SchulkarrierenSitzenbleiben ist out

Niedersachsen will die Ehrenrunde abschaffen. Kein Grund zum Jammern. Nur darf dieser Schritt nicht Anlass zum Sparen sein, kommentiert Parvin Sadigh. von 

In Niedersachsen überlegt Rot-Grün, das Sitzenbleiben abzuschaffen und schon wird mal wieder das Ende der Bildung beweint. Die FDP beispielsweise fürchtet, dass Leistung gleich mit abgeschafft würde, dass sich Schüler ohne diese Drohung nicht mehr anstrengen wollten. Dabei liegt Niedersachsen im Trend. In Hamburg wurde das Sitzenbleiben ganz abgeschafft, in Rheinland-Pfalz an Grundschulen, in Bremen kann man erst ab Klasse 8 wiederholen, in Berlin wird es nur noch an Gymnasien praktiziert.

Hinter diesem Wehklagen steckt die alte Idee, dass Leistung nur unter Zwang und Strafen möglich ist. Aber dieses Menschenbild ist nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur Eltern, die ihre Kinder verhätscheln, bezweifeln das, sondern auch Bildungsforscher wie Manfred Prenzl, der daran erinnert, dass wir den Rohrstock auch nicht vermissen.

Anzeige

Der hohe Druck bleibt ja trotzdem, zumindest am achtjährigen Gymnasium. Schlechte Zensuren oder Kommentare im Zeugnis lassen die meisten Schüler nicht kalt. Das Scheitern wird auch nicht abgeschafft. Nur werden Schüler mehr daraus lernen, wenn misslungene Klassenarbeiten oder Referate detailliert kritisiert werden, als wenn der oder die Betroffene einfach nur als versetzungsgefährdet abgestempelt wird.

Am Sitzenbleiber bleibt das Versagen kleben wie ein Zettel an der Stirn. Manche sind beschämt und erniedrigt, andere nehmen es locker. Die wenigsten aber motiviert es, sich so richtig anzustrengen, um ihr Image umzukrempeln. Meist arrangieren sie sich mit dem Stigma und suchen Bestätigung anderswo. Tatsächlich hat der Bildungsökonom Klaus Klemm in einer Studie nachgewiesen, dass die Leistungen der Sitzenbleiber nicht besser werden. Dafür kosten sie sehr viel Geld – fast eine Milliarde Euro pro Jahr.

Leserkommentare
    • m_pi
    • 07. Februar 2013 17:47 Uhr
    57. [...]

    Doppelpost. Danke, die Redaktion/mo.

  1. aber könnte es sein, dass Ihre Berufswahl in Zusammenhang mit der Tatsache steht, dass nicht mal das Wiederholen beim Sitzenbleiben geholfen hat?

    Antwort auf "Sehe ich genau anders!"
  2. Niedersachsen bleibt auf halbem Wege stehen. Natürlich ist es gut, wenn die Nervensägen nicht auch noch Ehrenrunden drehen dürfen. Aber man sollte diesen gleich nahelegen Jahrgänge zu überspringen. Denn schwache Schülerleistungen resultieren aus Unterforderung.

    Eine Leserempfehlung
  3. "Das Ende des Sitzenbleibens ist ein Bekenntnis zu mehr Vertrauen – dass Kinder und Jugendliche grundsätzlich lernen wollen."

    Die Frage ist: Ist dieses Vertrauen gerechtfertigt? Natürlich Viele -- fast alle -- Kinder sind extrem wissensdurstig und wollen lernen. Aber was ist mit denen, die -- zumindest zeitweise -- eben nicht lernen wollen.

    Weil z.B. ihr Hormonhaushalt gerade spannende Dinge mit ihrem Gehirn anstellt.

    Der Artikel stellt das ein bisschen so hin, als würden diese Kinder durch das Sitzenbleiben bestraft, als sei das Sitzenbleiben eine bösartige Drohkulisse einer unmenschlichen Leistungsgesellschaft.
    Aber ist nicht das Gegenteil der Fall: Werden diese Kinder nicht bestraft, in dem man ihnen ihre Defizite an die Beine bindet, damit sie in den nächsten Jahren nur noch stolpern?
    Man nimmt ihnen die Chance, diese Last des Defizits abzuwerfen.

