Leserartikel

SchuleWas unseren Kindern fehlt

Leserin S. Schapal ist Grundschullehrerin. Sie beobachtet, dass es ihren Schülerinnen und Schülern immer häufiger an der nötigen Fürsorge und Erziehung fehlt. von Sabine Schapal

Mein Beruf ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Dieses Spiegelbild macht mir mittlerweile Angst. Windpocken und Mumps waren gestern, heute sind typische Kinderkrankheiten Wahrnehmungs- und Entwicklungsstörungen. Das ist meine Erfahrung aus 17 Jahren als Grundschullehrerin an vier Schulen. Soziale Randgebiete mit hohem Ausländeranteil waren dabei, auch Bezirke mit hohem Bildungsniveau.

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Als ich zur Schule gegangen bin, musste ich mir die Schuhe binden können. Das können jetzt die Wenigsten. Nicht, dass Schuhe binden ein entscheidendes Kriterium wäre. Aber es ist eines von vielen Beispielen dafür, was unseren Kindern heute fehlt. So kann ich in meiner Klasse den ersten Unterrichtsblock nicht durchgängig unterrichten, weil viele Kinder nicht gefrühstückt und einfach Hunger haben.

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Eine Familie, die sich um ihr Kind kümmert, erkennt man an der Federtasche. Heute sehe ich Federtaschen von Erstklässlern, in denen kaum noch Stifte sind – und wenn, dann abgebrochene. Radiergummi? Fehlanzeige! Selbstverständlich habe ich immer einige Ersatzscheren und Ersatzkleber im Schrank. Auch Kekse, Knäckebrot und Zwieback stehen auf meiner privaten Einkaufsliste.

Früher war ich nur Lehrerin, mittlerweile werde ich immer mehr zum Allroundversorger. Dank Inklusion auch zur Sonderschullehrerin. Trotz alledem: Ich habe den wunderbarsten Beruf, den man sich vorstellen kann. An jedem meiner Arbeitstage freuen sich 20 kleine Menschen, dass ich da bin. Ich darf miterleben, wie diese kleinen Menschen Lesen lernen, ihre ersten Wörter und Sätze stolz aussprechen. Ich darf miterleben, wie aus kleinen Menschen immer stärkere Persönlichkeiten werden, die sich über vier Jahre weiterentwickelt haben.

Wir alle müssen gemeinsam etwas dafür tun, damit die Zustände an vielen deutschen Schulen nicht eskalieren. Gefragt sind zum einen die Eltern: Sie sollten wieder mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und Verantwortung übernehmen. Ich erlebe immer wieder, dass unangenehme Dinge gerne auf andere Institutionen abgewälzt werden. Ich wünsche mir von den Eltern endlich auch mal wieder Erziehung. "Danke" und "bitte" zu sagen, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich.

Gefragt sind auch unsere Politiker: Deutschland gibt zu wenig Geld für Bildung aus. Die Probleme werden totgeschwiegen und wir Lehrer fühlen uns allein gelassen.

Ich möchte nicht mehr erleben, dass mindestens zwei Kinder einer Klasse mit ihren Problemen allein gelassen werden, weil sie keine Förderung erhalten. Ich möchte, dass auch Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland eine faire Chance bekommen.

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Leserkommentare
    • em-y
    • 27. Dezember 2012 4:30 Uhr

    das nur die Armen betrifft. Finanzieller Wohlstand einer Familie ist kein Garant für das Wohlergehen der Kinder. Verantwortungsgefühldem Kind gegenüber, das man in die Welt gesetzt hat (der, wie ich meine, einfache Teil) und geistige Reife spielen da eine wesentliche Rolle.

  1. Wonach - bitte schön - klingt denn dann Laborschule?
    Erziehung ist eine Verpflichtung, die Eltern ihren Kindern gegenüber eingegangen sind. Da aber Verpflichtungen nicht mehr in unser Lebenskonzept passen, gibt es eine immer stärkere Tendenz, Kinder als Ergänzung zum eigenen Wohlbefinden zu sehen. Als Kumpels, nach denen man sich dann in Modefragen richten kann.
    Kinder brauchen und wollen Richtlinien, die ihnen von Erwachsenen vorgelebt werden. Sie brauchen und wollen Grenzen, an denen sie sich dann auch als Jugendliche ausprobieren. Sie haben das Anrecht darauf, dass man sie auf das spätere Leben als eigenverantwortliche - und das erst heißt: freie Menschen innerhalb einer Gesellschaft vorbereitet.
    Aus dieser Verantwortung darf man Eltern nicht entlassen, und vor allem: man darf nicht schon wieder nach dem Sozialstaat schreien. Das ist einerseits eine Überlastung dieses Systems und andererseits bedeutet es einen immer größeren Freiheitsverlust der in ihm agierenden Individuen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Hartz 4 kann kein Lebenskonzept sein! Man entdeckt schon lange mit Schrecken, dass Kinder aus Familien, die ihre Eigenverantwortung abgegeben haben oder haben abgeben müssen, in diese Abhängigkeit hineinwachsen und in ihr verbleiben!
    Nein: Erziehung ist etwas für den Einzelnen (hier: für das Kind), für die Familie und für die Gesellschaft Wertvolles. Möglicherweise würden sich mehr junge Menschen wieder für Kinder entscheiden, wenn sie sehen würden, dass die Mühe der ersten Jahre sich tatsächlich lohnt, weil sie dann keine kleinen Egoisten vor sich hätten, die noch nicht einmal Schuhe binden können!
    Und was wäre das denn für eine Freiheit, für eine Gesellschaft, die dann entscheidet, ob jemandem das Kind schon früh weggenommen wird, damit es nicht in die Unfreiheit der Abhängigkeit von anderen hineinwächst? Was, wenn die Kriterien sich - mit dem Einverständnis der Mehrheit - zu einem Überstaat entwickelten, der uns unserer Individualität so sehr beraubt, dass ein anders Denken oder Handeln noch stärker als zu bekämpfende Bedrohung empfunden wird, als heute schon in Ansätzen erkennbar ist? Dass es wieder möglich wäre, im Konsens mit der Mehrheit die Freiheit des Einzelnen einzuschränken - wofür man dann die Fürsorge eines "Sozialstaats" erhalten würde?

