Leserartikel

SchuleWas unseren Kindern fehlt

Leserin S. Schapal ist Grundschullehrerin. Sie beobachtet, dass es ihren Schülerinnen und Schülern immer häufiger an der nötigen Fürsorge und Erziehung fehlt. von Sabine Schapal

Mein Beruf ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Dieses Spiegelbild macht mir mittlerweile Angst. Windpocken und Mumps waren gestern, heute sind typische Kinderkrankheiten Wahrnehmungs- und Entwicklungsstörungen. Das ist meine Erfahrung aus 17 Jahren als Grundschullehrerin an vier Schulen. Soziale Randgebiete mit hohem Ausländeranteil waren dabei, auch Bezirke mit hohem Bildungsniveau.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Als ich zur Schule gegangen bin, musste ich mir die Schuhe binden können. Das können jetzt die Wenigsten. Nicht, dass Schuhe binden ein entscheidendes Kriterium wäre. Aber es ist eines von vielen Beispielen dafür, was unseren Kindern heute fehlt. So kann ich in meiner Klasse den ersten Unterrichtsblock nicht durchgängig unterrichten, weil viele Kinder nicht gefrühstückt und einfach Hunger haben.

Anzeige

Eine Familie, die sich um ihr Kind kümmert, erkennt man an der Federtasche. Heute sehe ich Federtaschen von Erstklässlern, in denen kaum noch Stifte sind – und wenn, dann abgebrochene. Radiergummi? Fehlanzeige! Selbstverständlich habe ich immer einige Ersatzscheren und Ersatzkleber im Schrank. Auch Kekse, Knäckebrot und Zwieback stehen auf meiner privaten Einkaufsliste.

Früher war ich nur Lehrerin, mittlerweile werde ich immer mehr zum Allroundversorger. Dank Inklusion auch zur Sonderschullehrerin. Trotz alledem: Ich habe den wunderbarsten Beruf, den man sich vorstellen kann. An jedem meiner Arbeitstage freuen sich 20 kleine Menschen, dass ich da bin. Ich darf miterleben, wie diese kleinen Menschen Lesen lernen, ihre ersten Wörter und Sätze stolz aussprechen. Ich darf miterleben, wie aus kleinen Menschen immer stärkere Persönlichkeiten werden, die sich über vier Jahre weiterentwickelt haben.

Wir alle müssen gemeinsam etwas dafür tun, damit die Zustände an vielen deutschen Schulen nicht eskalieren. Gefragt sind zum einen die Eltern: Sie sollten wieder mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und Verantwortung übernehmen. Ich erlebe immer wieder, dass unangenehme Dinge gerne auf andere Institutionen abgewälzt werden. Ich wünsche mir von den Eltern endlich auch mal wieder Erziehung. "Danke" und "bitte" zu sagen, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich.

Gefragt sind auch unsere Politiker: Deutschland gibt zu wenig Geld für Bildung aus. Die Probleme werden totgeschwiegen und wir Lehrer fühlen uns allein gelassen.

Ich möchte nicht mehr erleben, dass mindestens zwei Kinder einer Klasse mit ihren Problemen allein gelassen werden, weil sie keine Förderung erhalten. Ich möchte, dass auch Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland eine faire Chance bekommen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Sie beobachtet, dass es ihren Schülerinnen und Schülern immer häufiger an der nötigen Fürsorge und Erziehung fehlt."
    -------------
    In Zeiten von Zweit- und Drittjobs beiter Elternteile (wir erinnern uns: Seit Schröder so gewollt!) zur Sicherung des Lebensunterhalts und nebenher lebenslangem Lernen haben die Eltern logischer Weise weniger Zeit mit ihren Kindern. Da wird sowas dann gerne in die Schule outgesourct. Oder man bekommt eben keine Kinder mehr.
    Dieses Resultat war doch vor 15 Jahren schon absehbar. Ich muss mich über die erstaunten Gesuchter da schon manchmal wundern.
    Das Beste ist: Der Trend wird sich noch weiter verschärfen!

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich denke, da muss man unterscheiden. Konstruktive Kritik an Erziehung kann man durchaus annehmen und sehr wohl darüber sprechen, ohne sich angegriffen zu fühlen.
    Da fehlt es sicher bei einigen.

    Bei den genannten Beispielen kann ich den Affekt von "Jaja, wir Rabeneltern" aber gut verstehen.
    Fast alle Eltern kennen das, dass man alleine schon, weil man Elter ist, alles per Definition falsch macht. Das fängt beim Säugling an und hört beim 16jährigen noch nicht auf.
    Auch ein Gesellschaftsspiegel, dass immer die anderen die Fehler machen.