    Aber richtig ist: Sitzenbleiben hilft nicht allen! Schüler, die schon lange -- auch auf Wunsch und Drängen über-ehrgeiziger Eltern -- in der falschen Schule (Schulform) sitzen, wird das Sitzenbleiben nicht helfen, sondern nur noch mehr frustrieren.
    Aber was ist die Alternative: Mitgeschleift werden und die Zementierung der Defizite. Mit allen Folgen -- für sich und auch für die Mitschüler und Lehrer: Massives Stören aus Langweile und Frust, Gewalt, Depression ... und Schlimmeres.

    Da muss sich Niedersachsen jetzt was Schlaues überlegen, ...

    2 Leserempfehlungen
    • sa_hako
    • 07. Februar 2013 22:05 Uhr

    Der Sinn der "Ehrenrunde" besteht doch darin, dass ein Schüler den Stoff, den er nicht verstanden hat, in einem zweiten Anlauf versteht. Hat ein Schüler in Klasse 7 in Mathe nichts verstanden, versteht er in Klasse 8 doch noch weniger (wenn überhaupt), da der Stoff in der Regel auf dem zum Vorjahr aufbaut. Die Folge: Noch mehr Frust und Desinteresse des Schülers.
    Zugegebener Weise bringt eine "Ehrenrunde" ebenso Frust und Kummer. Das kann man nicht abstreiten. Aber so hat der Schüler und seine Eltern wenigstens einer Chance das Defizit aufzuarbeiten, bevor Stoff kommt, wozu das fehlende Wissen/Verständnis notwendig ist.

    Abgesehen davon spart man ja wohl am falschen Ende, wenn ein Land, was in globalen Vergleich in Know-How vorne liegt, ausgerechnet für seinen Vorteil weniger Geld ausgeben will.

    2 Leserempfehlungen
  4. Einerseits gibt es Schüler(innen), die einfach etwas länger brauchen, um einen bestimmten Lernstoff zu kapieren. Für sie ist die "Ehrenrunde" ein Segen.
    Andererseits gibt es gerade unter diesen nicht wenige, die das "Sitzenbleiben" nicht als Chance begreifen, sondern - vor allem in den ersten zwei, drei Monaten alles als "pippileicht" verstehen - und sich noch weniger anstrengen als vorher. Für diese Gruppe ist das "Sitzenbleiben" eine Katastrophe: Sie werden auch im Wiederholungsjahr nicht besser, sondern eher schlechter. Am Ende werden sie die Schulform wechseln müssen, obwohl dir begabter wären für anderes.
    Ich bin langjähriger Nachhilfelehrer in Mathe, Latein, Griechisch und Deutsch und beobachte diese zweiteilige Entwicklung schon seit mindestens 20 Jahren.

    Antwort auf "Sinnlos"
  5. Wie kann man dieses "Sitzenbleiben ist out" nur gutheißen? Ist es ein Wunder dass die Nordländer nicht mehr ernst genommen werden? Niedrige Produktivität, Kuschelpädagogik nur zur Erhaltung des billigen "self-esteem" der Schüler. Ist es ein Wunder dass die Südländer sich belastet fühlen? Die Zukunft Deutschlands ist nicht im Norden!

  6. 1. muß das Kind beim Wiederholen nicht alles neu erarbeiten; einen Teil des Stoffs beherrscht es ja schon, so daß es sich auf das Schließen der Lücke konzentrieren kann
    2. ist es ja mit einiger Wahrscheinlichkeit gar nicht derselbe Lehrer, den das Kind dann in der neuen Klasse bekommt. Wenn die schlechte Note tatsächlich einfach daran lag, daß das Kind mit dem Unterrichtsstil eines Lehrers nicht klarkam, dann bietet die Wiederholung eine neue Chance.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wenn Ihnen..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte FDP | Bildung | Drohung | Einstellung | Eltern | Geld
Service