Leserartikel

LernenSitzenbleiben hat mich weitergebracht

In Niedersachen sollen künftig alle Schüler unabhängig von ihren Noten versetzt werden. Leser Michael Herth ist dagegen. Er profitierte von seiner Ehrenrunde. von Michael Herth

Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen will das Sitzenbleiben abschaffen. Ihr Argument: Diese Sanktion hätte schwächere Schüler bislang benachteiligt statt gefördert. Meine persönliche Erfahrung ist jedoch gegenteilig. Ich habe seinerzeit vom Sitzenbleiben profitiert.

Gegner der erzwungenen Wiederholung eines Schuljahres warnen: Schüler würden gemobbt, wenn sie in die neue Klasse kommen. Sie könnten sich nicht integrieren. Das habe ich anders erlebt. Anfangs musste ich zwar soziale Hürden nehmen, die neuen Mitschüler erst einmal kennenlernen. Älter als die anderen zu sein, grenzte ab. Aber mit einem Jahr mehr Erfahrung, hatte ich auch einen Vorsprung. Neue Freunde fand ich schnell, weil ich mich auf die neue Situation einließ. Als großen Vorteil empfand ich den Wechsel der Lehrer. Jene, die mich als schlechten Schüler abgestempelt hatten, waren weg. Ich bekam eine neue Chance.

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Kritiker des Sitzenbleibens wenden außerdem ein, es sei unnötig, den Stoff eines ganzen Schuljahres zu wiederholen, nur weil Schüler in ein oder zwei Fächern schlechte Noten haben. Ich bin in der achten Klasse wegen Latein sitzengeblieben. Auch die Inhalte der anderen Fächer zu wiederholen, war für mich ein Gewinn. Anfangs fiel es mir überraschend leicht, gute Noten zu bekommen, da ich manches noch aus dem vorherigen Jahr wusste. Diese Bestätigung war ein guter Anfang.

Ob Mathematik, Deutsch oder Geschichte: Erst im zweiten Durchgang habe ich vieles verinnerlicht und Zusammenhänge erkannt. Eine Erleichterung war es auch, die meisten Tests und Klausuren ohne Angst angehen zu können. Von einem schlechten wurde ich zu einem guten Schüler und gewann dadurch an Selbstbewusstsein.

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Da ich nun viele Dinge im Unterricht verstand, begann ich, mich für sie zu interessieren. Stupides Auswendiglernen war kein Thema mehr. Inhalte verstehen zu wollen, rückte in den Vordergrund. Der Spaß daran motivierte mich. Damals begann ich, kontinuierlich Hausaufgaben zu erledigen und früh genug das Lernen für Tests einzuplanen. Ohne diese Erfahrungen hätte ich kaum ein gutes Abitur erzielt und mein Wunschfach Politikwissenschaft studiert, das mit Numerus Clausus belegt war. Sitzenbleiben hat mich weitergebracht.

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Leserkommentare
  1. Wie mir auf Nachfrage bei der neuen Kultusministerin bestätigt wurde,nehmen die Medien zwar das "Sitzenbleiben" und seine Abschaffung pointiert in den Blick, jedoch sind die Pläne eben nicht, hier einfach die Wiederholung eines Schuljahres abzuschaffen, sondern zunächst Förderkonzepte zu erstellen und diese so in die Tat umzusetzen, dass das Sitzenbleiben sich auf die Dauer erübrigt. An eine schlichte Abschaffung sei auf keinen Fall gedacht! Auch im KuMi gibt es vernünftige Politiker, die wissen, dass keinem Kind oder Jugendlichen geholfen ist, wenn es mit mindestens zwei mangelhaften Leistungen und weiteren nur ausreichenden in eine nächsthöhere Klasse geschickt wird, in der es keine Chance mehr hat, die neuen Kompetenzen zu erwerben, wenn es die dafür notwendigen vorhergehenden nicht beherrscht.

    10 Leserempfehlungen
    • feed3r
    • 27. Februar 2013 15:28 Uhr

    Ich bin auch sitzengeblieben (8. Klasse) und finde auch heute noch, dass es mich wirklich weiter gebracht hat, weil ich eine neue Chance mit neuem Umfeld bekommen habe. Genau das neue Umfeld hat bei mir den Umbruch gebracht, ja sogar weg von Drogen etc.

