GrundschulstudienEs ist der Unterricht!

Die neue Grundschulstudie ist ein Weckruf. Jetzt müssen die Lehrer unterstützt werden. Alles andere ist Schnickschnack, kommentiert Thomas Kerstan. von 

Ja, wer am deutschen Bildungssystem verzweifeln will, dem bietet der neue internationale Grundschulvergleich wieder Stoff. Elf Jahre nachdem der Pisa-Schock unser Land aufgerüttelt hat, können die deutschen Viertklässler nicht besser lesen als damals. Weiterhin lesen mehr als zehn Prozent von ihnen so schlecht, dass sie dem Unterricht auf der weiterführenden Schule nicht folgen können.
 
Im internationalen Vergleich geben die deutschen Grundschulen im Durchschnitt damit zwar kein schlechtes Bild ab, aber viele haben insgeheim mit einem Sprung nach vorn gerechnet. Starteten nach dem Pisa-Schock doch zahlreiche Vorleseinitiativen, wurden Sprachtests zur Regel und diverse Förderprogramme aufgelegt. Und nun die Ernüchterung.

Doch genau in dieser Ernüchterung liegt die Chance. Wären die Leseleistungen gestiegen, hätte die Bildungspolitik sich weiter durchwursteln können – indem sie irgendwelche Fördermaßnahmen startet, bei Kindergartenplätzen nur auf Masse achtet, bei Ganztagsschulen das Geld nur in Mensen investiert statt in pädagogische Konzepte.

Doch nun zwingt die Grundschulstudie neu zum Nachdenken. Das Signal an die Bildungspolitik lautet: Volle Konzentration auf die Qualität des Unterrichts, alles zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer! Alles andere ist Schnickschnack. Viele Fördermaßnahmen (ein Skandal für sich) wurden nicht auf ihre Wirksamkeit getestet.

Heute wissen wir jedoch mehr über die Erfolgsfaktoren der Schule als vor elf Jahren und haben mehr Mittel, Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern. Wir wissen zum Beispiel, dass kleinere Klassen (dem Volksglauben zum Trotz) den Schülern nicht helfen, aber irre teuer sind. Sinnvoller wäre es, das Geld in den Einsatz von Zusatzlehrern zu investieren, die schwache und starke Schüler gezielt fördern.

Mit den Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten haben die Lehrkräfte ein gutes Instrument, um die Leistungen ihrer Schüler objektiv zu testen. Die Politik ist hier gefordert, die Lehrer im Einsatz dieser Mittel zu schulen – und ihnen die nötige Unterstützung zu geben, wenn sie Hilfe brauchen, um ihre Schüler so gezielt wie möglich zu fördern.

Wir wissen aus anderen Ländern auch, dass – wenn die Unterstützungsmaßnahmen nicht greifen – ein neuer Schulleiter oder eine neue Schulleiterin leistungssteigernd wirken kann. Oder dass chronisch schwache Schulen auch geschlossen werden können. Wir wissen, dass auch in der 5. und 6. Klasse noch expliziter Leseunterricht nötig ist.

Und wir wissen, dass die Änderung von Schulstrukturen keine Auswirkung auf die Leistungen hat. Wie viel Kraft wird frei, wenn die leidige Strukturdebatte endlich begraben ist! Wenn die Bildungspolitik in diesem Sinne ihre Kraft darauf konzentriert, Lehrer zu unterstützen und die Qualität des Unterrichts zu heben, dann wäre die neue Grundschulstudie ein Weckruf zur richtigen Zeit gewesen.

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Leserkommentare
  1. ... und nachdem ich in den Genuss gekommen bin, das Lehramtstudium und die zugehörigen Studenten der Mathematik an der Universität kennenzulernen, wundert mich nicht, dass bei den Schülern nicht viel ankommt.

    Auf eine staatliche Schule werden meine Kinder jedenfalls nicht gehen.

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    • alkyl
    • 11. Dezember 2012 13:08 Uhr

    denn auch nicht-studierte Mathelehrer?

