Cem, gespielt von Junior Gnininvi (rechts) © Berufliche Schule H20

Elena kommt gut an bei den Jungs, sie will Spaß, vor allem wenn sie Stress mit ihren Eltern hat. Ihre Freundin sagt: "Irgendwann kamen sie dann, 'was trinken, alles klar', und wir haben uns einladen lassen. Hinterher musste man halt sehen, wie man wieder wegkommt." Elena hat, als sie mit Cem zusammen war, nicht darauf geachtet, rechtzeitig wieder wegzukommen.

Cem hat große Brüder, die was hermachen mit krummen Geschäften und dicken Autos. Er gilt als der kleine Bruder, der Stille, obwohl er älter ist als seine Freunde und schon raus aus der Schule. Er will sich als der Chef beweisen, vor seiner Familie und vor seinem Freund Sinan. Der wiederum fühlt sich groß in Cems Schatten. Bei den Mädchen kommt er zwar nicht so gut an, aber er bringt sie zum Lachen. Manchmal er auch gar nicht lustig. Zum Beispiel wenn er sagt, welche Mädchen man ehren müsse – und welche einfach Schlampen seien. Solche wie Elena nämlich. Die liegt am Ende mit 30 Messerstichen im Bauch tot auf einem Parkplatz.

Kein neuer Ehrenmord in Hamburg – alles nur Theater. Die war nicht so ist der Titel, basierend auf dem Stück Ehrensache von Lutz Hübner. Es spielen Schüler der höheren Handelsschule H20 aus Steilshoop , einem Viertel in Hamburg, in dem jeder Vierte von Hartz-IV lebt und zwei Drittel der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Eingebettet ist das Theaterstück in ein Stadtteilprojekt (StoP), das sich dem Thema Gewalt gegen Frauen widmet.

Theater - Ausschnitte aus dem Theaterstück "Die war nicht so!" Eindrücke des Theaterstückes "Die war nicht so!" des Interkulturellen Theaters zu Ehre, Respekt und Toleranz der Beruflichen Schule "H20 - Bramfelder See" aus Hamburg

Aber gelten verführerische Mädchen unter Jugendlichen wirklich noch als Schlampen? Und wird man türkischen Jungs gerecht, wenn man sie derart machohaft auftreten lässt? Die zehn Schauspieler zwischen 18 und 21 Jahren bereiten sich auf ihr Fachabitur vor. Sie haben ihre Wurzeln in Afghanistan , Ägypten , Ghana , Marokko , Nigeria , Pakistan , Togo und der Türkei . Typische Bewohner von Steilshoop, aber sie entsprechen überhaupt nicht dem Sarrazin-Klischee von perspektivlosen, gewalttätigen Jungen oder unterdrückten Mädchen, die sich nicht auf Deutsch ausdrücken können. Haben Sie nicht Angst, Vorurteile über Migranten zu verbreiten?

Leben in zwei Kulturen

Schabana Nawabi, die eine der Elenas spielt (die Hauptrollen sind doppelt besetzt), und Junior Gnininvi, alias Cem, sind sich jedoch einig, dass sie kein Klischee auf die Bühne gebracht haben. Denn auch sie kennen die Dynamik des Theaterstücks, das, was Cem und Elena antreibt. Schabana erzählt: "Es gibt immer einen, der der Chef ist." Und Junior ergänzt: "Einer ist cool, einer macht Faxen, einer redet andauernd von seiner Ehre." In dieser Konstellation reichten Kleinigkeiten, damit ein Streit in Gewalt umschlägt. Auch die Macht der großen Brüder und Schwestern sei kein Klischee. Junior, sagt, die Kleinen lernten von den Großen. Er habe neulich 13-jährige Jungs belauscht, die sich auf dem Schulhof zugerufen hätten: "Wenn dein Bruder dich so sehen würde..." So vererben sich überholte Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre.

 "Man kriegt ständig Dinge mit"

Schabana Nawabi im Vordergrund in der Rolle der Elena © Berufliche Schule H20

Schabana und Junior sind eloquent, selbstbewusst und engagiert. Die Eltern der 21-jährigen Schabana stammen aus Afghanistan, sind aber schon lange in Deutschland. Schabana sagt: "Sie hätten schon gern gesehen, wenn ich gläubiger wäre. Aber sie akzeptieren, dass ich nicht bete."

Der heute 18-jährige Junior kam mit eineinhalb Jahren mit seinem Vater aus Togo, wuchs aber bei seiner deutschen Pflegemutter auf und hat deren Werte mehr verinnerlicht als die des Vaters. Sie erzählen, viele ihrer Mitschüler hätten ein deutsches und ein ausländisches Elternteil, die meisten kennen sich einfach mit zwei Kulturen aus. Tödliche Messerstechereien gehören sowieso nicht zu ihrem Alltag. Den Begriff "Ehrenmord" mögen sie nicht, denn "wenn das Gleiche in deutschen Familien passiert, nennt man es Familiengewalt", sagt Schabana.

Schabana erzählt, der Exfreund einer Freundin lasse diese nicht in Ruhe, verfolge sie, werde gewalttätig, wenn er sie allein erwische. Und eine andere Freundin musste sie im Krankenhaus besuchen, weil sie zu Hause misshandelt worden war. Schabana sagt auch, sie kenne viele Mädchen, die sich auf die Macho-Typen einlassen. Sie interpretierten es manchmal sogar als Liebe und Achtung, wenn ihr Freund ihnen verbiete, allein auszugehen. "Man kriegt ständig Dinge mit, aber man macht nichts", gesteht sie.

Theaterspielen gegen das Machotum

Seit sie sich durch das Theaterspielen mit dem Thema auseinandersetzt, ist das anders. Schabana und Junior sind sicher, dass das Projekt gegen Gewalt gegen Frauen in ihrem Stadtteil wirkt: "Überall hängen die Plakate, stehen Stände, wo man sich informieren kann. Die Vertrauenslehrer machen es zum Thema." Sie haben das Gefühl, ihr Stadtteil sei sicherer geworden.

Ihr Lehrer Olaf Bublay hat das Stück mit ihnen einstudiert. Er sagt, er stelle auch einen Unterschied im Unterricht fest. Normalerweise engagierten sich Schüler nicht gegen Gewalt, denn sie machten sich damit angreifbar, es gelte nicht als cool. "Wer dann aber beim Theaterspielen so einen typischen Verhaltenscodex infrage stellt, kann am nächsten Tag in der Klasse nicht mehr den großen Macho geben."

Am 18.12. führt dieTheatergruppe der Beruflichen Schule H20im Rahmen eines Aktionstages gegen Partnergewalt ihr Stück auf. Kampnagel Hamburg: "Die war nicht so" um 12.00 – 13.30 und 17.00 – 18.30