    Eine entsetzliche Vorstellung!

  3. Dass Erziehung (neben Bildung und der Ausbildung von Kompetenzen) nicht zu den Aufgaben der Schule gehört, ist in meinem Verständnis falsch. Sie tut es natürlich. Ob man es nun normativ/politisch betrachtet (die Kultusministerkonferenz hat dazu auch eine Meinung) oder aber von einer eher kulturellen Perspektive. Wenn wir uns fragen, welche Kenntnisse, Fertigkeiten, aber auch Haltungen (Werte, moralische Fragen, soziale Handlungsfähigkeit) mit eben dieser Kultur einhergehen einerseits und welche es andererseits vielleicht auch braucht, um sie weiterzuentwickeln, dann berührt das sowohl den Bereich Bildung als auch den der Erziehung. Und wenn zu Letzterem eben gehört, dass wir unsere ungespitzten Stifte nicht unserem Sitznachbarn ins Auge rammen, weil das irgendwie falsch ist (auch wenn es bei manchen Nachbarn durchaus gerechtfertigt ist), oder aber dass wir mit zugebundenen Schuhen zur Schule kommen, dann hat auch das, platt gesprochen, einen Platz im Unterricht, weil es für uns als Gesellschaft und Kultur eben wichtig ist. Dass für das "Kümmern" die Ressourcen oft oder, besser gesagt, meistens nicht vorhanden sind, ist eine andere Frage.

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    • em-y
    • 29. Dezember 2012 7:53 Uhr

    Erziehungsauftrag. Allerdings bedeutet das nicht, dass damit die Eltern aus aller Verantwortung entlassen werden. Ein gewisses Maß an sozialen Kompetenzen, bestimmte Fertigkeiten und Verhaltensweisen sollten den lieben Kleinen doch schon im Elternhaus vor Kindergarten- und Schuleintritt vermittelt werden. Wie viele Lehrkräfte würden Sie denn gern haben, wenn Sie erwarten, dass diese nun alles erledigen, was früher zu elterlichen Aufgaben gehörte? Ich kann ja noch verstehen, dass man verlangt, angesichts all der Erdnuss- und anderen Allergien, dass die Lehrer wissen, was im Falle des Falles zu tun ist, um dem betroffenen Kind schnellstens Hilfe zukommen zu lassen. Wenn ich aber Forderungen höre, wie in den letzten Jahren hier in Australien geschehen, dass die Schule die Verantwortung dafür übernimmt, den Kindern Tischmanieren und den Umgang mit Geschirr beizubringen... Oder besser noch - den Erstklässlern die Windeln zu wechseln, weil es vorkommt, dass 5-6-Jährige noch in Windeln stecken als Ergebnis der seltsamen Weltsicht, die Abgewöhnungsversuche bei 2,5-jährigen als verfrüht und eine Art Kinderquaellerei ansieht. Also, ich finde, man kann mit seinen Forderungen an die Schulen etwas übertreiben. Eltern sind dazu da, das Grundwerk zu leisten. Es ist eine Verpflichtung, die sie eingegangen haben, als sie sich für Kinder entschieden haben.

  4. ...sind viele Kinder heute. Als Kinderarzt sehe ich dieses Phänomen quer durch alle Schichten, keineswegs als Migranten- oder Hartz IV-Problem. Lehrer und vielleicht sogar noch Sozialpädagogen können (und sollten) nicht den Erziehungsauftrag der Eltern übernehmen. Und zu deren Aufgabe gehört es Kinder soziale Kompetenzen zu vermitteln. Fähigkeiten wie Rücksicht, Respekt, Fleiß, Abwarten-können, Verlieren-können und ähnliches werden deutlich vor Schuleintritt erworben - oder eben auch nicht. Diese Fähigkeiten haben nichts mit Intelligenz und dem finanziellen Status der Eltern zu tun. Ich weiß auch keine Lösung für dieses Phänomen, aber die Folgen sind unübersehbar.

