Leserartikel

IndienLernen aus Angst vor der Armut

Für eine gute Ausbildung setzen indische Schüler sich hohem Leistungsdruck aus. Das hat Leserin Lydia Schäffer bei einem mehrmonatigen Praktikum in Neu Delhi beobachtet. von Lydia Schäffer

Lobo, Student an einem Technologie-Institut, erhängt sich in seinem Zimmer. Er ist trotz aller Mühen von der feinmahlenden Auslese-Mühle einer indischen Elite-Uni aussortiert worden. Dies ist die Schlüsselszene des erfolgreichsten Bollywoodfilms aller Zeiten innerhalb und – dank Absatzmarkt China – auch außerhalb Indiens.

"3 Idiots" (2009) von Rajkumar Hirani war Bollywoods Antwort auf den "Club der toten Dichter". In einem Land, in dem trotz Wirtschaftsbooms jedes zweite Kind unter fünf Jahren unterernährt ist, brach dieser Film das Tabu des Unglücks der Glückseligen. Das sind jene, die sich nach etlichen Schuljahren ganztägigen Paukens, zusätzlichen abendlichen coaching classes und zwei Jahren disziplinierter Vorbereitung durch einen engen Flaschenhals quetschen: die Abschlussprüfung an der Schule und die fast gleichzeitige Aufnahmeprüfung für eine Karriere an den Technologie-Instituten oder in der Bürokratie.

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Viele von ihnen schaffen das nicht. Regelmäßig zu den Prüfungsterminen steigt die Suizidrate unter indischen Schülern epidemisch an. Im Jahr 2006 begingen in Indien 5.857 Schüler aufgrund von Prüfungsstress Selbstmord – 16 pro Tag.

Indiens junge urbane Mittelschicht ist im Verhältnis nicht sehr breit. Und sie weiß, was auf dem Spiel steht, wenn der Zögling versagt: Die Karriere des Kindes ist oft die einzige Absicherung der Familie. Schon auf dem Vorschüler lastet der ganze Stolz und die hohen Erwartungen der Familie. Kann der Hoffnungsträger sie nicht erfüllen, verliert die Familie nicht nur das Gesicht sondern auch ihre Zukunftsperspektive.

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Ein indischer Schüler hat täglich vor Augen, wofür er lernt: Horden von mangelernährten Kindern ziehen durch die Straßen der Städte. Sie bieten an jeder roten Ampel Illustrierte, Taschenrechner oder Blumen durch die Autofenster an, putzen Schuhe, betteln. Ganze Familien schlafen unter Autobahnbrücken, leben auf den Gehsteigen und Verkehrsinseln – auch außerhalb etablierter Slums. Sie breiten abends Decken aus, entzünden kleine Müllfeuer und räumen morgens alles wieder weg.

Auf dem Land herrscht oft Hungersnot. Ob in der Stadt oder auf dem Land: Arme Familien können sich nicht erlauben, auf die Arbeitskraft ihrer Kinder zu verzichten, wenn sie diese durchbringen wollen. Mit mangelndem Leistungswillen hat dies nichts zu tun. Mit Analphabetentum per se auch nicht: ein immenser Bildungshunger geht durch alle Schichten, doch nicht alle können ihn stillen.

Selbst wenn der Spalt ins Bildungssystem mit der Einschulung prinzipiell offen steht, kann das Hinein- oder darin Vorwärtskommen vor allem auf dem Land durch Faktoren wie Kastenzugehörigkeit oder die allgegenwärtige Korruption unmöglich gemacht werden – da nützen dann auch die Hochschulquoten für historisch benachteiligte Kasten nichts.

Kurz: Anders als Imke Vidal unlängst in ihrem Artikel auf ZEIT ONLINE schrieb, gibt es den indischen Schulstress. Denn die abschreckende Alternative zum Erfolg in der Schule lautet: ein Leben in Armut.
 

