SchulfrageMache ich meinem Kind nicht genug Druck?

Manche Fünftklässler lernen bis zum Abend. Der Lehrer Michael Felten rät in seiner neuen Kolumne "Schulfrage" Eltern von Gymnasiasten zu Gelassenheit. von Michael Felten

Schüler versinkt hinter einem Berg von Büchern

Wie viel Druck brauchen Schüler?  |  © John Dow / photocase.com

Die Elternfrage: Die Klassenlehrerin meines Sohnes (Gymnasium, 5. Klasse) sagte auf dem letzten Elternabend, dass einige Schüler regelrecht zusammenbrechen würden, wenn sie eine 4 bekommen. Sie bat darum, zu Hause den Druck herauszunehmen. Offensichtlich lernen viele Mitschüler meines Sohnes bis zum Abend und verzichten auf ihre Hobbys. Jetzt frage ich mich aber: Wie viel Druck müssen Eltern machen, damit ihre Kinder im G8-Gymnasium nicht abgehängt werden?


Michael Felten
Michael Felten

(61) beantwortet auf ZEIT ONLINE Ihre Fragen zur Schule. Er hat eine Tochter und arbeitet seit über 30 Jahren als Gymnasiallehrer. Neben Erziehungsratgebern veröffentlichte er zahlreiche Beiträge zu Bildungsfragen. www.eltern-lehrer-fragen.de

Da sind Sie ja an eine gute Klassenlehrerin geraten! Die weiß anscheinend, dass "Erprobungsstufe" nicht heißt, nur Dauer-Einser hätten auf dem Gymnasium eine Chance. Im Gegenteil: Mancher Ersthöhenflug endete schon in psychosomatischen Krankheiten. Manches zunächst unscheinbare Kerlchen aber kam auf Dauer überraschend gut zurecht. Hoffentlich sehen die anderen Fachlehrer Ihres Kindes das auch so.

Der Wechsel zum Gymnasium konfrontiert die Kinder mit einem enormen Problem: der Neupositionierung. Plötzlich gehören sie nicht mehr automatisch zum besten Drittel ihrer Lerngruppe, also zu denen, die seit Jahren diejenigen waren, die als Erste aufzeigten, die wenigsten Fehler hatten, am schnellsten mit den Übungsaufgaben fertig waren. Jetzt sind da jede Menge andere Pfiffige und Schnelle – und das kann ein Kind ziemlich erschrecken. Bin ich nicht mehr so gut wie früher? Bin ich nicht gut genug für’s Gymnasium? Und diese Frage, das Damoklesschwert mangelnder Eignung, wirft ja schon seit der 3. Klasse Schatten auf nicht wenige Kinderseelen.

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Die einen verhalten sich in dieser Bewährungssituation kämpferisch, sie werfen sich ins Zeug – und nach einer Anlaufzeit haben sie sich stabilisiert und kommen zurecht, ob die Tests nun "gut" oder "befriedigend" ausfallen. Andere sind nicht weniger leistungsfähig, reagieren aber zaghaft, ziehen sich zurück, fragen nicht nach, um nicht aufzufallen, schreiben die Tests dann unter großer Anspannung – und schon steht da erstmals "mangelhaft", scheinbar eine Quittung für ihr Doch-nicht-geeignet-sein. Nun sind sie noch nervöser, kein gutes Omen für die nächsten Prüfungen.

Intelligenz ist keine fixe Größe, sondern eine dynamische. Ob Zehnjährige ihre bis dahin entwickelte Auffassungsgabe nutzen können, hängt stark von den emotionalen Begleitumständen ab und von ihrem erworbenen Muster, mit Konflikten und Belastungen umzugehen.

Dieses Positionierungsproblem tritt übrigens nicht nur auf, wenn Eltern ihren Kindern überehrgeizig im Nacken sitzen. Aber falls sie dies tun, macht das die Sache nur schlimmer. Je mehr die Kinder spüren, dass sie nicht versagen dürfen, um die Eltern nicht zu enttäuschen, desto freudloser oder gar verkrampfter werden sie arbeiten.