    3 Leserempfehlungen
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    "Fähigkeiten wie Rücksicht, Respekt, Fleiß, Abwarten-können, Verlieren-können und ähnliches werden deutlich vor Schuleintritt erworben - oder eben auch nicht."

    Sehr richtig. Ich pflichte Ihnen aus eigener Erfahrung auch bei, dass das mitnichten ein Problem von Migranten oder HartzIV-Empfängern ist! Eher sogar im Gegenteil. Zumindest, was die sozialen Aspekte angeht.

    Woran es aber liegt, dass das heute nicht mehr vorhanden ist? Ganz einfach: Weil diese Werte in unserer Gesellschaft keine Bedeutung mehr haben! Es wird doch nicht vorgelebt. Und an vielen Stellen ist unsere Gesellschaft so gestrickt, dass der, der diese Werte lebt, eher noch bestraft wird.

    Ist es respektvoll, wie bspw. mit sozial Schwachen umgesprungen wird? Wie hemmungslos diese als nichtsnutziges, faules Pack bezeichnet werden und ihnen gleichzeitig auch noch soziale Fähigkeiten abgesprochen werden? Oder mit alten Menschen oder solchen mit Einschränkungen? Das war vor 20 Jahren noch anders und galt als verpöhnt. Heute ist das selbst in "besseren Kreisen" gesellschaftsfähig.
    Welchen Wert hat Rücksicht, wenn derjenige gewinnt, der sein Recht ohne Rücksicht durchsetzt? (und damit beim Arzt, in der U-Bahn oder beim Einkaufen gelassen wird!)

    Wer kann sich heute im Job leisten, zu verlieren, das gar einzugestehen?

    Was leben wir vor? Damit sind nicht nur Eltern gemeint. Wo wird denn heute noch Verantwortung gelebt?

    Unsere Kinder sind nicht nur ein Produkt der Eltern, sondern vor allem der Gesellscahft.

  5. Ich frage mich immer wieder, warum Dr. Michael Winterhoff von vielen Eltern, Kritikern und den Medien generell für sein Werk "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" so häufig gescholten wird. Er beschreibt verständlich und anhand diverser praktischer Beispiele die Ursachen.

    Nach Lektüre des Buches habe ich mich gefragt, warum nicht ein spürbarer Ruck durch Deutschland ging. Als Logopäde erlebe ich täglich Kinder, die nur rudimentär, wenn überhaupt, erzogen wurden und werden. Dabei spielt der soziale Status keine Rolle.
    Ein Beispiel: Mädchen (5) aus gutsituiertem Hause möchte nach der Therapie nie in den Kindergarten. Ihre Mutter ist in dieser Situation butterweich und beginnt Diskussionen, die nicht nur im Ansatz schon überflüssig sind, sondern nicht einmal einen Abschluss erfahren. Wer hat denn das Sagen? Und dabei geht es mir nicht darum, dass Kinder weder Wünsche äußern dürfen noch ständig ruhig zu sein haben. Aber es gibt schlichtweg Dinge, die haben Kinder nicht zu entscheiden. Man nennt dies Kindheit.

    Eine Leserempfehlung
  6. Auf der anderen Seite, man möge mir die Ausdruckweise verzeihen, könnte ich kotzen, wenn ich erlebe, wie Kinder in der OGS (Offene Ganztagsschule) verwahrt und aktiv behindert werden. Die Hausaufgaben werden in der Betreuung häufig ob des Pensums oder der mangelnden Kapazitäten des Personals nicht abschließend verrichtet. Dies muss dann tatsächlich zuhause geschehen oder in unserem Wartezimmer!
    Wann bleibt gefälligst den Kindern Zeit, einfach mal zu spielen? So von Hand, ohne den nur selten dosiert und sinnvoll eingesetzten multimedialen Kram, der sie überflutet?

    Ja, an Kinder werden heute deutlich höhere (leistungs-)Erwartungen gestellt. Aber ist das sinnvoll und richtig? Ich habe weder schon im Kindergarten Englischunterricht erfahren, noch an zahllosen AG teilgenommen. Das Abitur habe ich dennoch problemlos erlangt, meine Englischkenntnisse sind hervorragend.
    Aber ich hatte auch Zeit, zu spielen, die Liebe zu Büchern zu entdecken und mein Vater, selbst ein großer Leser, hat sich auch nach langem, körperlich auszehrenden Arbeitstag mit mir beschäftigt, sei es auch nur für dreißig Minuten gewesen. Ferngesehen habe ich dennoch, auch nicht wenig.

    Wie mir, erging es vielen meiner Generation, die heute um die 40 sind. Aus den allermeisten ist nicht nur "etwas geworden", sondern sie sind sehr häufig Akademikerkarrieren durchlaufen.

  7. Natürlicher Verstand
    kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen,
    aber keine Bildung
    den natürlichen Verstand.

    Von Schopenhauer - und er hatte Recht damit.

    Antwort auf "Bildung"

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bildung | Eltern | Erziehung | Kinderkrankheit | Lehrer | Schule
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