SchulzeitverkürzungDie Turbo-Abiturienten

Eine Hamburger Studie zeigt: Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium (G8) hat die Leistungen der Abiturienten nicht vermindert, sondern sogar verbessert. von 

Gleich zwei gute Nachrichten aus der Schule. Die erste: Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium, bekannt unter dem Kürzel G8 , führt bei den Abiturienten nicht zu schlechteren, sondern sogar zu etwas besseren Leistungen. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Hamburger Schulsenators. Erstmals in Deutschland werden darin die Leistungen von Abiturienten vor und nach der Schulzeitverkürzung am Gymnasium verglichen. Die Leistungssteigerung zeigt sich in allen getesteten Fächern: Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.

In Hamburg ist dieser Vergleich möglich, weil nach denselben Kriterien die Leistungen der Abiturienten des Jahres 2005 getestet wurden, die noch nach 13 Jahren die Reifeprüfung absolviert haben, sowie jene des Jahres 2011, die nur 12 Schuljahre gebraucht haben. Dabei wurden nicht die Noten verglichen, sondern die erworbenen Kompetenzen, also das, was die Schülerinnen und Schüler tatsächlich können.

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Die zweite gute Nachricht: Diese leichte Leistungssteigerung wurde erreicht, obwohl die Zahl der Abiturienten in Hamburg deutlich gestiegen ist. Waren es 2005 erst 4.826 (32,5 Prozent der Schüler machten Abitur), so waren es im Jahr 2011 beachtliche 7.482 (52,7 Prozent der Schüler machten Abitur). Dabei veränderte sich auch die soziale Zusammensetzung der Abiturienten; der Anteil der Schüler aus sogenannten bildungsfernen Schichten hat sich verdoppelt. Trotzdem führt die Steigerung der Zahl der Abiturienten also nicht, wie von vielen befürchtet, zu einem Leistungsabfall.

Die Studie

Verglichen wurden die Leistungen der Hamburger Abiturienten von 2005 (G9) und 2011 (G8) im Rahmen der sogenannten KESS-12-Studie. KESS steht für "Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern". Seit 2003 überprüft Hamburg damit die Lernentwicklung eines ganzen Schülerjahrgangs. Mit KESS 12 wurden im Mai 2011 die Schüler im zwölften Jahrgang getestet, zwischen dem schriftlichen und dem mündlichen Abitur, also am Ende der gymnasialen Oberstufe. Getestet wurden die Kompetenzen in Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften. Der Vergleich ist möglich, weil Hamburg schon seit Jahren die Kompetenzen seiner Schüler mithilfe empirischer Studien überprüft. Vorgänger von KESS war LAU, die "Lernausgangslagenuntersuchung", mit der auch der 2005er Abiturientenjahrgang untersucht wurde.

Interessant ist, dass gerade die besten Schüler von der Gymnasialzeitverkürzung profitiert haben. Im Vergleich mit den 500 besten Abiturienten des Jahrgangs 2005 zeigen jene des Jahres 2011 deutlich bessere Leistungen.

Die Ursache für die besseren Leistungen liegt vermutlich nicht nur in der Leistungsverdichtung, die den Schülerinnen und Schülern mehr Anstrengung abverlangt, sondern auch darin, dass die Abiturienten des Jahrgangs 2011 mehr Unterrichtsstunden in den getesteten Fächern absolvieren mussten als die 2005er.

Wo die Schwächen der Hamburger Abiturienten liegen, zeigt die Studie auch: Das untere Leistungsviertel schneidet im Jahr 2011 in Mathematik und den Naturwissenschaften schwächer ab als das im Jahr 2005. Man wird in Hamburg also viel investieren müssen, damit alle Abiturienten in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern die Mindeststandards für ein Abitur erreichen, das mit dem in Baden-Württemberg oder Sachsen vergleichbar ist. Frühere Studien haben gezeigt, dass im Vergleich der Bundesländer die Hamburger Schüler in Englisch zwar sehr gute Leistungen zeigen, in Mathematik jedoch deutlich gegenüber den Spitzenländern zurückfallen.

