SchulschließungenRebellion im Klassenzimmer

Wenn Schulen mangels Schüler schließen, kochen Emotionen hoch. Eine sächsische Mittelschule macht einfach weiter, die Eltern fordern den Staat heraus. von 

Die Mittelschule in Seifhennersdorf mit einem Plakat der Schulrebellen

Die Mittelschule in Seifhennersdorf mit einem Plakat der Schulrebellen  |  © Arno Burgi/dpa

Noch schreckt der Freistaat Sachsen davor zurück, die Schulpflicht mit der Polizei durchzusetzen. Das Recht dazu hätte die Schulbehörde im ostsächsischen Bautzen, denn im nahe gelegenen Städtchen Seifhennersdorf unterrichten sieben pensionierte Lehrer ehrenamtlich eine Klasse, die es gar nicht geben dürfte. Linda, Sophie und elf weitere Fünftklässler laufen jeden Morgen in die Mittelschule der 3.000-Einwohner-Gemeinde – statt mit dem Bus in eine Schule des übernächsten Ortes zu fahren.

Das Experiment währt schon seit dem Sommer. Die Schulbehörde hatte damals verfügt, die künftige 5. Klasse der Mittelschule Seifhennersdorf ins 13 Kilometer entfernte Ebersbach zu verlegen, weil für den neuen Jahrgang nur 38 Schüler zusammenkamen, zwei zu wenig, um zwei neue Klassen zu eröffnen. Das Oberverwaltungsgericht Bautzen bestätigte die Entscheidung der Schulbehörde.

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Schulamtsleiter Béla Bélafi verweist auf den Bevölkerungsrückgang. In der Oberlausitz gibt es immer weniger Familien mit Kindern. Seit sich die DDR-Textilindustrie als unwirtschaftlich erwies, gibt es Jobs nur in klein- und mittelständischen Betrieben, in der Verwaltung und in Beschäftigungsprojekten. Wer anderswo eine bessere Chance sieht, zieht fort.

Bußgeldbescheid von 500 Euro

Aber die Schulrebellen von Seifhennersdorf harren aus. Sie wollen ihren Kindern den langen Schulweg ersparen, der nachmittags zulasten der Freizeit geht. Der Staat habe ihrer Schule den Kampf angesagt, sagt die elfjährige Sophie im Treppenhaus des altrosa gestrichenen Schulgebäudes. Familien erzählen, die Behörde habe gedroht, den Kindern das Schuljahr abzuerkennen. Eltern verdächtigen das Schulamt, im vergangenen Jahr in letzter Sekunde mehreren Schülern nur deshalb eine Gymnasialempfehlung gegeben zu haben, damit hier keine neue Mittelschulklasse zustande kommt.


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Eltern und Schüler demonstrieren vor der Schule, sie wehren sich gegen Bußgeldbescheide des Amtes, das mittlerweile bis zu 500 Euro von jeder Familie fordert. Die Schulrebellen beklagen, die Bildungsbehörde nutze die Spielräume des Schulgesetzes nicht, das zumindest zeitweise ein Unterschreiten der Mindestschülerzahl gestatte.

Nicht nur die Eltern sind wütend. Karin Berndt, seit zehn Jahren Ortsbürgermeisterin der einstigen Industriestadt, ist es auch. Denn wenn der Freistaat Schulen schließt, muss der Landkreis die Schulbusse bezahlen.

Die Seifhennersdorfer klagen inzwischen beim Oberverwaltungsgericht gegen den Schulnetzplan des Landkreises. Darin ist das Aus für ihre Schule seit Jahren verankert. Die Schulrebellen halten den Plan für falsch, weil er Schulen in strukturarmen Regionen überdurchschnittlich benachteilige. Bürgermeisterin Karin Berndt aber hat nachgerechnet: "In den nächsten vier Jahren reichen die Schüler für den Weiterbetrieb aus", sagt sie. Das Rathaus engagierte einen Anwalt, die Kosten für den Rechtsbeistand summierten sich bisher auf mehr als 16.000 Euro.

"Lehrplan wird voll erfüllt"

Zugleich schaffen die Rebellen Fakten, indem sie den Unterricht ihrer Kinder in der Privatklasse selbst organisieren, unterstützt von Schulleitung, Stadtrat und Ortsverwaltung. "Der Lehrplan wird voll erfüllt", sagt Andreas Herbig, Vater von Sophie und Elternsprecher.

Tilman Steffen
Tilman Steffen

Tilman Steffen ist Nachrichtenredakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Schulrebellen könnten Erfolg haben: In Hamburg etwa kippten die Bürger die sechsjährige Grundschule per Unterschriftensammlung. Im nordrhein-westfälischen Halverde kämpft eine Elterninitiative gegen eine Änderung des Schulgesetzes, weil dies das Aus für die örtliche Dorfgrundschule nach sich zöge.

In Ostsachsen hat solch ziviler Ungehorsam auch historische Gründe: In einer Region, in der einst ein ganzes Staatssystem kippte, ist das Vertrauen in das Handeln übergeordneter Behörden weniger stark als anderswo in der Republik. Außerdem attestieren sich Bewohner des Lausitzer Berglandes selbst eine gewisse Starrköpfigkeit. "Wir sind echte Oberlausitzer Dickschädel", sagt Bürgermeisterin Berndt.