    9 Leserempfehlungen
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    • cs1111
    • 05. März 2013 7:11 Uhr

    Neue Lehrer, und vor allem raus aus einem (selbst-)zerstörerischen Umfeld von Mitschülern, die gar nicht gut für mich waren - das kann man in der 8. oder 9. Klasse nicht immer selbst sofort so reflektieren - doch, auch wenn es damals ein Schock war, im Nachhinein hat es mir nur geholfen.

    • eklipz
    • 27. Februar 2013 15:41 Uhr

    etwa der 6. ist für Schüler auch wesentlich einfacher als für jmd, der z.b. die 11. wiederholen muss und somit den jahrelang gefestigten Klassenverband verlässt. Kindern fällt die Anpassung einfach leichter. Jugendliche, deren Hormone ihnen eh schon das Leben nicht leicht machen, haben da wesentlich mehr Probleme, Minderwertigkeitsgefühle z.B.

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    Das Argument, das Wiederholen einer höheren Jahrgangsstufe sei schwieriger, weil der Klassenverband dann gefestigter sei, kann ich nicht teilen. In der Oberstufe wählen die Schüler doch ohnehin ihre Schwerpunkte mehr nach Neigungen aus und der Klassenverband wird mehr oder weniger aufgelöst. Vielleicht finden sich in den Kursen neue, durch gemeinsame Interessen begründete Freundschaften?

    Außerdem, wer sagt denn, daß sich der Sitzenbleiber in seiner vorherigen Klasse wohlgefühlt hat? Vom schlechten Schüler bis zum Mobbing-Opfer ist es oft nicht weit. Da kann das "Sitzenbleiben" und die neue Chance in einer neuen Klasse, mit neuen Lehrern, auch als positiv empfunden werden.

    Und einen guten sachlichen Grund für das Wiederholen in der oder kurz vor der Oberstufe gibt es auch noch: Besser das Abitur ein Jahr später, aber mit guter Note machen, als sich so durchzuhangeln, die Prüfung gerade so zu packen und dann mit einem 3 komma irgendwas-Abitur nichts anfangen zu können.
    Wenn man in der 11. oder 12. Klasse merkt, daß die Noten, die ja schon für das Abschlußzeugnis zählen, die Tendenz zum grottigen haben, dann ist Wiederholen das beste, was man tun kann. Auch wenn es einem in dem Moment vielleicht wie eine Katastrophe vorkommt: hinterher im Studium oder bei der Bewerbung fragt einen keiner mehr danach, gerade jetzt mit dem G8.

    ... Klassenverband aber gerade nicht wohl. Immer der "Loser" zu sein, stärkt ja auch sicherlich nicht das Ansehen bei den anderen. Dann kann ein Wechsel auch gut tun. Gerade wenn man so vielleicht nach Jahren erst einmal wieder Erfolgserlebnisse hat.

  2. Worum es beim Sitzenbleiben geht:

    Sanktion = Strafe (für was genau?, schlechte Lehrer?)

    Erzwungene Wiederholung = Zurückweisung und Nötigung

    Soziale Hürden = man verliert seinen Freundeskreis (Neue Freunde fand ich schnell ...)

    Erfahrung sammeln = ein Argument gegen zu frühe Einschulung und zu kurze Schulzeit (G8)

    Vorteil des Lehrerwechsels = Versagen der Schulleitung auf Kosten der Schüler

    Dem einen oder anderen mag das Sitzenbleiben retrospektiv als gute Erfahrung gelten, aus dieser exemplarischen Geschichte läßt sich jedoch nichts schlussfolgern.

    Das ganze hört sich dann so an, wie von den Befürwortern von Prügeln: Ein Klaps hat noch niemandem geschadet, oder aus dem und dem sei dann ja doch noch etwas geworden usw. usf.

    Schwarze Pädagogik wurde schon immer mit solch üblen Vergleichen und Erfolgsgeschichten propagiert.