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Leserkommentare
  1. ... die ich nicht selber gefälscht habe:

    Die Leistungen werden also "besser" - dabei wurde der Stoff doch gekürzt, auf "Kernkompetenzen" reduziert. Des weiteren wird immer häufiger der Schritt zur Ganztagsschule nötig, auch wenn die Schulen dieses eigentlich nicht bieten können (keine ordentlichen Kantinen, keine Sport- und Freozeitangebote)...

    Das Turbo-Abi ist quatsch. Deutschland hatte mal eines der besetn Bildungssysteme der Welt. Nur muss man GELD in die Hand nehmen - und dass will man nicht. Ohne Geld ist jedes Reförmchen zum Schietern verurteilt.

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    der Welt

    und wissen Sie, wann genau das war?

    als sich für die Bildung des Prekariats noch niemand interessierte.

    Hauptsache Akademiker-Kinder können wieder Akademiker werden und Geld bleibt bei Geld.

    da macht ein Dreigliedriges System allemal Sinn.

    dass der Schwache vom Starken profitiert und nicht der Starke durch den Schwachen abfällt, ist im Sport Alltag und wurde auch im Westen der Republik nie angezweifelt. Warum soll das in Sachen Bildung anders sein???

    leistungsstarke Schüler können die schwächeren motivieren und mitziehen, es gab zu DDR-Zeiten (Vorbild des Finnischen Schulsystems, dass bis dato in Pisa nicht schlecht dasteht) Nachhilfe für schwache Schüler durch starke Schüler im entsprechenden Fach.
    Es soll heute Ganztagsschulen geben, die es ebenso handhaben.

    Warum im Übrigen das System Ganztagsschule gleich verteufeln, nur weil noch nicht überall die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden?

    Ich habe im letzten Jahrtausend mein Abi gemacht. Für uns war das "neue" G8 altbewerter Standard und wir hatten keine "Kürzungen" im Stoff gegenüber den G9 anderer Länder, oder vermeintlichen Qualitätverlust.
    Der verortete Stress und die vermeindliche Kürzung liegt am jeweiligen Kultus und deren freiwilligen "Unwissenheit" in der Organisation eines G8 Abis und die Verweigerung gegenüber einem Zentralabitur - bei dem sich Schulen nicht auf ihrer eigenen Faulheit ausruhen kann, indem sie das Abitur auf ihren Bildungsstand abstimmen können.

    • Capo321
    • 28. November 2012 0:45 Uhr

    haben sie ganz recht.

    In Bayern zählen nun die mündlichen Noten genauso viel wie die schriftlichen Noten (die früher im G9 das doppelte der mündlichen zählten).
    Rechnet man diesen Unterschied raus ergeben sich die gleichen Notenschnitte wie zuvor.

    Diese Maßnahme war aber notwendig, um sich zu rechtfertigen, da man jahrelang kein Geld für gutes Schulmaterial ausgegeben hat und dann ein Schulsystem einführte für das komplett neue Bücher geschrieben & gekauft werden mussten.....

    Auf eine Anfrage an einen Abgeordneten bekam ich die Antwort, dass man das tue, um damit die Abiture der Bundesländer vergleichbarer würden. Was prinzipiell aber bedeutet, dass man mit den Anforderungen herunter geht, was zu mehr sehr Einserschnitten führt.

    Dass das so passiert ist können sie hier auf Zeit.de nachlesen. Infolgedessen mussten nämlich die Kriterien für die Hochbegabtenförderung heraufgesetzt werden, weil es zu viele wurden.

