnahmen zu belegen, um dann relativ spät ins Vollzeitberufsleben einzusteigen und (so zumindest der Wunsch) nicht allzu spät in Rente oder Pension zu gehen, finde ich wirklich nicht optimal.

Die Wiederkehr Nietzsches

"Vergleichsweise spät die Schule abzuschließen, ein Studium zu beginnen (das man nicht im Schnelltempo absolvieren sollte, wenn man Studium nicht auf den Erwerb von Punkten und als Karrieresprungbrett reduziert), ..."

Wenn ich Sie richtig verstehe, soll man sich für ein Studium ruhig Zeit lassen, beim Abitur aber nicht? Das widerspricht sich doch!

Es sollte doch umgekehrt sein: Auf dem Weg zum Abitur erschliesst man sich einige Grundlagen, breit gefächert, um die Welt, in der man lebt, besser zu verstehen. Diese Grundbildung dient also (auch) einem "höheren" Bildungszweck, der verfehlt wird, wenn es an Zeit zur Kontemplation fehlt.
Die Fähigkeit, ein wenig philosophisch zu denken, schadet einem nicht, wenn man nach dem Abi eine Ausbildung zum Krankenpfleger macht. Und ein wenig Physik hilft auch in der Schreinerlehre.

Im Studium hingegen spezialisiert man sich. Man optimiert sich und rationalisiert seine Arbeitsmethodik. Alles ist zielgerichteter, und es gibt einen erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Studium und dem späteren Beruf, der nicht nur Berufung ist, sondern in erster Linie Broterwerb (bzw. gesellschaftliche Verantwortung).

Wenn Sie das Schöne und Gute nur jenen vorbehalten wollen, die an der Bildungsspitze stehen, dann fallen Sie in eine Zeit zurück, zu der man noch an den Übermenschen glaubte. Wenn das die Folge der neuen Bürgerlichkeit ist, dann verzichte ich dankend und wünsche mir die 68er zurück!

Bitte das Polemikarsenal wieder einpacken

Die "Übermenschen", "neue Bürgerlichkeit" und "die 68er" sind gewiss nicht Thema meines Kommentars.

Schule soll erziehen und bilden. Wenn das in den zwölf Jahren erreicht werden kann, und in anderen Ländern und Bundesländern wird das ohne bleibende Schäden in zwölf Jahren erreicht, sehe ich keinen Grund, sich einer Reduzierung der Schuljahre grundsätzlich zu verweigern. Ich für meinen Teil war damals heilfroh, diese Zwangsanstalt zu verlassen, die weit von meinem Bildungsideal entfernt ist, und einen freiwillig, nach meinen Interessen und Berufswünschen gewählten Weg einzuschlagen.

Das Studium geht über bloße Ausbildung hinaus. Viele Studiengänge versprechen auch gar keine unmittelbare wirtschaftliche "Anschlussverwendung". So schnell wie möglich das Studium abzuschließen, ist in Ordnung, aber Gründlichkeit geht in der Wissenschaft und in der wissenschaftlichen Lehre vor Schnelligkeit, und den eigenen Horizont abseits der Regelstudienzeit zu erweitern, z.B. während eines Auslandsaufenthalts, nützt in der Regel mehr, als dass es schadet. (Natürlich rede ich damit nicht dem Langzeitstudium von über zwanzig Semestern das Wort.)

Wichtiger als das Klammern an dreizehn Schuljahre ist, wie schon geschrieben, was in der Schulzeit, egal wie lange sie dauert, unterrichtet wird.

Keine Polemik, sondern ein Prozess

Das G8 wurde nicht eingeführt, damit sich genervte Kids früher von der verhassten Schule verabschieden können. Das hatte rein ökonomische Interessen, und bildet damit nur den vorläufigen Schlusspunkt einer historischen Entwicklung.

Es fing mit der Arbeitsteilung an (Entfremdung von der eigenen Arbeit), ging dann weiter mit der Ausweitung der Frauenerwerbsarbeit (Entfremdung der Geschlechter), massenhafter Zuwanderung (kulturelle Entfremdung), Ganztagsschulen (Entfremdung zwischen Eltern und Kindern) und jetzt das verkürzte Abitur (Abkehr vom klassischen Bildungsideal).

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Nicht alle Veränderungen sind schlecht. Arbeitsteilung vermindert Schwerstarbeit und es entstehen neue Formen des selbstbestimmten Arbeitens. Emanzipation ist gut, und kompetente Erzieher oder Lehrer können die Rolle von Eltern teilweise ersetzen. Man sollte aber keine Entfremdungsprozesse zulassen, ohne sie positiv zu kompensieren!

Die kulturelle Entfremdung kann nur akzeptiert werden, wenn die Zuwanderung als reale Bereicherung erlebt wird. Ist das so?

Eine starke Erhöhung der Frauenerwerbsquote muss mit flächendeckend guter Kinderbetreuung komibiniert werden. Haben wir die?

Schrumpfende Löhne kann man nur akzeptieren, wenn Gebühren, Abgaben, Steuern und Sozialversicherung entsprechend sinken.

Wo bleiben die Kompensationen für ein höheres Renteneintrittsalter, für marode Schulen und geschlossene Bibliotheken?

Jetzt wissen Sie, warum ich bei G8 skeptisch bin!

Stimmt

Es geht lediglich darum, Menschen schneller für die Zwecke der Wirtschaft einzusetzen und Kosten zu Sparen, Bildung ist der Politik wurscht, kostet zu viel.

Wenn die Prämisse stimmte, dass G8 bessere Abschlüsse zur Folge hätte, kann man es ja demnächst mal mit G7 probieren. Spätestens jetzt müsste man merken, welch hohles Zeug einem "schmackhaft" gemacht werden soll.

Ökonomisierung der "Bildung"

Wenn man heute den Bildungsauftrag im Sinne einer Art durchökonomisierten "Legebatterie" versteht um möglichst effiziente und leistungsbereite Roboter für die Wirtschaft zu produzieren, dann mag man G8 und Bologna durchaus als großen Erfolg feiern.

Wenn man Bildung jedoch als humanistischen Auftrag versteht, der das reflexive und selbständige Denken fördern soll und den jungen Leuten auch noch ein wenig Freizeit und private Entfaltungsmöglichkeiten gönnen will, dann kann man über die Kolonisalisierung der Bildungswelt durch die Ökonomie nur den Kopüf schütteln.