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Leserkommentare
  1. Das erinnert mich an ein Gespräch mit einem griechischen Erasmus-Studenten vor ein paar Wochen: Er ist ins Ausland um sich die Sprache so gut anzueignen, dass er nach seinem Studium dort dauerhaft arbeiten kann. Er glaubt nicht, in Griechenland Arbeit finden zu können (als angehender MINTler, die normalerweise gute Chancen haben!). Seine Freundin macht das gleiche, gemeinsam wollen sie nach dem Studium auswandern.

    "Lernen aus Angst vor der Armut" passt auch in diesem Fall. Diese Probleme sind also gar nicht mehr so weit weg von uns in Europa...

    3 Leserempfehlungen
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    In gewisser Weise kann man Ihr Beispiel mit Indien vergleichen, gewisserweise auch wieder nicht.
    Gut ausgebildete Inder verdienen im Ausland mehr. Zugleich ist dies schick geworden und nicht mehr verpoent ("sich aus dem Staub machen”).
    Andererseits aber sind die Gutausgebildeten ja bereits in der privilegierten Lage, waehlen zu koennen. Doch der Weg dahin ist eben ein "rat race". Nicht zu sprechen von der anderen Haelfte der indischen Schueler, die schon nach 6 Schulklassen aus diesem Rennen ausscheiden muessen.
    Und so schlecht es Griechenland zweifelslos momentan geht, steht es gluecklicherweise doch nicht so schlecht, dass Kinder verhungern muessen.
    Griechenlands Wirtschaft liegt darnieder. Gut ausgebildete Jugend bekommt keine Arbeit. Indiens Wirtschaft dagegen waechst und die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitnehmern ist gigantisch.

    • raflix
    • 21. Dezember 2012 14:51 Uhr

    ... ist eine ordentliche Geburtenkontrolle. Dann wäre es auch nicht mehr nötig, dass die Kinder arbeiten, um den Familienunterhalt zu bestreiten. Weiterhin unabdingbar ist eine tatsächliche Abschaffung des Kastensystems (nicht nur auf dem Papier) und des damit verbundenen Glaubens, dass man sowieso nichts am eigenen Schicksal ändern könne.

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    Mit den einfachen Loesungen a la Malthus ist es so eine Sache - Bsp: Indien hat heute schon prozentual zu wenig Frauen. Viele junge Maenner werden brautlos ausgehen. Immense soziale Spannungen werden befuerchtet. Ursachen sind die Kostenintensitaet von Toechtern, fuer deren Mitgift Familien sich ueberproportional verausgaben. Zudem sind diese Maedchen als Alterstuetze fuer die Familie verloren. Daher wird immer versucht, auch Soehne zu bekommen. Trotz Pro-Tochter-Kampagnen und Verbot praenataler Geschlechtsbestimmung laesst sich die Abtreibung weiblicher Foeten nicht so ohne weiteres stoppen. Wenn es eine vorgeschriebene 1-Kind-Politik gaebe, dann wuerde sich die Situation noch verschaerfen, wie auch in China zu beobachten.

    Andererseits ist es ja bereits so, dass urbane Mittelschichtsfamilien nur 1,2 Kinder haben. Mehr koennen sie sich nicht leisten, wollen sie den Lebensstandard halten. Andersrum betrachtet koennen sie sich leisten, “nur” so wenig Kinder zu haben, da sie ja viel mehr verdienen als 80 % der Bevoelkerung mit weniger als 2 US-$ pro Tag.

    Zudem ist Indiens aktuelle Altersstruktur mit einem hohen Bevoelkerungsanteil in erwerbsfaehigem Alter zunaechst sogar guenstig: man erwartet ein weiteres Wirtschaftswachstum durch wachsenden Konsum einer wachsenden Bevoelkerung.

    Gesamtwirtschaftlich betrachtet stellt die Bevoelkerungszunahme also nicht automatisch eine Katastrophe dar. Wie gerecht die Fruechte des Wachstums verteilt sein werden, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Fraglich ist auch, wie weit die”gruene Revolution” (Modernisierung der Landwirtschaft, nicht die iranische Protestbewegung ;-) ) das Bevoelkerungswachstum auffangen kann. (Den Hunger hat sie zunaechst eingedaemmt, aber keineswegs beseitigt. Was vielleicht besser klappte, wenn nicht soviel exportiert und steriles Saatgut ausgebracht wuerde, das Bauern in die Verschuldung treibt.) Und wie gut man die Umweltschaeden, die aus der Landwirtschaftsintensivierung resultieren, beheben kann.