    Fazit: Das G8 ist Mist. Es nimmt Jugendlichen 1 Jahr, um erwachsen zu werden und sich selber zu finden. Manche kommen an die Unis und sind noch nicht einmal volljährig. In dem Alter sollen sie aber schon ihre Studienwahl treffen und nach Möglichkeit nicht abbrechen, damit sie bald arbeiten können (dürfen sie aber nicht... sie machen Praktikaaaa)....
    Man fragt sich ob die Verantwortlichen nicht selber lieber noch ein bisschen in die Schule hätten gehen sollen oder ob sie eventuell selber Praktikanten sind.

    der welt besessen haben? mein vater ging in der ddr zur schule und nach seiner flucht in westdeutschland zur schule. er war blassiert, um es vornehm auszudruecken

    • rpor_d
    • 03. Dezember 2012 1:29 Uhr

    Da ist er wieder, der altbekannte Trugschluß, der nicht totzukriegen ist. Die Deutschen hatten nie ein besonders gutes Schulsystem. Vielmehrer BEHAUPTETEN die Deutschen immer nur, sie hätten das beste Bildungssystem. Ist doch logisch, oder? Woher sollten sonst die weltberühmten Erfinder, Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure etc. kommen?

    Klassischer Fehlschluß, der im Übrigen schon im 19. Jahrhundert besonders unter preußischen Schulexperten erbittert diskustiert wurde: Nicht die ALLGEMEINBILDENDE SCHULE glänzte im Deutschen Reich, sondern die UNIVERSITÄT VON HUMBOLDT konnte hunderte von Biographien späterer Berühmtheiten ZURECHTBIEGEN und Fehler des dreigliedrigen Schulsystems KOMPENSIEREN.

    Man lese durch die Biographien unzähliger deutscher Größen der Mathematik, Physik, Elektrotechnik, Chemie etc. und stellt zur Salzsäule erstarrt fest, wie oft pures Glück und der richtige unangepaßte Lehrer zur richtigen Zeit entscheidend halfen, Talente zu entwickeln, Begabte an das Gymnasium zu hieven oder den Universitätsbesuch zu ermöglichen.

    Nein, schon die und die Art und Weise wie das gegliederte Schulsystem als politischer und ständegesellschaftlicher Auslesemechanismus entstand, schließt die Möglichkeit aus, daß hier bewußt ein zukunftsweisendes Schulwesen enstehen sollte. Fächer wie Mathe, Naturwissenschaften und Technik wurden bis 1900 absolut ignoriert und werden noch heute gegenüber den textlastigen Geiseswissenschaften vernachlässigt und geringgeschätzt.

    • hh7842
    • 27. November 2012 13:18 Uhr
    2. Prima!

    Endlich ein positiver Beitrag, der dem allgemeinen Gejammere etwas Messbares entgegensetzt. Freue mich sehr über den Bericht und über das Ergebnis!

    • bernd64
    • 27. November 2012 13:20 Uhr

    " sondern auch darin, dass die Abiturienten des Jahrgangs 2011 mehr Unterrichtsstunden in den getesteten Fächern absolvieren mussten als die 2005er. "

    Also es wurde mehr gelernt, weil MEHR unterrichtet wurde.
    Wen wundert das? Welchen Zusammenhang gibt es zu G8 ?

    "Das untere Leistungsviertel schneidet im Jahr 2011 in Mathematik und den Naturwissenschaften schwächer ab als das im Jahr 2005. "

    Also selbst in den Bereichen wo mehr unterrichtet wurde, schneidet das untere Viertel schlechter ab.
    Liegt aus meiner Sicht weniger an G8 als der Erhöhung der Abiturientenquote.

    Natürlich hat G8 nicht zu einer "Verdummung" geführt sondern zu weniger Freizeit, die eben nicht nur zum "Gammeln" sondern auch sinnvoll außerschulich genutzt werden könnte. Das wird häufig beklagt sowie der größere Schulstress durch die Stoffverdichtung, wobei dass aber bei mehr Stunden für ein Fach gerade nicht gilt.

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    Redaktion

    Wer alles weiß, den wundert natürlich nichts ...

