Es gibt ein wenig beachtetes Gerechtigkeitsproblem in Deutschland: Die Abiturprüfungen in den 16 Bundesländern sind unterschiedlich schwer. Das ist auf die Dauer nicht akzeptabel, weil eine gute Abiturnote der Schlüssel zu begehrten Studiengängen ist. Hinter der 1,1 eines Schülers in Bundesland A kann die gleiche Leistung stecken, wie hinter der 1,6 seines Altersgenossen in Bundesland B. Doch der eine darf Medizin an seiner Wunschuniversität studieren, der andere muss sehen, wo er bleibt.

Endlich haben die Kultusminister nun erste Schritte gemacht, um diese Ungerechtigkeit auszuräumen. Beginnend mit dem Schuljahr 2016/17 sollen in allen Bundesländern einzelne Aufgaben aus einem gemeinsamen Pool verwendet werden, der nach und nach ausgeweitet werden soll.

Das klingt noch sehr zaghaft. Doch schneller geht es nicht. Würde man etwa schon morgen die Bremer Schüler mit dem bayerischen Abitur konfrontieren, würde es vermutlich zum Aufstand im Stadtstaat kommen. Und würde man das Berliner Abitur in Bayern einführen, dann drohte dort ein Niveauverlust

Stellenwert des Abiturs gewähren

Es führt also gar kein Weg daran vorbei, dass Bildungspolitiker und Schulverwaltungen, Lehrer und Schüler der verschiedenen Bundesländer nach und nach Erfahrungen damit machen, welche Aufgaben für alle akzeptabel und welche Bewertungen angemessen sind. So etwas Komplexes lässt sich nicht mal eben per Eilbeschluss festlegen.  

Es ist gut, dass sich die Kultusminister jetzt auf den Weg gemacht haben. Wichtig ist, dass sie ihn konsequent zu Ende gehen. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Es geht auch darum, den Stellenwert des Abiturs als Hochschulzugangsberechtigung weiterhin zu gewährleisten. Immer wieder kritisiert etwa Horst Hippler, der Chef der Hochschulrektorenkonferenz, dass das Abitur keine hinreichende Voraussetzung mehr für ein Studium sei.

Ein bundesweit ähnlich schwieriges Abitur würde zudem das Vertrauen der Eltern ins Schulsystem stärken – und dem vielerorts vorhandenen Wunsch nach mehr Zentralismus im Bildungswesen entgegenwirken.