    Typisch erscheint mir auch, dass die Befürworter von Sitzenbleiben nie in der Industrie tätig sind. Dort wartet nämlich man nicht, bis ein Schaden entsteht, man versucht ihn von vornherein durch vernünftige Konstruktion und kluge Planung zu verhindern oder abzuwenden. Das sollten unsere Kinder von uns auch erwarten dürfen. Mindestens!

    14 Leserempfehlungen
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    lässt sich ableiten, dass wenn man sitzen bleibt, der Lehrer die Schuld trägt. Das ist mir zu einfach, vor allem, wenn nicht die ganze Klasse sondern lediglich 1-2 Schüler das Jahr wiederholen muss.
    Ich wurde damals aus pädagogischen Gründen nicht versetzt, weil mein Entwicklungsstand (die anderen waren alle 1 Kopf größer als ich und wirkten optisch erwachsener)nicht in die Klasse passte. Ich wurde viel geärgert etc. Ich drohte wegzulaufen, wenn ich wiederholen sollte. Meine Leistungen waren solala.
    Letztendlich wiederholte ich die 8. Klasse und blühte auf, fand neue Freunde und die schulischen Leistungen führten mich 1986 zu einem durchweg gutem Hauptschulabschluss.

    • Snorrt
    • 28. Februar 2013 15:44 Uhr

    ... ich finde eher interessant, dass wir unsere Kinder immer noch mit tonnenweise Bullshit zudröhnen, ihnen dadurch ihr Kindsein, ihre freien Nachmittage und inzwischen sogar ganze Lebensjahre (G8, Sitzenbleiben) rauben.

    Wenn ich mal rekapituliere, was ich aus Schule und Studium so für's Leben brauche, wird mir beim Gedanken schlecht, dass alle Kinder das immer noch durchmachen müssen. Entschlackung wäre gut, Konzentration auf die wirklich wichtigen Fächer und Themen, Wahlfächer für den ganzen anderen Quark. Dann können die Kinder auch mal wieder ein Hobby genießen oder einfach mal raus in die Wallachei, um der Verfettung entgegenzuwirken.

    Aber inzwischen werden die schon in der 4ten so auf Effizienz gedrillt, dass mich die Folgen (siehe Wirtschaftsdominanz o. "jeder ist sich selbst der Nächste") nicht wundern. Wir zerstören die natürliche Lernbereitschaft und die natürliche Wißbegier doch hauptsächlich dadurch, dass wir Kinder schon in frühester Schulzeit so auf Linie bringen.

    Ich würde es stark begrüßen, wenn dieser ganze Zwang wieder zurückgeschraubt wird. Sitzenbleiben müssen ist ein guter Kandidat. Jetzt müssen nur noch Modernisierung des Lehrstoffs, Verkleinerung von Klassen und Individualisierung folgen.

    Die Haupt-Trantüte musste ja neulich ihren (Doktor-)Hut nehmen. Vielleicht tut sich ja bundesweit auch mal was Sinnvolles.

    Sie haben einen wesentlichen Punkt vergessen:

    Die Leistungen des Schülers (n.)!

    In der Regel kommen schlechte Leistungen daher, weil Schüler "keinen Bock" haben oder einfach Probleme mit dem Fach haben - Mathe ist da ein Highlight, aber auch "Laberfächer" wie PoWi oder Geschichte können dazugehören.

    Ein Lehrer kann und soll guten Unterricht machen, die Schuld für Versagen der Schüler aber grundsätzlich bei ihm zu suchen, ist falsch!

    Immerhin geht es ja darum, die jungen Menschen auf das Leben nach der Schule vorzubereiten, und mit "Null-Bock"-Einstellungen oder mangelhafter Eigenverantwortung wird's sowohl in Lehre als auch im Studium extrem brenzlig! Da ist dann niemand mehr, der einen durch Förderpläne versucht, aus dem Sumpf zu ziehen, da werden die Unfähigen einfach fallengelassen, weil sie "das System" zuviel Geld kosten.

  3. 5. Man...