    Richtig, die Hauptkritik an G8 ist die, dass die Schüler dadurch zu wenig Freizeit haben. Oder zu wenig in der Schule reifen können. Dazu habe ich schon längerer Zeit einen Kommentar geschrieben: http://www.zeit.de/2011/26/C-G8-Turbo-Abi/komplettansicht

    Aber einige kritisieren G8 auch, weil sie befürchten, dass die Leistung dadurch absinke. Und die haben nun ein Argument weniger.

    • Kelhim
    • 27. November 2012 15:29 Uhr

    Damit ist entweder eine relative Steigerung der Schulstunden gemeint oder eine absolute. Insgesamt hatten die Abiturienten von 2005 vermutlich mehr Schulstunden, weil sie ein Jahr länger zur Schule gingen, aber im Vergleich zu denen von 2011 weniger pro Woche. Das geht aber aus dem Artikel nicht eindeutig hervor, und ich finde auf die Schnelle auch in der Zusammenfassung der Studienergebnisse keine Antwort auf diese Frage.

    Die im Durchschnitt leicht gestiegenen Leistungen sind sicher ein Erfolg für das Abitur in zwölf Jahren. Ich halte es auch für richtig, und in anderen Ländern und Bundesländern funktioniert es schließlich ebenfalls. Meine Kritik betrifft nur die Beibehaltung der gleichen Menge "Stoff" in kürzerer Zeit, darum wundert mich der leichte Leistungsrückgang bei den schwächsten Schülern nicht. Die hätten wahrscheinlich schon bei dreizehn Jahren Schwierigkeiten gehabt, aufzuholen. Die Lehrpläne sollte man zugunsten der Schüler anpassen, aber ansonsten sehe ich keine Probleme, die ihre Ursachen in G8 hätten.

  2. Wenn ich Hamburg und Schule in einem Satz lese dann kräuseln sich meine Nackenhaare!

    Desweiteren nicht vergessen, dass IGS und andere neue gymnasiale Systeme das bisherige Bildungssystem unterwandertemn und seit 2005 meiner Empfindung nach auch die Qualität insgesamt senken.

    Ähnlich passiert auch mit den Fach- und Hochschulen und den neueren (1960+) Universitäten.

    Fragen Sie doch mal nach der Durchfallqoute Elektrotechnik I in Hannover aus dem letzten Sommersemester!!!
    Da sind dann die 52,7 % mehr zu finden.

  3. Wenn ich als Sachse diesen Begriff lese kommt mir ja fast der Lachkrampf.
    Ich habe mein Abi ebenfalls in 12 Jahren gemacht und ich hatte nie das Gefühl überfordert zu sein bzw. eine schlechte Lehre gehabt zu haben. Alles was ich an Grundlagen für mein Studium brauchte, habe ich in der Schule gelernt.

    Für mich eine reine Zeitschinderei.

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    Die Sozialpolitikerin Regine Hildebrandt hat den Unterschied zwischen G8 und G9 einmal damit charakterisiert, dass sie sinngemäß meinte:.....die Wessis haben eben zusätzlich ein Jahr Schauspielunterricht....

    Ich als Wessi kann auch nicht begreifen, warum man bei G8 nicht einfach sich im Osten erkundigt hat, wie man das macht. Die DDR ist ja nun wahrlich nicht deshalb zusammengekracht, weil ihr Abitur zu billig war.
    Im Stoff könnte man problemlos eine Menge Faktenwissen kürzen. Das wäre auch bitter nötig, um Platz zu schaffen für das Gerüst, die Fakten einzuordnen, und das Trainieren von Fähigkeiten und Fertigkeiten.
    Aber Statistik in Hamburg... Die Abiturientenquote erhöht sich, und sie wundern sich, warum das untere Viertel weniger kann. Schöner kann man Vorurteile nicht bestätigen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Abitur | Gymnasium | Mathematik | Naturwissenschaft | Schuljahr | Schüler
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