    Das Federmäppchen als Beispiel im Ganzen bleibt ein gutes Beispiel für das Nichtkümmern. Aber eben nur als Ganzes, also kaum Stifte, kein Radiergummi, kein Spitzer. Das Bild wird dann rund, wenn andere Dinge diesem folgen.
    Nur bleibt es nicht aus, dass schon einzelne Aspekte zu Kritik führen, die dann übers Ziel hinausschießt und mit Recht eine Abwehrhaltung erzeugt.

    Die grundsätzliche Skepsis von Eltern gegen Kritik stammt übrigens nicht aus einer Vorstellung, man mache selbst alles richtig, sondern sie ist Schutz der Integrität der Erziehung, die zudem auch einen Teil der Privatsphäre darstellt. Wenn da nämlich jeder dran "rumdreht", wird das auch nix. Das mag manchmal zu falscher Abwehr führen, vom Grundsatz ist es aber richtig und notwendig.
    Welches Vertrauen soll ein Kind entwickeln, wenn es sieht, dass sich seine Eltern von anderen vorschreiben lassen, wie sie mit ihm umgehen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zur Eigentständigkeit erziehen und laissez-fair-Erziehung sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

    Erziehen tun und sollen Eltern ihre Kinder wie sie das für richtig halten.

    Trotzdem sind Eltern dafür verantwortlich, wenn das Mäppchen des Kindes (drastisch ausgedrückt) einen verwahrlosten Eindruck macht.

    Zu Hause sagt man dem Kind: "Pack deine Schultasche", denn das Kind soll das ab einem gewissen Punkt eigentständig können. Ich habe allerdings immer noch "heimlich" nachkontrolliert, ob auch wirklich alles darin war und ggfls. noch einmal nachggehakt "Hast du auch an das Bioheft gedacht?". So verstehe ich das mit dem "Kind zur Eigenständigkeit erziehen". Aber andere Eltern verstehen das eben anders - da will ich niemandem reinreden (möchte ich andersrum genauso wenig).

    Die eigentliche Erziehung bleibt den Eltern überlassen. Verantwortlich sind sie dennoch und zur Verantwortung dürfen (und müssen! in manchen Fällen) sie auch gezogen werden (dürfen!).

  3. Zur Eigentständigkeit erziehen und laissez-fair-Erziehung sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

    Erziehen tun und sollen Eltern ihre Kinder wie sie das für richtig halten.

    Trotzdem sind Eltern dafür verantwortlich, wenn das Mäppchen des Kindes (drastisch ausgedrückt) einen verwahrlosten Eindruck macht.

    Zu Hause sagt man dem Kind: "Pack deine Schultasche", denn das Kind soll das ab einem gewissen Punkt eigentständig können. Ich habe allerdings immer noch "heimlich" nachkontrolliert, ob auch wirklich alles darin war und ggfls. noch einmal nachggehakt "Hast du auch an das Bioheft gedacht?". So verstehe ich das mit dem "Kind zur Eigenständigkeit erziehen". Aber andere Eltern verstehen das eben anders - da will ich niemandem reinreden (möchte ich andersrum genauso wenig).

    Die eigentliche Erziehung bleibt den Eltern überlassen. Verantwortlich sind sie dennoch und zur Verantwortung dürfen (und müssen! in manchen Fällen) sie auch gezogen werden (dürfen!).

    Eine Leserempfehlung
  4. ist berechtigt – aber einäugig.
    Es wird von elterlicher Verantwortung geschrieben, aber nicht gesagt wer die praktisch ausübt:
    Die Mutter bzw. Mütter.
    Der väterliche Part richtet sich heute i.d.R. nach den partnerschaftlichen Aushandlungen, wobei die ach so moderne Mutter – zugleich eine erzieherische Führungsrolle inne – und diese ausgebaut hat.

    Das erklärt, warum der familienpolitisch gestützte Ruf nach mehr und besserer Kinderbetreuung – und pädagogisch versierterer Beschulung so viel lauter ist, als der nach einer geschlechteregalitäreren – bzw. paritätischen familiären Organisation elterlicher Erziehungspraxis.
    Meine Beobachtung, als hauptverantwortlich erziehender
    Vater, ist:
    fast alle Mütter bevorzugen die Erziehungspartnerschaft mit dem weibl. Personal statt mit dem Vater und festigen damit eine Art Generationen – und Professionen übergreifenden mütterlichen Besitz – und Berufsstand, der sich aus den Vorteilen dieser Kooperation mit dem strukturellen Paternalismus seit der Industriegesellschaft erklärt.