Die Schulfrage

Welche Schule ist die richtige? Wie rede ich mit dem Lehrer? Schlechte Noten? Keine Motivation? Wir sammeln Fragen von Eltern und Schülern zur Schule! Der Gymnasiallehrer Michael Felten antwortet. Wenn Sie selbst eine Frage stellen möchten, schreiben Sie sie bitte unten in den Kommentarbereich des Artikels oder schicken Sie eine Mail an schulfrage@zeit.de

Im ersten Gymnasialjahr brauchen Kinder also keinen elterlichen Druck, sondern emotionale Sicherheit und Unterstützung bei den neuen Herausforderungen. Es kann durchaus sein, dass sie jetzt viel mehr Lernzeit investieren müssen als in der Grundschule, vielleicht auch mehr als mancher Klassenkamerad; aber das braucht kein schlechtes Zeichen zu sein. Ermutigung ist jetzt das Wichtigste - und Gelassenheit. Denn die Schulzeit ist ein langer Weg voller Windungen und manchmal auch Sackgassen. Da fliegt man nicht bei der erstbesten Kurve aus der Bahn.

Im Übrigen sagt Schulerfolg nur höchst bedingt etwas aus über das zukünftige Lebensglück. Sollte sich zeigen, dass ein Kind am Gymnasium auf absehbare Zeit überfordert ist, muss das keineswegs eine Katastrophe sein – wenn die Eltern kein Drama daraus machen.

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Leserkommentare
  1. Gibt es nur noch Gymnasiasten? Oder glauben sie, der Druck auf Realschüler oder GS-Schüler sei geringer? - Und Hauptschüler gibt es überhaupt nicht, die sind einfach nicht existent.

    Wenn schon für 2jährige Ausbildungsen mindestens ein guter Realschulabschluß, ev. Abitur gefragt ist - glaubt da wer,dort gäbe es weniger "Stress"?

    Mittlerweiler haben fast alle Kinder/Jugendlichen einen Arbeitstag, bei dem Erwachsene streiken würden.

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    • Petka
    • 29. April 2013 19:40 Uhr

    ... sind nicht die einzigen Schüler, aber durch die Aussortierung nach Noten sind die Hälfte der Gymnasiasten die einzigen, die plötzlich dauerhaft schlechter als der Durchschnitt sind.

    Das Phänomen hat Feynman AFAIK auch für seine Studenten mal erklärt: da wo sie herkamen, waren sie die immer die Besten. Nachdem sie an das MIT gekommen waren, waren die Hälfte von ihnen plötzlich unterdurchschnittlich. Naja, weil es eben immer eine unterdurchschnittlich gute Hälfte geben muss.

  2. Ich bin der Meinung das wird immer ziemlich dramatisiert. Ich habe auch mit G8 Abi gemacht und muss sagen, dass es die meiste Zeit ziemlich entspannt war. Die einzige Zeit in der man eventuell mal ein bisschen intensiver lernen muss sind 1-2 Tagen vor Klausuren. Ich kann es nicht mit der Zeit vor G8 vergleichen, aber noch viel weniger Druck und Anstrengung ist wirklich schwierig. Außerdem werden Hausaufgaben deutlich überschätzt. Häufig sind sie praktisch sinnlos und helfen einem beim Verständnis nur sehr wenig. Seit der 7 Klasse macht fast keiner mehr die Hausaufgaben oder wenn dann meist in der 5. Minuten Pause vorm Unterricht. Wie häufig ich mich wirklich intensiv mit einer Hausaufgabe beschäftigt habe seit der 7. Klasse kann ich wahrscheinlich an den Finger abzählen

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    Nun, zumindest dem Deutschunterricht hätten Sie sich intensiver widmen sollen. Vor diesem Hintergund ist der Inhalt ihres Kommentars schnell als nichtig abgebügelt.

    • L_iZ
    • 30. April 2013 12:17 Uhr

    Nicht jeder hat das Glück, bereits während des Unterrichts alle wichtigen Dinge abzuspeichern, sondern es soll auch durchaus Schüler geben, die zu Hause nochmal alles wiederholen müssen, damit sie es sich richtig einprägen. Es wird immer unterschiedliche Lerntypen geben, genauso wie es immer mindestens einen Schüler in der Klasse geben wird, der die Hausaufgaben daheim erledigt und gut vorbereitet in die Schule marschiert.
    Bitte schließen Sie nicht immer von sich auf andere.