    Reformpädagogik gibt's seit über hundert Jahren, freie Konzepte werden seit 30..40 Jahren praktiziert, oft gegen den Widerstand der staatlichen Bildungsbürokratie. Im Großen und Ganzen hat das "offizielle" Bildungssystem sich als weitgehend resistent gg. deren Einflüsse erwiesen...Der Eindruck drängt sich auf, das keine Veränderung erwünscht ist. Vorschläge und unterstützenswerte Initiativen gibt's jedenfalls zu Hauf:

    http://www.schule-im-aufbruch.de/
    http://www.roadshow-lernlust.de/
    http://www.apfelundei.org/cms/
    http://www.mit-ein-anders.de/
    http://sinn-stiftung.eu/

    die Mathekompetenz an Privatschulen freuen.
    Da diese freier in der Unterrichtsgestaltung sind, darf sich dort auch ein Religions- oder Musiklehrer im Matheunterricht verwirklichen.

    Mein älterer Sohn geht auf eine Privatschule und was wir da schon erlebt haben geht auf keine Kuhhaut. Und Sie haben dort weder mehr noch bessere Lehrer. Und das was Sie an einer öffentlichen Schule haben sind hier die Helikoptereltern, die jedem Lehrer gleich mit Klage drohen, weil ihr Sprössling in der Arbeit die Leistung nicht erbracht hat. Und natürlich die Wohlstandsverwahrlosten.

    Der Artikel bringt es schon auf den Punkt. Es kommt auf die Lehrer an. Ein Lehrer, der vom Unterrichten und von seinem Fach begeistert ist und die Kinder begeistern kann, bringt mehr, als alle Strukturreformen.

    • kascho
    • 12. Dezember 2012 11:54 Uhr

    Studien belegen, dass deutsche Privatschulen nicht leistungsstärker sind als die Staatlichen. Das Geld können Sie also sparen.

  2. Eine weitere rot-grüne Landesregierung macht gerade (ohne Not) eine der am besten funktionierenden Bildungslandschaften Deutschlands in BaWü platt, jetzt fehlen nur noch Bayern und Sachesen. Dann hat man endlich alle Bildungssysteme klein gekriegt, die Bremer Lehrern zeigen könnten, dass höhere Leistungsanforderungen auch zu höheren Leistungen führen.
    Da das nicht sein darf, werden sozialistische Gleichmacher weiter dafür "kämpfen", dass endlich, endlich das deutsche Schulsystem auf dem niedrigsten gemeinsamen Niveau vergesamtschult wird. Unter dem Label der Chancengerechtigkeit oder unter Berufung auf obskure bildungspädagogische Studien aus den siebzigern.
    Ja, ich halte das für Absicht. Weshalb Ihr Appell nicht nur zu spät kommt, sondern auch noch vergeblich bleiben wird. Wer ihn dringend hören müsste, hat eine andere Agenda, als das Bildungsniveau von Schülern.

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    "Unter dem Label der Chancengerechtigkeit oder unter Berufung auf obskure bildungspädagogische Studien aus den siebzigern."
    Das Fundament für diese bildungspolitische Ideologie wurde in den 60ern gelegt, 68 um genau zu sein.

    • etiam
    • 12. Dezember 2012 10:57 Uhr

    Danke für Ihren Kommentar, der das Problem des deutschen Schulsystems, wie ich finde, auf den Punkt bringt - all die Vergleichsstudien haben für Deutschland durchgängig und wiederholt ein Ergebnis erbracht:
    BY/BW/SA/TH teilen sich (selbst sozialkontextbereinigt) die Spitzenpositionen und vertreten zugleich die Antithese zur 68er-Beschulungsideologie.
    Diese erkennt ob der frapierend eindeutigen Beweise ihr Scheitern aber nicht an, sondern beharrt weiter auf den als nicht funktionsfähig bewiesenen Grundannahmen.
    Solange ein erheblicher Teil der Bildungspolitiker diese Realitäten wegen einer psychopatholgisch anmutenden ideologischen Verblendung (oder aber aus Machtkalkül?) nicht wahrnimmt, kann wohl auch keine Besserung kommen.

    Zum Glück kann ich in Bayern meinen Kindern das Dasein als schulideologisches Versuchskaninchen ersparen und mit ansehen, wie sie an vernünftigem Gefordert-Sein wachsen!

  3. Ich bin doch etwas erstaunt über die apodiktische Art und Weise, in der hier sogenanntes "Wissen" behauptet wird. Dass es keinen Zusammenhang zwischen Klassengröße und Lernerfolg gibt, ist meines Wissens keineswegs so klar, wie das hier dargestellt wird. Sie sollten außerdem mal eine Umfrage bei Lehrern machen, welche Wirkung kleinere Klassen auf deren Stressempfinden und Arbeitshaltung haben. Ich bin mir sicher es würde zu deutlichen Ergebnissen kommen. Wenn Sie sich dann zusätzlich mal die Burnout-Quote unter Lehrern anschauen, stellt sich die Aussage, kleiner Klassen seien viel zu teuer, unter Umständen ganz schnell als Milchmädchenrechnung heraus...

