SchulePädagogen können Eltern nicht ersetzen

Empfehlungen einer Expertenkommission sollen die Elternarbeit an Schulen verbessern. Schulpädagoge Werner Sacher erklärt, warum Kinder vor allem starke Eltern brauchen.

ZEIT ONLINE: Herr Sacher, Sie haben mitgearbeitet in einer Expertenkommission, die Qualitätsmerkmale für die Elternarbeit an Schulen definiert hat. Sie sind gerade veröffentlicht worden. Warum brauchen Schulen so einen Kompass? Ist zum Beispiel eine respektvolle Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern nicht selbstverständlich?

Werner Sacher: Keineswegs. Beinahe die Hälfte der Eltern fühlt sich von den Schulen nicht auf Augenhöhe behandelt. Umgekehrt geht es den Lehrern ähnlich. Sie erleben Misstrauen und Aggression. Es gibt auf beiden Seiten Berührungsängste.

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Manche Probleme sind auch struktureller Natur. Schule ist immer noch auf die Mittelschicht ausgerichtet. Unterschiedliche Herkunftskulturen oder soziale Schichten werden selten berücksichtigt. Die haben aber vielleicht ein anderes Verständnis von guter Kommunikation und andere Empfindlichkeiten. Auch wenn die Lehrersprechstunden mitten in der Kernarbeitszeit der Eltern liegen, ist das respektlos. Arbeitende Eltern bekommen das Signal: Wir sind nicht die Zielgruppe.

Willkommenskultur

Der "Kompass für partnerschaftliche Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus", herausgegeben von der Vodafone-Stiftung, empfiehlt den Schulen als ersten Punkt, eine Willkommens- und Begegnungskultur an den Schulen zu etablieren - für Eltern, Schüler und Lehrer. Dazu gehört beispielsweise, dass an Elternabenden ein sozialer Austausch stattfindet, dass erfahrene Eltern den neuen die Abläufe erklären oder dass die Termine auch für arbeitende Eltern wahrzunehmen sind. Schulen sollen die unterschiedlichen Bildungsniveaus und Sprachen der Familien berücksichtigen.

Kommunikation

Die Kommunikation sollte respektvoll und vielfältig sein. Neben Sprechstunden und Briefen, sollten Informationen auch per E-Mail oder auf der Website verbreitet werden. Manchmal auch mit Elternlotsen oder Hausbesuchen. Der Austausch sollte zeitnah sein und nicht nur stattfinden, wenn es Probleme gibt.

Kooperation

Eltern, Lehrer und Schüler vereinbaren zum Beispiel gemeinsam Lernziele und -inhalte. Eltern erhalten Tipps, wie sie ihre eigenen Erziehungsmethoden verbessern und die Motivation der Kinder fördern können. Aber dazu kann auch gehören, dass Eltern und Schüler gemeinsam die Schule renovieren oder gegen die Diskriminierung einzelner Schüler eintreten.

Partizipation

Mitbestimmung und Mitwirkung von Eltern und Schülern sollen gestärkt werden. Das kann beispielsweise durch jährliche Befragungen geschehen oder in Arbeitskreisen aus Eltern, Lehrern und Schülern. Eltern können auch die Kooperationen mit sozialen, politischen Netzwerken, mit Unternehmen, Moscheen oder Kirchen koordinieren.

ZEIT ONLINE: Sie wollen die Elternarbeit der Schulen auch deshalb stärken, damit Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Schichten oder Migrantenfamilien bessere Chancen bekommen. Ist es nicht sinnvoller, die Kinder möglichst schon im Kindergarten und in Ganztagsschulen unabhängiger von ihren Eltern zu machen, wie es gerade überall geschieht?

Werner Sacher

Werner Sacher ist emeritierter Professor für Schulpädagogik. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Elternarbeit. Er war Mitglied einer Expertenkommission, die die Vodafone-Stiftung zusammengeführt hat, um Qualitätsempfehlungen für die schulische Elternarbeit zu entwickeln. Es will keine Standards etablieren, die kontrolliert werden, sondern Anregungen im Sinne von länderübergreifenden Leitbildern bieten.