    China hat zunaechst von der 1-Kind-Politik profitiert, steht nun aber vor einem Vergreisungsproblem, aehnlich Europa.

    Das Kastenproblem ist nicht mit dem Armutsproblem zu identifizieren, auch wenn es etliche Beruehrungspunkte gibt. Wirtschaftliche Entwicklungen koennen alte Eliten ebenso negativ treffen, wie demokratische Prozesse ehemals Machtlosen eine Stimme geben. In der Tat ist es so, dass gemeinsame wirtschaftliche Interessen sogar Dalits ("Unberuehrbare"/Kastenlose) und Brahmanen (Hochkastige) eine Koalition schmieden lassen - so geschehen in Uttar Pradesh, wo die Kastenlose Mayawati viermal Chief Ministerin war und die Dalit-Partei BSP (Bahujan Samaj Party) immer wieder Koalitionssiege errang durch einen nicht unerheblichen Teil von Stimmen hochkastiger Waehler.

    Ein anderer Punkt sind die Hochschulquoten fuer Dalits , niedrige Kasten (Scheduled Castes) und andere historisch benachteiligte Gruppen (OBCs, Other Backward Classes): Ein Student mit niederkastiger Herkunft muss u.U. geringere Punktzahlen erreichen, als ein Brahmanenabkoemmling, was als neue Ungerechtigkeit empfunden wird.

    Auch der Fatalismus ist nicht Naturgesetz. Die Dalits wissen sehr wohl um den Wert der Bildung. Die englische Sprache hat der kastenlose Kolumnist Chandrabhan Prasad gar zur neuen Goettin erkoren - nicht nur in metaphorischem Sinne: es gibt tatsaechlich Statuen, die verehrt werden - und Kinder, die eifrig Englisch lernen, wenn sie die Moeglichkeit dazu bekommen. Leider ist das Schulniveau auf dem Land oftmals katastrophal: http://www.youtube.com/wa...

    • loboc
    • 22. Dezember 2012 1:36 Uhr

    Witzig, hab den Film vor einem Monat gesehen, mein erster Bollywood Film. Wer drei Stunden Zeit hat, dem kann ich diesen Film wirklich empfehlen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Zitat: "die abschreckende Alternative zum Erfolg in der Schule lautet: ein Leben in Armut".
    .
    Das gilt bei uns hier in Deutschland auch. Es ist bloß viel weniger sichtbar als in Indien. So ist auch der abschreckende Effekt kleiner.
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    Noch können sich manche Leute hier im Sozialstaat einrichten. Nicht alle Hartzer finden, dass sie von dem Geld nicht leben können. Das wird sich aber in Zukunft drastisch ändern.
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    Die Familien, die auf Ausbildung und Leistung wenig Wert legen, machen sich nicht klar, dass in zehn oder zwanzig Jahren wahrscheinlich kein menschenwürdiges Leben mehr möglich sein wird, wenn man auf Transferleistungen angewiesen ist. Die Unternehmen werden nämlich ausgebildete Inder ins Land holen oder ganz in den Süden abwandern. Es bleibt ihnen aus demografischen Gründen ja auch nichts anderes übrig.
    .
    Eltern, die bei ihren Kindern keine Leistung einfordern, verdienen Schelte.

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    ... es ist unehrlich Deutschland mit Indien zu vergleichen. Hier haben wir imer noch eines der sozialsten Netze der Welt. Besonders für die, die noch nie gearbeitet haben und dort gehört es durchlässiger gemacht. Transferbezug in der 2. Generation gehört abgeschafft.

  3. ... ohne Zweifel ist es in Indien nicht leicht sich gegen die Velzahl von Konkurrenten durchzusetzen. Ständig werden Assessments durchgeführt und es gilt einen möglichst hohen Score zu erreichen. Das ist nicht einfach.