    ...darf sich freuen für jene, für die sich das Sitzenbleiben als Chance entwickelt hat. Man darf aber bezweifeln, dass dies verallgemeinerbar ist. mit der Abschaffung des sitzenbleibens ist aber das Problem ebensowenig erkannt und angegangen. Gerade das manchen das Sitzenbleiben individuell geholfen hat, untermauert, dass wir Lehr&Lern-, Förder&Forderkonzepte benötigen, die der Individualität von SchülerInnen, ihrer lokalen Sozialökologie, und den gegenwärtigen wie zukünftigen (welt)gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden können. Und genau hier sind wird konzeptuell und strukturell im Bildungssystem, trotz vieler (aber immer noch personell zu weniger)engagierter Lehrer, weitestgehend entfernt. Wer das Sitzenbleiben um der Tradition willen oder aus eigener Erfahrung heraus behalten will, trägt ebenso zu einer Strohmann-Debatte bei, wie jene die glauben mit der Abschaffung von allem was sie als "archaisch" brandmarken können, sei das Bildungsparadies herstell- und verwaltbar. Der langwierigen und komplex zu führenden Debatte um ein gerechtes und effektives Bildungssystem entziehen wir uns politisch wie gesellschaftlich seit 15 - 20 Jahren, mit ideologischen Strohfeuern ("Wer soll zahlen", "Kuschelpädagogik", "tough love", "Problemschulen", etc.) Mand darf sich freuen für alle, die irgendwann irgendwo das Glück hatten zufällig eine Chance zu bekommen, und nicht zum grossen Rest der Mehrheit zu gehören.

    2 Leserempfehlungen
  4. Das ist immer der Krux an der ganzen Angelegenheit und warum alle aneinander vorbeireden. Ich habe es so erlebt, also muss es so sein. Mir hat aber das gut getan, als muss das gelten usw.

    Aber das grundlegende Problem ist: Es gibt keine Regel, die allen Kinder gut tun. Dem einen Schüler hilft es bestimmt, wenn er mal Sitzen bleibt. Dem Anderen hingegen kann es total runterreißen und dadurch endgültig die Schullaufbahn versauen. Was macht ein älterer Schüler, wenn er eben nicht die sozialen Hürden abbauen kann?

    Die Politik kann nur einen Rahmen schaffen, der möglichst vielen Kindern eine gute Arbeitsweise ermöglicht. Allen können sie es nicht gerecht machen. Für das Einzelkind sind dann die Eltern und Lehrer zuständig, die zusammen den besten Weg für das Kind erarbeiten. Dies hat aber zwei zentralle Anforderungen:

    1.) Die Klassen dürfen nicht zu groß werden, so dass ein Lehrer jedes Kind einschätzen kann.
    2.) Die Eltern müssen mit dem Lehrer zusammenarbeiten. Sie dürfen es nicht als Angriff gegen sich oder ihrem Kind empfinden, wenn ein Lehrer empfiehlt, wenn ein Kind die Klasse nochmal wiederhohlt.

    Darum bin ich dafür, dass Sitzenbleiben abgeschafft wird. Es sollte im Bedarfsfall zwischen Lehrern und Eltern beschlossen werden.

    3 Leserempfehlungen
  5. Da wundern sich diese Politiker warum wir keine Facharbeiter haben.
    Dazu muß man schon lesen und schreiben können
    Zu wissen wo Oben und Unten ist reicht da nicht aus

    3 Leserempfehlungen
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    • uwecux
    • 27. Februar 2013 16:21 Uhr

    [...]
    Ich möchte mich dem Beitrag Nr. 6 anschließen und kann Eltern nur empfehlen, ihr Kind eine Klasse freiwillig zu wiederholen, wenn pädagogisch sinnvoll. Diese Möglichkeit besteht jetzt schon.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

    • uwecux
    • 27. Februar 2013 16:21 Uhr

    [...]
    Ich möchte mich dem Beitrag Nr. 6 anschließen und kann Eltern nur empfehlen, ihr Kind eine Klasse freiwillig zu wiederholen, wenn pädagogisch sinnvoll. Diese Möglichkeit besteht jetzt schon.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Lernen | Abitur | Geschichte | Gewinn | Landesregierung | Lehrer
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