Gericht macht Eltern Hoffnung

Wahrscheinlich im Februar wird das Gericht sein Urteil über den Schulnetzplan verkünden. Die Seifhennersdorfer sind optimistisch: Kurz vor Jahresende hatte die Kammer bei einer Anhörung durchblicken lassen, die Angelegenheit "tiefgründig zu prüfen". Die bisherigen Prognosen zur Schülerentwicklung könnten sich dann als falsch erweisen, sagt die Bürgermeisterin.

Doch der Gegendruck der Behörde ist teilweise auch erfolgreich. Manche Eltern hadern mit sich, wie sie gegen die Bußgeldbescheide der Schulbehörde vorgehen. In einigen Häusern herrscht Angst vor dem angedrohten Sorgerechtsentzug. "Durch viele Familien geht ein Riss", sagt die Bürgermeisterin, weil sich zuweilen auch die Eltern nicht einig seien. Mehrere Eltern gaben in den vergangenen Wochen schon nach: Denn das Amt sicherte jenen Straffreiheit zu, die ihre Kinder doch an die zugewiesene Schule schickten.

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Leserkommentare
  1. Deutschland richtet seine nächsten Generationen systematisch zugrunde. Nun sollen schön Schüler einen ewigen Weg zur Schule auf sich nehmen. Bin mal gespannt, wann Kindergärten ausgelagert werden, damit die Kleinen jeden morgen lernen zu pendeln, was im Jargon dann heißen wird: "In Vorbereitung auf die Lebenswirklichkeit im Erwachsenenalter, wird den Kindern hier die einmalige Chance gegeben das Leben eines Pendlers kennenzulernen."

    Mahlzeit Deutschland. Beschämend.

    14 Leserempfehlungen
  2. Ein kurzer Schulweg ist für Kinder wichtig.
    Wichtig ist auch, dass sie nach der Schule mit Schulkameraden zusammen sein können.
    Lehrer müssen also zu den Kindern kommen.
    Was nützt einem Kind der beste Schulfreund, wenn am Nachmittag, an den Wochenenden und in den Ferien 20 oder mehr Kilometer zwischen ihnen liegen?

    10 Leserempfehlungen
  3. Es wäre doch eher von Vorteil kleinere Klassen zu haben und gerade wenn die Bevölkerung zurückgeht können eben durch diese kleineren Klassen in den Orten die Arbeitsplätze von Lehrkräften erhalten werden.
    Die Behörden scheinen für ein schlechtes Bildungssystem zu kämpfen und fühlen sich dabei anscheinend noch legitimiert...von wem auch immer.
    Alles leider zum Nachteil der Schüler_innen.

    9 Leserempfehlungen
    • Rychard
    • 18. Januar 2013 17:13 Uhr

    den Mut der Gemeinde, Eltern & Schüler ihre Interessen bis vor Gericht verteidigen. Und Toi, toi, toi für die 5.Klasse dieses & auch die nächsten Jahre ..

    7 Leserempfehlungen
  4. Politiker, wollt ihr das den Kindern zumuten?
    Dann wäre es sinnvoller in einigen ländlichen Regionen Internatschulen einzurichten, in die die Kinder zwangsweise eingewiesen werden.
    Dann leben sie zwar weitestgehend ohne die Eltern, aber sie haben wenigstens Freunde.

    Das Ganze ist etwas ironisch gemeint. Ich will ein solches Leben für die Kinder nicht.

    5 Leserempfehlungen
  5. Nie ging es den Kindern in unseren Schulen schlechter als heute, zumindestens wenn ich es mit meiner Schulzeit vergleiche, diese sächsische Mittelschule hätte eigentlich eine Chance verdient, wenn ich mir so denke, welche Schulformen bzw.-reformen in diesem Land schon den Bach herunter sind. Und sone Gewerkschaft (GEW) ich nenne sie eigentlich achohweh müßte sich doch freuen ob des Stressfreien Raumes der hier entsteht (KLEINERE KLASSEN ).
    Aber achohweh (GEW) ist zusehr mit der Politik Verwoben- in den versch.Landzags und Bundestagsfraktionen.
    Da ist sie/er , dann Parteisoldat/in.
    Unser Staat hat in den letzten Jahren soviel Bildung weggespart, das es lange schon die Wurzeln ("Das zarte Pflänzchen Bildung") zernagt.
    Ach oh weh !!

    5 Leserempfehlungen
    • Nest
    • 18. Januar 2013 19:29 Uhr

    Keine meiner weiterführenden Schulen war näher als 15 km, und ich war im Vergleich zu anderen Schülern noch richtig gut bedient. Die hatten teilweise Anfahrten von über einer Stunde; was soll ich sagen–so ist das eben wenn man auf dem Land lebt.
    Ich habe nachmittags eben nicht mit meinen Klassenkameraden gespielt sondern mit meinen Freunden aus dem Dorf, eine Zumutung war das nicht.

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    Antwort auf "Ist ja lächerlich"
  6. Mal den Routenplaner gesehen?

    Zu Fuß 2 Stunden,
    mit Auto "gesperrte Straßen"
    mit Öffentlichen: Taxi.

    Alles klar. Als Eltern würde ich mich da nicht erpressen lassen, der Weg ist klar und eindeutig zu weit.

    4 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Schulbehörde | Eltern | Schule | Schüler | Bautzen | Hamburg
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