Wie viel Druck brauchen Schüler?

Die Elternfrage: Die Klassenlehrerin meines Sohnes (Gymnasium, 5. Klasse) sagte auf dem letzten Elternabend, dass einige Schüler regelrecht zusammenbrechen würden, wenn sie eine 4 bekommen. Sie bat darum, zu Hause den Druck herauszunehmen. Offensichtlich lernen viele Mitschüler meines Sohnes bis zum Abend und verzichten auf ihre Hobbys. Jetzt frage ich mich aber: Wie viel Druck müssen Eltern machen, damit ihre Kinder im G8-Gymnasium nicht abgehängt werden?


Da sind Sie ja an eine gute Klassenlehrerin geraten! Die weiß anscheinend, dass "Erprobungsstufe" nicht heißt, nur Dauer-Einser hätten auf dem Gymnasium eine Chance. Im Gegenteil: Mancher Ersthöhenflug endete schon in psychosomatischen Krankheiten. Manches zunächst unscheinbare Kerlchen aber kam auf Dauer überraschend gut zurecht. Hoffentlich sehen die anderen Fachlehrer Ihres Kindes das auch so.

Der Wechsel zum Gymnasium konfrontiert die Kinder mit einem enormen Problem: der Neupositionierung. Plötzlich gehören sie nicht mehr automatisch zum besten Drittel ihrer Lerngruppe, also zu denen, die seit Jahren diejenigen waren, die als Erste aufzeigten, die wenigsten Fehler hatten, am schnellsten mit den Übungsaufgaben fertig waren. Jetzt sind da jede Menge andere Pfiffige und Schnelle – und das kann ein Kind ziemlich erschrecken. Bin ich nicht mehr so gut wie früher? Bin ich nicht gut genug für’s Gymnasium? Und diese Frage, das Damoklesschwert mangelnder Eignung, wirft ja schon seit der 3. Klasse Schatten auf nicht wenige Kinderseelen.

Die einen verhalten sich in dieser Bewährungssituation kämpferisch, sie werfen sich ins Zeug – und nach einer Anlaufzeit haben sie sich stabilisiert und kommen zurecht, ob die Tests nun "gut" oder "befriedigend" ausfallen. Andere sind nicht weniger leistungsfähig, reagieren aber zaghaft, ziehen sich zurück, fragen nicht nach, um nicht aufzufallen, schreiben die Tests dann unter großer Anspannung – und schon steht da erstmals "mangelhaft", scheinbar eine Quittung für ihr Doch-nicht-geeignet-sein. Nun sind sie noch nervöser, kein gutes Omen für die nächsten Prüfungen.

Intelligenz ist keine fixe Größe, sondern eine dynamische. Ob Zehnjährige ihre bis dahin entwickelte Auffassungsgabe nutzen können, hängt stark von den emotionalen Begleitumständen ab und von ihrem erworbenen Muster, mit Konflikten und Belastungen umzugehen.

Dieses Positionierungsproblem tritt übrigens nicht nur auf, wenn Eltern ihren Kindern überehrgeizig im Nacken sitzen. Aber falls sie dies tun, macht das die Sache nur schlimmer. Je mehr die Kinder spüren, dass sie nicht versagen dürfen, um die Eltern nicht zu enttäuschen, desto freudloser oder gar verkrampfter werden sie arbeiten.

Im ersten Gymnasialjahr brauchen Kinder also keinen elterlichen Druck, sondern emotionale Sicherheit und Unterstützung bei den neuen Herausforderungen. Es kann durchaus sein, dass sie jetzt viel mehr Lernzeit investieren müssen als in der Grundschule, vielleicht auch mehr als mancher Klassenkamerad; aber das braucht kein schlechtes Zeichen zu sein. Ermutigung ist jetzt das Wichtigste - und Gelassenheit. Denn die Schulzeit ist ein langer Weg voller Windungen und manchmal auch Sackgassen. Da fliegt man nicht bei der erstbesten Kurve aus der Bahn.

Im Übrigen sagt Schulerfolg nur höchst bedingt etwas aus über das zukünftige Lebensglück. Sollte sich zeigen, dass ein Kind am Gymnasium auf absehbare Zeit überfordert ist, muss das keineswegs eine Katastrophe sein – wenn die Eltern kein Drama daraus machen.