    Die Schwächen der mütterlicherseits daraus abgeleiteten Erziehungsstile erklären sich aus der wenig zeitgemäßen familiären Arbeitsteilung in einer postindustriellen Gesellschaft, die die Lösung der mütterl. Vereinbarkeitsdilemma in der Ausweitung des paternalistischen Bündnisses durch mehr Kontrolle, institutionelle Befugnisse ggü Familien usw. sieht, die Väter außen vor lässt und so den „Erziehungsnotstand – durch hegemoniale Mütterlichkeit“ noch verschärft.

  5. Ich erlebe sie sehr oft in unserer hiesigen Grundschule, die Kinder, die keine gespitzten Buntstifte, keinen Radierer, allenfalls einen Bleistiftstummel im Mäppchen haben.
    Dennoch: wenn Eltern ihren Kinder diese Basis an Fertigkeiten (Planung, Vorbereitung auf den nächsten Tag) nicht vermitteln können oder wollen, die Schule es aber an die Eltern weiter schiebt, die Eltern wieder an die Schule - wer badet es denn aus? Die Kinder. Diesen fehlt das Material, diese halten den Unterricht auf, diese können nicht mehr folgen, diese werden von Mitschülern ausgelacht, auch von Lehrern! Einer muss doch diesen Kreislauf unterbrechen, und wenn die Eltern es nicht tun, dann muss es die Schule und ihr Personal eben tun. Wir haben keine Grundversorgung in den Schulen wie in den skandinavischen Ländern. Und wo ist das Problem, dass der Lehrer seinen Schülern das notwendige Material gibt und im Unterricht fortfährt?
    Wir kommen aus den Grabenkämpfen nicht heraus, wenn sich die Einstellung zu denen nicht ändert, um die es eigentlich geht:
    nämlich die Schüler und deren optimale Förderung und Unterstützung. Es ist leicht, den Ball hin und her zu schieben und den jeweils anderen in die Pflicht zu nehmen.
    Aber die Kinder bleiben auf der Strecke.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dann lernen die Kinder, ihren Tag zu planen? Oder lernen sie nicht vielmehr, dass immer jemand da ist, der sich um alles kümmert? Und dass das weder sie selber noch irgend jemand in der ''Familie ist?
    Gut: der Unterricht geht weiter, aber die entsprechenden Kinder werden doch noch ausgelacht, weil es ein heimliches Einverständnis gibt: von dem können wir sowieso nichts anderes erwarten. Und weil sich alle (auch der Lehrer) in dieser Bequemlichkeit einrichtet!
    Was haben alle dann gelernt?
    Was machen Sie dann, wenn die Schüler noch nicht einmal mehr zur Schule kommen, weil sie wieder etwas anderes gefunden haben und weil Schule schon ganz früh nicht so wichtig war, dass man seine Hausaufgaben machte, seine Schultasche richtig einpacken musste, sich auf Mitschüler und Lehrer einstellen und ähnliches?
    Nein: Die Eltern, aber auch die Schulkinder haben schon Pflichten - und man muss sie auch einfordern können.

  6. dass insbesondere Themen wie die Zustände in deutschen Schulen, eine so große Anzahl an Kommentaren nach sich ziehen. Irritierend ist dabei die Differenz zwischen Kommentaren und Realität. Scheinbar sitzen die Experten nicht an den richtigen Stellen, sondern vorm Home PC.

  7. Wenn wir schon bei Kompetenzen sind:

    Im Kindergarten gibt es seit einiger Zeit Lerngeschichten (nageln Sie mich nicht auf den genauen Namen fest). Da werden konkrete Situation hinsichtlich ihres Effektes auf das Erlernen von Grundkompetenzen analysiert und auch mit Rückmeldung für die Kinder formuliert..

    Nur so sind die vielschichtigen Facetten der individuellen Entwicklung der Persönlichkeit überhaupt zu fassen und nur so kann denen Rechnung getragen werden.

    Mit "einfach" geht da gar nichts.

    Und auch, wenn ich mich wiederhole: Eltern in Kleinfamilien können das faktisch nicht leisten. Ich kann zu zweit kein Verhalten in der Gruppe vermitteln. Da muss ich mir Hilfe holen.
    Und da hat Deutschland ein erhebliches Defizit.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bildung | Eltern | Erziehung | Kinderkrankheit | Lehrer | Schule
Service