Nach meinem Studium habe ich als Vertretungslehrer das Fach Geschichte/Politik unterrichtet. In der 8. Klasse einer Hauptschule war ich für 30 Schülerinnen und Schüler zuständig. Einer der Jungs war 15 Jahre alt, groß und muskulös. Er hatte die Gesichtszüge eines Zehnjährigen. In diesem Artikel nenne ich ihn Justin.

Die ersten Wochen waren hart. Zahlreiche neue Eindrücke und Informationen überforderten mich. Ich kämpfte damit, konsequent zu sein. Manchmal merkte ich nicht, wenn ich mir widersprach und so Stück für Stück die Kontrolle verlor. Das hat sich mit der Zeit gebessert. Dennoch wurde Justins Art mit mir zu reden im zweiten Schulhalbjahr immer respektloser. Er untergrub meine Autorität, die ich in der Zwischenzeit gewonnen hatte.

Im März 2012 kam es zum Eklat: Zwei Wochen arbeitete Justin im Unterricht nicht mehr mit, verhielt sich jedoch ruhig. An einem Tag unterhielt er sich plötzlich lautstark mit anderen Schülern, hielt sie vom Arbeiten ab und verbreitete große Unruhe. Er stand von seinem Platz auf, ging durch die Klasse und weigerte sich, trotz meiner Aufforderung, den Raum zu verlassen. Ich musste den Unterricht unterbrechen. Ein Kollege kam mir zur Hilfe und holte Justin aus dem Klassenraum.

Im anschließenden Gespräch mit der Schulleitung erzählte Justin, seine Mutter habe den alkoholabhängigen Vater aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Der Vater sei jedoch bei der Konfirmation seines jüngeren Bruders völlig betrunken aufgetaucht, habe seine Frau beschimpft und versucht, ihr zwischen die Beine zu fassen. Justin ging dazwischen. Er musste seine Mutter vor seinem eigenen Vater beschützen.

Das Unvermögen der Eltern

Kinder und Jugendliche werden nicht zu Problemfällen, weil sie einen Migrationshintergrund haben. Es spielt auch keine Rolle, welcher Religion sie angehören. Die Probleme der Jugendlichen erwachsen aus dem Unvermögen ihrer Eltern, ihnen Liebe und Zuneigung zu geben, sich um sie zu kümmern.

Die Schule kann nur wenig dazu beitragen, die Kinder auf ein eigenverantwortliches Leben vorzubereiten. Dreißig Stunden pro Woche reichen nicht aus, um einem Kind zu helfen, die Zurückweisung seiner Eltern zu verkraften, der Abhängigkeit oder der Gewalt zu entfliehen. Dabei spielt keine Rolle, ob es sich um eine Haupt- , eine Sekundar- oder eine Gesamtschule handelt.

Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern muss verstärkt werden. Es wäre falsch, Justins Mutter oder sogar seinen Vater dazu zu verpflichten. Aber sie sollten Anreize bekommen, sich gemeinsam mit den Lehrern für ihre Kinder  zu engagieren. Der beste Pädagoge ist machtlos, wenn seine Schüler zu Hause Opfer familiärer Gewalt werden.