 

Sacher: Nur wenn wir die Familien in der Erziehung kompetent machen, können wir den Kindern wirklich helfen. In der Bildungsforschung ist die Erkenntnis nicht neu, dass wir die Erziehung der Eltern nicht durch den Einfluss professioneller Pädagogen ersetzen können. Auch aktuelle Studien des Forschungsministeriums zeigen: Ganztagseinrichtungen, auch wenn sie ihrem Namen gerecht werden, machen Eltern nicht überflüssig.

ZEIT ONLINE: Aber bildungsbürgerliche Mütter und Väter werden ihren Kindern doch immer mehr zu bieten haben, wenn sie ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Das lässt sich doch durch bessere Elternarbeit in den Schulen nicht aufheben.

Leserkommentare
    • cmim
    • 10. April 2013 19:24 Uhr

    ... Studien geht bis in die 1960er Jahre zurück, die besagen, daß die Kinder gerade in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren am effektivsten lernen. Dann geht es lernspezifisch eigentlich nur noch bergab. Daher liegt es nahe, daß die Eltern den grössten Einfluß auf den interessierten Nachwuchs ausüben.
    (Bezug: G.Doman)

    via ZEIT ONLINE plus App

  1. ..., als Mathe und Physik-Lehrer, das Konzept des "flipped classroom" interessant.

    Die Schüler erhalten den Lernstoff in digitaler Form für zu Hause aufbereitet, in die Schule kommen Sie um ihre Hausaufgaben unter Betreuung zu erledigen.

    Damit ist der Lehrende gezwungen künstliche Beispiele durch lebensnahe Aufgaben für zu Hause zu ersetzen, nur ein Vorteil. Man vertauscht also Unterricht und Hausaufgaben. Macht eh Niemand zu Hause sagen Sie? Im regulären Unterricht hört aber auch keine Sau zu, und so müssen die Kinder wenigstens die Hausaufgaben machen.

    Außerdem aktiviert man die Schüler auf diese Weise ohne den höchst umständlichen Umweg über 1000seitige Didaktik und Methodik-Bücher. Die sind ohnehin nur hauptsächlich dazu da um Gehälter an den Studienseminaren zu rechtfertigen.

    Abschließend ist zu vermuten dass so auch die tragende Rolle der Eltern hervorgehoben wird, ... ganz ehrlich, wenn Sie nicht mitziehen können wir Lehrer auch nicht viel ausrichten.

    4 Leserempfehlungen
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    Das werde ich gleich nächste Woche einmal ausprobieren, Herr Kollege, vielen Dank!

    Ansonsten - Lehrer sollen dies und das und müssen dies und das und irgendwann kommt man sich so vor, wie eine Leinwand, auf der jeder seinen kleinen Lieblingsfilm abspielen will. Was also auch zu unseren Aufgaben gehört, ist, diesen ganzen Unsinn von den Kindern fernzuhalten...

    Also da ergeben sich richtig Mittel und Wege, kräftig Personal einzusparen. Als Hausaufgaben dann nurnoch Multiple-Choice-Aufgaben mit automatischer Auswertung. Wer braucht da noch Lehrer. Das kann jede Hilfskraft.

    Die Schüler bereiten den Unterricht vor und können dann über die Fragen bei den Aufgaben den Stoff besser erfassen.

    Im Augenblick ist es ja eher so, dass die Eltern dann bei den Hausaufgaben merken, was die Schüler im Unterricht nicht richtig mitbekommen haben. Und wenn die Eltern dann ebenfalls nicht wissen, worum es geht, wird es in der heutigen Zeit des Bulemielernens schwierig.

