Ja, wer am deutschen Bildungssystem verzweifeln will, dem bietet der neue internationale Grundschulvergleich wieder Stoff. Elf Jahre nachdem der Pisa-Schock unser Land aufgerüttelt hat, können die deutschen Viertklässler nicht besser lesen als damals. Weiterhin lesen mehr als zehn Prozent von ihnen so schlecht, dass sie dem Unterricht auf der weiterführenden Schule nicht folgen können.
 
Im internationalen Vergleich geben die deutschen Grundschulen im Durchschnitt damit zwar kein schlechtes Bild ab, aber viele haben insgeheim mit einem Sprung nach vorn gerechnet. Starteten nach dem Pisa-Schock doch zahlreiche Vorleseinitiativen, wurden Sprachtests zur Regel und diverse Förderprogramme aufgelegt. Und nun die Ernüchterung.

Doch genau in dieser Ernüchterung liegt die Chance. Wären die Leseleistungen gestiegen, hätte die Bildungspolitik sich weiter durchwursteln können – indem sie irgendwelche Fördermaßnahmen startet, bei Kindergartenplätzen nur auf Masse achtet, bei Ganztagsschulen das Geld nur in Mensen investiert statt in pädagogische Konzepte.

Doch nun zwingt die Grundschulstudie neu zum Nachdenken. Das Signal an die Bildungspolitik lautet: Volle Konzentration auf die Qualität des Unterrichts, alles zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer! Alles andere ist Schnickschnack. Viele Fördermaßnahmen (ein Skandal für sich) wurden nicht auf ihre Wirksamkeit getestet.

Heute wissen wir jedoch mehr über die Erfolgsfaktoren der Schule als vor elf Jahren und haben mehr Mittel, Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern. Wir wissen zum Beispiel, dass kleinere Klassen (dem Volksglauben zum Trotz) den Schülern nicht helfen, aber irre teuer sind. Sinnvoller wäre es, das Geld in den Einsatz von Zusatzlehrern zu investieren, die schwache und starke Schüler gezielt fördern.

Mit den Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten haben die Lehrkräfte ein gutes Instrument, um die Leistungen ihrer Schüler objektiv zu testen. Die Politik ist hier gefordert, die Lehrer im Einsatz dieser Mittel zu schulen – und ihnen die nötige Unterstützung zu geben, wenn sie Hilfe brauchen, um ihre Schüler so gezielt wie möglich zu fördern.

Wir wissen aus anderen Ländern auch, dass – wenn die Unterstützungsmaßnahmen nicht greifen – ein neuer Schulleiter oder eine neue Schulleiterin leistungssteigernd wirken kann. Oder dass chronisch schwache Schulen auch geschlossen werden können. Wir wissen, dass auch in der 5. und 6. Klasse noch expliziter Leseunterricht nötig ist.

Und wir wissen, dass die Änderung von Schulstrukturen keine Auswirkung auf die Leistungen hat. Wie viel Kraft wird frei, wenn die leidige Strukturdebatte endlich begraben ist! Wenn die Bildungspolitik in diesem Sinne ihre Kraft darauf konzentriert, Lehrer zu unterstützen und die Qualität des Unterrichts zu heben, dann wäre die neue Grundschulstudie ein Weckruf zur richtigen Zeit gewesen.