    • Sirisee
    • 23. Dezember 2012 1:41 Uhr

    ... und nicht die Pseudo-Armut hier über die der Paritätische Wohlfahrtsverband scheinheilig jammert...

    Das nur ansatzweise mit Europa zu vergleichen, ist schon hanebüchend,

    Schlimm auch, dass sich indische Schüler, deren Leistungs- und Leidensfähigkeit wahrscheinlich diejenige eines deutschen Abiturienten weit übersteigen, umbringen, während die deutschen Altersgenossen heulen, wenn sie nicht alle eine 1,3 im Abitur und das neuste IPhone haben ... Aber die Welt ist halt ungerecht.

    [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

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    "Die Welt ist halt ungerecht", sagte der römische Feldherr und schnitt dem Sklaven die Kehle durch. Nein, so war das nicht. Sklaven waren im römischen REcht Sachen und man dufte seinen Sklaven alles antun, was man wollte. In diese zeit sehnen sich immer mehr Arbeitgeber zurück.

    "scheinheiheilige Arme?"

    Denken Sie an diese, ihre Worte, wenn sie selbst in den Abgrund gestoßen werden.

    Ich kenne ene Unternehmerfmilie, die redete wie Sie. Dann machten sie einen Fehler und alles war weg. Die private Altersversorgung, das 2 Millionenhaus die 3 Merzedes "Geschäftswagen". Die sind froh, wenn sie im Alter irgendwo wohnen können und etwas zum Essen bekommen werden. Die Tochter wurde erzogen, wie sie selbst mal waren: rücksichtslos. Deshalb ist sie genau wie ihre Eltern mal waren: "selbst schuld" sagt sie, "ich laß mir doch mein Leben nicht vermiessen."

    Sie werden jetzt bestimmt sagen "Pech gehabt".
    Sicher, so kann man in einer Gesellschaft das Zusammnenleben organisieren - muß es aber nicht.

    Nebenbei, ich würde nicht profitieren, wenn die Arbeiter wieder mehr Lohn bekämen und dafür die Unternehmergewinne sinken würden. Und die Armut abnehmen würde. Ich bin auch nicht neidisch - ich bedauere die, die den Sinn ihres Lebens darin gefunden haben die Zahlen auf dem Kontoauszug wachsen zu sehen.

    Obwohl Sie rechthaben, dass Armut in Indien etwas anderes beinhaltet, als die hiesige Armutsdefinition, finde ich es problematisch, letztere als "pseudo"-maessig abzutun. Es gibt relative und absolute Armut. Zweitere relativiert man ja nicht dadurch, dass man erstere auch nicht tolerieren mag. Gemessen am Superlativ scheint natuerlich alles andere easy ...

    ein I-phone-Mangel ist wohl wirklich kein Armutskriterium, wohl aber ist es ein Armutszeugnis, wenn Schueler genau deswegen tatsaechlich sozial ausgegrenzt werden.

  4. ... denn wohin soll man dort mit dem extremen Geburtenüberschuß. China hat rechtzeitig mit seiner 1-Kind Politik gegengesteuert und ist Indien ökonomisch weit voraus.

    2 Leserempfehlungen
  5. ... es ist unehrlich Deutschland mit Indien zu vergleichen. Hier haben wir imer noch eines der sozialsten Netze der Welt. Besonders für die, die noch nie gearbeitet haben und dort gehört es durchlässiger gemacht. Transferbezug in der 2. Generation gehört abgeschafft.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Abschreckung"
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    "Der Transferbezug in der 2. Generation ehörte abgschafft"
    Einverstanden,
    aber nur, wenn der Bezug von Kapitalerträgen in der 2. Generation beim Geldadel auch abgeschafft wird.

    Oder ist es gerecht, daß ein vewöhnter, ungebildeter, eingebildeter Faulpelz alle 10 jahre steuerfrei ein Aktienpaket von seinen Eltern geschenkt bekommt und nichts arbeiten muß?

    Also, jeder muß für sich selbst arbeiten, und von Beruf Erbe ( auch hartz4-Erbe) zu sein gilt nicht mehr!
    Das meinten Sie doch, oder?

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Indien | Schule | Leistungsgesellschaft | Armut
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