    • Simt
    • 11. April 2013 8:56 Uhr

    Es wundert mich, dass in einer Zeit in der die Noten der Schüler immer besser werden, es noch Lehrer gibt, die sagen, dass Schüler eh nicht zuhören. Liegt das vielleicht an dem Lehrer?
    Des Weiteren gibt es Eltern, die arbeiten gehen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Und wenn die Familie sich dann um 17.00 Uhr zu Hause trifft, wäre es schön, wenn der Rest des Tages nicht ausschließlich durch Hausaufgaben bestimmt wird.

  2. Nette Ideen. Schule muss, Lehrer sollen......
    .
    Und Bund,Land, die Städte und Kreise.....
    haben
    .
    Die Jugendarbeit gleich welcher Art fast auf Null gestellt
    Freiwillige Erziehungshilfe s.o.
    Mittel für Sozialarbeit s.o.
    Schulpsychlogischen Dienst s.o.
    Brennpunktarbeit s.o
    usw.usw.usw.
    .
    und das alles soll jetzt Schule auffangen?
    .
    Möglicht "Kostenneutral" mit weniger Stellen, weniger Ausstattung, und viel höherer Effektivität, mit nicht dazu ausgebildeten Lehrern und einer Gesellschaft in der Erziehungsleistungen, d.h. ein Kind sollte irgendwann zum Schuleintritt Gruppenfähig sein, sozial Interagieren können, die wichtigsten Kulturtechniken beherschen..... von 1/3 der Eltern nicht mehr erbracht werden KÖNNEN!
    .
    Doch, eine gute Handreichung für Schule! :-(((( Ein wenig an der Wirklichkeit vorbei!
    .
    Kopfschüttelnde Gruesse
    Sikasuu
    (Kein Lehrer)
    .
    Ps. Und ganz nebenbei schafft Schule es auch noch die "Inklusion" das wichtige Projekt ohner Probleme bei allen Schülern mit ein zu beziehen.
    .
    Grrrrrrr :-((((

    4 Leserempfehlungen
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    Aber die Eltern sind die Watschenkasper der Nation. Wenn eine Lehrerin an der Grundschule in Hamburg-Wilhelmsburg einen Jungen bestraft muß sie darauf achten woher der Junge stammt, ist es ein Türke ist es besser nichts zu sagen sonst stehen die Eltern auf der Matte um zu fragen wieso SIE ihren Sohn bestraft. Das ist Schule in Deutschland.

    • welll
    • 10. April 2013 20:23 Uhr

    dass sie nett gemeint und hier und da auch richtig sind, aber wohl im ganzen doch illusorisch.
    Letztlich bedeuten sie mehr Arbeit, mehr Organisation und auch mehr Geld.
    Dass letzters gerade im Bildungssystem ein knappes Gut ist, ist eine Binsenweisheit und daran wird sich wohl auch nichts ändern.

    Abgesehen vom Geld ist auch nicht klar wie die "Qualitätsmerkmale" jemals effektiv ungesetzt werden sollten, denn sie wären nicht das einzige was Schulen und Lehrer zu beachten hätten. Die Anforderungen an Schule werden zunehmend grösser, Lehrer müssen immer mehr Aufgaben übernehmen und "Qualitätsmerkmale umsetzen, ganz abgesehen von der nächsten "didaktischen Sau" die regelmässig durch die Schulen getrieben wird.
    Es wundert, dass überhaupt noch Zeit und geistige Kapazität für Unterricht übrig bleibt.

    Wenn dann genervte Eltern auf genervte Lehrer treffen, wundert es nicht, dass es hier zu Spannungen kommt.

