Abitur : Das Zentral-Abi ist eine Schnecke

Die Kultusminister wollen das Abitur in Deutschland vereinheitlichen. Gaaaaanz langsam. Und das ist auch genau das richtige Tempo, kommentiert Thomas Kerstan.

Es gibt ein wenig beachtetes Gerechtigkeitsproblem in Deutschland: Die Abiturprüfungen in den 16 Bundesländern sind unterschiedlich schwer. Das ist auf die Dauer nicht akzeptabel, weil eine gute Abiturnote der Schlüssel zu begehrten Studiengängen ist. Hinter der 1,1 eines Schülers in Bundesland A kann die gleiche Leistung stecken, wie hinter der 1,6 seines Altersgenossen in Bundesland B. Doch der eine darf Medizin an seiner Wunschuniversität studieren, der andere muss sehen, wo er bleibt.

Endlich haben die Kultusminister nun erste Schritte gemacht, um diese Ungerechtigkeit auszuräumen. Beginnend mit dem Schuljahr 2016/17 sollen in allen Bundesländern einzelne Aufgaben aus einem gemeinsamen Pool verwendet werden, der nach und nach ausgeweitet werden soll.

Das klingt noch sehr zaghaft. Doch schneller geht es nicht. Würde man etwa schon morgen die Bremer Schüler mit dem bayerischen Abitur konfrontieren, würde es vermutlich zum Aufstand im Stadtstaat kommen. Und würde man das Berliner Abitur in Bayern einführen, dann drohte dort ein Niveauverlust

Stellenwert des Abiturs gewähren

Es führt also gar kein Weg daran vorbei, dass Bildungspolitiker und Schulverwaltungen, Lehrer und Schüler der verschiedenen Bundesländer nach und nach Erfahrungen damit machen, welche Aufgaben für alle akzeptabel und welche Bewertungen angemessen sind. So etwas Komplexes lässt sich nicht mal eben per Eilbeschluss festlegen.  

Es ist gut, dass sich die Kultusminister jetzt auf den Weg gemacht haben. Wichtig ist, dass sie ihn konsequent zu Ende gehen. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Es geht auch darum, den Stellenwert des Abiturs als Hochschulzugangsberechtigung weiterhin zu gewährleisten. Immer wieder kritisiert etwa Horst Hippler, der Chef der Hochschulrektorenkonferenz, dass das Abitur keine hinreichende Voraussetzung mehr für ein Studium sei.

Ein bundesweit ähnlich schwieriges Abitur würde zudem das Vertrauen der Eltern ins Schulsystem stärken – und dem vielerorts vorhandenen Wunsch nach mehr Zentralismus im Bildungswesen entgegenwirken.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der rechte Entschluss

Das Abi soll ja dasselbe fuer alle Abiturienten sein. Die Aufgaben sollen lediglich vom Ausbildungsministerium abgegeben werden und die einzelnen Unterschiede zwischen den Proben natuerlich nur von den verschiedenen absolvierten Gymnasiumsprofilen abhaengen. Somit koennte man einen der Wahrheit geltenden Vergleich zwischen den Zeignissen bundesweit feststellen.

Zeugnisse nicht überbewerten

Bei der Diskussion wird anscheinend immer wieder gerne vergessen, dass Zeugnisse - bei aller gebotenen Standarisierung und Vergleichbarkeit - immer nur einen kurzen, oberflächlichen und subjektiven Schnappschuss auf den Prüfling wiedergeben. Der Geprüfte kann und wird sich verändern und eine Prüfung wird niemals alle Fähigkeiten der Person adequat erfassen können.

Mindestens genauso wichtig ist es daher, die daraus folgenden Fehler bei der nachfolgenden Bewertung des Zeugnisses mit zu berücksichtigen. Auch Abiturienten können sich als Nichtstudierfähig herausstellen und Nicht-Abiturienten sehr begabte und erfolgreiche Wissenschaftlicher werden - man müsste sie dafür aber studieren lassen. Dabei geht es auch aber nicht nur um den formalen Teil, sondern auch darum, wie sich die (Nicht-)Prüflinge selbst bewerten und wie sie selbst das Ergebnis interpretieren.

Alle Abiturienten aus allen Bundesländern können studieren!

Will Bayern etwa den Abiturschülern aus Bremen, die Fähigkeit zum Studium absprechen?
Das Studium Informatik, lässt sich mit Fachabitur leichter studieren. Da wird das Abitur-Land egal zu sein. Aber meistens ist doch ein breitgefächertes Grundwissen besser und daß Abiturienten es gewohnt sind selbstständidg zu lernen, vor allem selbst die Lernquellen zu suchen. Das können die Kinder aus den Ländern, die anscheinend "nach Bayernmeinung" ihr Abitur "geschenkt" bekommen sicherlich genauso gut. Da muss nicht schon wieder "gesiebt " werden.Da werden alle Abiturienten aus ALLEN bundesländern geeignt sein zu studieren.