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    Ich bin Referendar an einem Gymnasium in Niedersachsen. Die Klassen werden bei uns momentan teilweise verkleinert. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob 32 oder 25 Schüler in einer Klasse sitzen. Es geht in einer kleinen Klasse in der Regel ruhiger zu. Schön wäre auch die Möglichkeit, notorisch störende Schüler auf andere Parallelklassen verteilen zu können. Zwei Störer in einer Klasse - kein Problem, vier oder fünf, die dazu noch auf alle Ecken des Klassenraums gleichmäßig verteilt sind, und das Leistungsniveau der gesamten Klasse sinkt ab. Zwei Lehrer in jedem Klassenraum wären auch auf dem Gymnasium sicher kein Fehler, denn auch dort gibt es viele Schüler, die mehr Unterstützung brauchen.

    Die beiden wichtigsten Aufgaben des Staats sind die Bereitstellung von Infrastruktur und Bildung. Wenn die beiden Parameter stimmen, hat die Wirtschaft nur Vorteile davon.

    • alkyl
    • 11. Dezember 2012 13:08 Uhr

    denn auch nicht-studierte Mathelehrer?

    Eine Leserempfehlung
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    ...die nicht Legehennenbetriebsmäßige Ausbildungen genossen haben, wie es an der Massenabfertigungsanstalt Universität geschieht.

    Ich wähle eben gerne das Geeignetste aus und vertaue nicht blind auf Papa Staat.

  4. erst aufwacht und meint, Weckrufe medial verstärken zu müssen - naja, dann muss der Schlaf sehr tief gewesen sein.
    In weiten Teilen stimme ich dem Plädoyer trotzdem zu,
    auch wenn
    überhaupt nicht erklärt werden kann, wieso LehrerInnen heute angeblich der Vergleichsarbeiten und Bildungsstandardas bedürfen, wenn die Leistungen früher offenbar besser waren. Und auch nicht klar ist, warum LehrerInnen geschult in der Auswertung ausgerechnet dieser Test geschult werden müssen, obwohl sie die Leistungsschwächen sowieso sehen!
    Unterstützung der LehrerInnen - JA - unbedingt! Und - JA - unbedingt durch mehr Personal und Finanzmittel! Aber - NEIN - für mehr Bürokratie (Stichwort: Überwachung der Standardisierung durch die LehrerInnen).

    • Xdenker
    • 11. Dezember 2012 13:17 Uhr

    Vor einiger Zeit schon bekam ich einmal aktuelle "Schulbücher" zu Gesicht. Sie erschienen mir wie Malbücher und Comichefte.

    • Ron888
    • 11. Dezember 2012 13:22 Uhr

    Bildung ist in Deutschland ein Milliardengeschäft. Wo früher ein Lese- und ein Sprachbuch für den Deutschunterricht ausreichten, wird Wissen heute geschäftstüchtig durch die Verlage auf immer mehr Bereiche aufgesplittet. Die seperat bestellbaren Lehrerhandbücher, die Kopiervorlagensammlung, die Übungsbücher zum direkten Beschreiben für Schüler, die Softwareunterstützung für Computerraum und Smartboards sowie weitere Medienpakete. Diese vielfältigen Handreichungen machen nur Sinn, wenn das einzelnen Werk unvollständig bleibt und nicht zum Lernerfolg führen kann. Diese brutale Logik nutzen viele Verlage eiskalt - die Qualität der Lehrwerke wird zum Teil immer erbärmlicher!

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    Die alten tun noch nach fünfzig Jahren getreu ihren Dienst, neue sind spätestens nach zwei Jahren defekt.
    Damit das so bleibt, wird von den Bildungsverlagen ca. alle 5 Jahre das Rad neu erfunden.
    Immer dann, wenn alle Schulen des letzten Turnus auf neue Methoden und Lehrwerke umgestellt haben, folgt die nächste Runde.
    Schlimm, dass das von den Verlagen veranstaltete brainwashing regelmäßig Eingang in die Schulverwaltung findet.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bildungspolitik | Ganztagsschule | Geld | Konzentration | Lehrer | Mensa
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