    Ich wundere mich auch immer wieder, wie sich die Regeln der "Neuen Deutschen Rechtschreibung" auf das gesamte Schriftbild von "Abiturienten" ausgewirkt haben.
    Vermutlich findet das Thema Rechtschreibung im Gymnasialunterricht überhaupt nicht mehr statt. Am schwierigsten scheinen wohl die Tanzschritte zu sein, ein "das" von einem "Dass" zu unterscheiden.

  3. bekommt man meist über gute beziehungen - auch mit durchschnittlichen noten.

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  4. das ihnen die Eltern gar nicht mehr helfen können.

    Wen sollen sie dann fragen, wenn es in der Schule mal nicht so klappt oder wenn sie einfach ein banales Verständnisproblem haben?

    Habe ich schon des öfteren erlebt, das Kinder daran fast verzweifelt wären. Deshalb finde ich das die Gesamtschule mit betreuten lernen, für die allermeisten die beste Lösung wäre, solche Probleme zu beheben.

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    • w.k.
    • 30. April 2013 16:24 Uhr

    Guenni_1:
    "Kinder haben heute eher das Problem, dass ihnen die Eltern gar nicht mehr helfen können."
    Das "mehr" impliziert (m.M.n.), dass die Eltern das früher konnten.

    Woran liegt das?
    Was unterscheidet die jetzige Elterngeneration von der vorigen?
    Die Eltern dürften selbst einen Schulabschluss haben. Sie sollten also in der Lage sein, mindestens bis zu diesem Schulabschluss ihren Kindern helfen zu können. Die Komplexität des Stoffes hat ja nicht zugenommen.
    Die Mathematik ist auch noch immer die gleiche.

    "Vokalbeln abfragen" kann jeder, der lesen kann.

    Zumindest sollte jede Schule ihren Schülern, Angebote der Hausaufgabenbetreuung (durch andere Schüler oder Lehrer machen). In welchen Bundesländern gibt es das nicht? Werden diese nicht wahrgenommen?

    • QW
    • 29. April 2013 16:40 Uhr

    Ich zitiere in diesem Zusammenhang Elsbeth Stern (Professur für Lehr- und Lernforschung an einer wirklichen Eliteuniversität)
    " Daten aus Deutschland zeigen, dass Oberschichtkinder mit unterdurchschnittlichem IQ eine beachtliche Chance haben, eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen. Hingegen
    ist für Kinder aus unteren sozialen Schichten, die einen weit überdurchschnittlichen
    IQ haben, eine Empfehlung nicht selbstverständlich. Und das bei einer Gymnasialquote von gegen 40 Prozent. Es kann aber nicht im Interesse
    einer Gesellschaft sein, dass dank Förderkursen unzureichend intelligente
    Oberschichtkinder ins Gymnasium kommen und dort die Plätze besetzen. Es
    sollten die richtigen Kinder ins Gymnasium gehen können, also solche, die
    intelligent und leistungsbereit sind."

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    Wenn Grundschullehrer die Kinder der Oberschicht, der Akademiker, usw. unterrichten, sind sie nicht zu beneiden. Wer keine Empfehlung für das Gymnasium ausstellt, kann vor dem Richter landen.

    Dem "gerechten Lehrer" bleibt dabei nur die Möglichkeit einer gerechten Benotung, um die Leistung des/der Schülers/in zu dokumentieren.
    Deshalb ist eine gute Benotung auch extrem wichtig und hat nicht nur über Zahlen, sondern auch über verbale Aussagen zu erfolgen.

    Dann kann Herr Prof. gerne klagen!