    Vlt. sollte sich das Bildungssystem mal den alten Spruch "weniger ist mehr" durch den Kopf gehen lassen. Weniger Lehrinhalte einerseits und weniger "Qualitätsmerkmale" andererseits, würden ggf. ein mehr an Zeit und Kapazitäten bedeuten, um guten Unterricht und bessere Individualbetreuung, dort wo unbedingt nötig, zu ermöglichen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Da haben wir wieder die Erkenntnis über das, was wir ohnehin schon immer wussten. Vielleicht setzt sich die Reihe der Neuentdeckungen wie folgt fort:

    -Kinder brauchen Vater und Mutter
    -Kinder werden zu Hause besser erzogen
    -es gibt Vererbung von Anlagen
    -Eltern, die ihre Kinder selbst erziehen wollen denken verantwortungsvoll und sind keine Arbeitsmarktdrückeberger
    -eine engagiert elterliche Erziehung vor der Schule ist die beste Voraussetzung für gutes Lernen in der Schule

    u.s.w.,

    Wenn Eltern wieder kompetent in der Erziehung gemacht werden sollen, wie hier im Artikel gefordert, dann heisst das doch, es ist was grundsätzlich schief gelaufen. Denn Eltern sind eigentlich die Erziehungskompetenz von Natur aus. Nur sie sind in der Lage Kinder mehr zu lieben als sich selbst. Dies ist die beste Voraussetzung für Aufwachsen in Geborgenheit. Ich kann nur empfehlen, dass die Politik sich weitgehend aus der Erziehungskompetenz der Familie heraus halten sollte. Kein Druck in Richtung Arbeitsmarkt, kein Druck in Richtung Kita-Unterbringen. Für eine freie Entscheidung nach individuellen Bedürfnissen.

    10 Leserempfehlungen
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    Leider nicht!
    .
    Erziehen, d.h. einüben und weitergeben von gesellschaftliche notwendigen Fähigkeiten,Normen und Werten, kann ich nur dann, wenn ich selbst welche habe und die eine große Schittmenge mit den allg. Fähigkeiten, Normen und Werten haben.
    .
    Ein "Buschmann" kann seinen Kindern die Jagt, das Überleben, das Verhalten im Stamm.... weitergeben.
    .
    Ein Mitteleuropäer seinem Kind das Durchsetzen gegen Andere, mit dem Fernseher umgehen, das benutzen der Mikrowelle.....
    beibringen.
    .
    So lange es keine allg. gültiges akzeptiertes Regelwerk gibt, vermitteln Eltern IHRE sicht der Gesellschaft an ihre Kinder. Die sit leider NICHT angeboren sondern erlernt!
    .
    Beipiel: Wenn 6-10 Jährige, bestimmte Verhaltensweisen zeigen, sind die FAST IMMER von den Eltern vermittelt, bzw. eine Auswirkung von NICHT Erziehung!
    .

    Im Grunde bestätigen Sie meine Aussage. Wenn ich darauf hinweise, dass Eltern eine natürliche Erziehungskompetenz haben, dann schliesst das negative Prägungen mit ein. Sie sind einfach die Vorbilder, im Guten, wie im Schlechten. Überall in der Gesellschaft gibt es diese Unterscheidungen, auch unter Erziehern. In Einzelfällen kann man sogar sagen, ein schlechtes Elternhaus ist immer noch besser als gar keins.

  4. Das werde ich gleich nächste Woche einmal ausprobieren, Herr Kollege, vielen Dank!

    Ansonsten - Lehrer sollen dies und das und müssen dies und das und irgendwann kommt man sich so vor, wie eine Leinwand, auf der jeder seinen kleinen Lieblingsfilm abspielen will. Was also auch zu unseren Aufgaben gehört, ist, diesen ganzen Unsinn von den Kindern fernzuhalten...

    Antwort auf "Ich finde..."
  5. "Entweder man gibt den Familien direkt das Geld – wir wissen, dass die Chancen der Kinder dadurch nicht besser werden."

    Ach ja, woher wissen "wir" denn das? Belege? Ich bin vom Gegenteil überzeugt!

    3 Leserempfehlungen
  6. Die meisten Kinder haben doch grundsätzlichere Probleme.

    Den meisten Eltern müßte man doch zuerst beibringen den Fernseher einmal abzuschalten und sich überhaupt mit ihren Kindern abzugeben.

    3 Leserempfehlungen

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