    • NEUMON
    • 29. April 2013 16:47 Uhr

    Es wäre gut, wenn mehr Gelassenheit einkehrte bei der Bewertung und Beurteilung von Kindern und Jugendlichen. Ihr "Wert" bemisst sich nicht nur in Schulnoten - das sollte man ihnen immer wieder zeigen. Auch ohne Glanznoten sind Kinder einmalig und wertvoll und sie haben es verdient, diese Wertschätzung zu erfahren. Gut, aber nicht keineswegs selbstverständlich ist es, wenn "schwächere" Schüler durch Lehrer diese Wertschätzung erfahren. Zu oft ist es leider so, dass die Schule mit der schlechten Note gleich den ganzen jungen Menschen "abqualifiziert". Um so wichtiger ist es, dass der Schüler zu Hause gut aufgefangen wird.
    Angesichts des Verdrängungswettbewerbs auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist es leider so, dass auch Real-, GS- und Hauptschüler unter Druck stehen. Im Kampf um den Ausbildungsplatz entscheiden leider zu oft ausschließlich die Noten.
    Um so wichtiger ist es, das Selbstwertgefühl gerade "schwächerer" Schüler zu stärken. Sie haben so viele Fähigkeiten und Anlagen, die von der Schule weder gefragt no entdeckt noch gefördert und auch nicht wertgeschätzt werden. Dies zu leisten ist eine wichtige Aufgabe des Elternhauses.
    Leider ist es häufig so, dass gegen schlechte Noten Nachhilfe und Druck das Mittel erster Wahl ist.
    Als Eltern innezuhalten und auch mal "Durchhänger" in der Schule zuzulassen kostet Nerven, bedeutet es doch, gegen den Strom zu schwimmen, die schulischen Leistungen stets im Blick und unter Kontrolle haben zu wollen.

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  5. Nun, zumindest dem Deutschunterricht hätten Sie sich intensiver widmen sollen. Vor diesem Hintergund ist der Inhalt ihres Kommentars schnell als nichtig abgebügelt.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Dramatisiert"
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    "Nun, zumindest dem Deutschunterricht hätten Sie sich intensiver widmen sollen. Vor diesem Hintergund ist der Inhalt ihres Kommentars schnell als nichtig abgebügelt."

    Wenn jemand einen Text mit Komma- und Grammatikfehlern verfasst, ist also der Inhalt automatisch nichtig?
    Vielleicht hätten Sie sich mehr auf die Essenz des Geschriebenen konzentrieren sollen.

    Die (leider zahlreichen) Kommentare, die andere Forenuser lediglich auf Deutschfehler hinweisen, ohne selbst etwas zum Inhalt der Diskussion beizutragen, wirken einfach nur arrogant.

    • simlei
    • 29. April 2013 19:26 Uhr

    Finden Sie? Ich habe nur einen orthographischen Flüchtigkeitsfehler, und ein paar (nach dem ganzen Dude-Wahnsinn verständliche) unschöne Satz- bzw. Interpunktionskonstruktionen gesehen.

    Im Übrigen kann ich dem von Ihnen bemängelten Kommentar nur zustimmen - denn bei mir war es genau so (Abitur 2008; 1,7).
    Wie ich bei meinen vier jüngeren Geschwistern (alle noch im Gymnasium) sehen kann, trifft das eben manchmal zu, manchmal auch nicht! Es kommt auf den Schüler an. Manche haben deutliche ADHS-Anzeichen, und entsprechende Konzentrationsprobleme - aber im reinen Verständnis sehr fit. Andere sind eben arbeitsam, andere wieder nicht; manche müssen sehr viel lernen, anderen reicht es, den Stoff in der Klasse gehört zu haben, nachdem ihnen der Professorenpapi das ganze schon vor zwei Jahren in den Grundzügen erklärt hat. Manche sind wiederum einfach faul.

    Um von Anekdoten Urteile zu bilden, benötigt man eben viele, und in der Menge repräsentative Anekdoten :) Immer schön beachten, allgemeiner Argumentationsstoplerstein...

  6. eine Diskussion nicht am Hauptproblem vorbei? Liegt das (jedenfalls nach meiner Wahrnehmung) nicht eher daran, dass Stoff von G9 in der Zeit von G8 vermittelt werden soll, mit der Reform also nicht eine Überarbetung der Lehrpläne einherging?
    Die SchülerInnen werden doch nicht durch zu hohes Niveau, sondern einfach durch zuviel (teilweise überflüssigen) Stoff überfordert.

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    In den Ländern (bspw. Sachsen), in denen man sich nie von G8 abgewendet hat, wurde nicht weniger Stoff vermittelt als in den Klassiker-G9-Ländern (bspw. BaWü). Kann man persönlich sehr gut als Studienanfänger erleben.

    Bei G8 ist es einfach nicht die Regel, nach dem Mittagessen oder am schon frühen Nachmittag Schulschluss zu haben, sondern eben jeden Tag erst ein kleines bisschen später. Zu stressig empfindet man G8 meinem Eindruck vor allem dort, wo G9 vorher wirklich eher entspannt war.

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  • Serie Schulfrage
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bahn | Drama | Eltern | Grundschule | Hobby | Intelligenz
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