Zwei Einzelfälle, aber ein großes Thema: Das Bundesverwaltungsgericht hat heute zweimal geurteilt, dass religiöse Vorschriften kein Grund sind, den Schulunterricht ausfallen zu lassen. Das grundsätzliche Problem der Schulen ist damit nicht gelöst, denn sie müssen eine Reihe unterschiedlicher Ziele unter einen Hut bringen: Religionsfreiheit, Schulpflicht und die Integration von Minderheiten.

Im ersten Fall ging es darum, ob eine heute 13-jährige Muslimin gemeinsam mit Jungen zum Schwimmunterricht gehen musste. Die Schule erlaubte einen Ganzkörperbadeanzug. Aber das Mädchen wollte einen solchen Burkini nicht tragen und auch keine halbnackten Jungen sehen müssen. Im zweiten Fall wollten Zeugen Jehovas verhindern, dass ihr Sohn mit seiner Klasse den Film Krabat ansieht, der im Unterricht besprochen werden sollte. Die schwarze Magie, Inhalt der Buchvorlage und des Films, sei mit ihrem Glauben unvereinbar, sagten die Eltern.

Ins Kino gehen, schwimmen – daran scheitern Schulabschluss und Karriere nicht, könnte man argumentieren. Wenn das Kind trotzdem dorthin gezwungen würde, gerate es in Gewissensnöte, weil seine Religion es ihm verbietet, oder es fühle sich nicht respektiert.

Doch das sind schlechte Argumente. Ins Kino gehen und schwimmen sind vielleicht Luxus im Vergleich zu Vokalbellernen und Bodenturnen. Aber beides gehört nicht ohne Grund zum Schulalltag. Denn von Erlebnissen außer der Reihe können Schüler im Denken, im Selbstbewusstsein und im sozialen Zusammenhalt profitieren. Aber nur, wenn alle teilnehmen.

Außerdem: Wenn Kinder Krabat nicht ansehen sollen, was will man ihnen noch vorenthalten? Harry Potter sowieso, aber auch Faust und Zauberlehrling? Manche Kirchengemeinschaften wollen nichts von Evolution und Sexualkunde hören. Das hieße, den Kindern das Denken zu verbieten. Aber Aufgabe der Schule ist es, gerade das zu fördern. Sie muss den Konflikt mit den Eltern aushalten und die Kinder stärken, falls sie sich unter Druck gesetzt fühlen oder selbst unter Druck setzen.

Sport und Kino sind kein überflüssiger Luxus

Sportunterricht und Schwimmen sind außerdem nicht überflüssig. Ohne Bewegung fällt das Denken schwer. Im Sport können mal die punkten, die in Mathe und Englisch schlecht sind. Umgekehrt erfahren andere zum ersten Mal, wie es ist zu scheitern. Kinder gehen auch beim Schwimmen an ihre Grenzen und erleben sich als Gemeinschaft. Wer nicht teilnimmt, signalisiert: Ich gehöre nicht dazu.   

Die meisten muslimischen Schülerinnen haben allerdings ohnehin kein Problem mit dem Schwimmunterricht. Sie machen einfach mit, im Badeanzug und manche im Burkini. Nur wenige empfinden schon den gemeinsamen Sport als Zumutung. Religiöses Empfinden ist sehr privat, und religiöse Vorschriften werden privat ausgelegt. Glaube, Kleidungsstil, besondere Talente oder Defizite: Schule muss ganz unterschiedliche Menschen vereinen und sie Respekt vor diesen Unterschieden lehren. Aber das Fernbleiben von bestimmten Unterrichtsstunden zu akzeptieren, ist kein Respekt, sondern Kapitulation.

Schulen kommen immer wieder in Not über diese Fragen. Sie werden auch weiterhin nach Kompromissen suchen und abwägen müssen, was einem einzelnen Kind (oder seinen Eltern) zugemutet werden kann. Dabei sollte einfach klar sein: Ob ein Schüler am Unterricht teilnimmt, ist nicht privat. Bildungsauftrag und der Wunsch nach Integration aller Minderheiten müssen Vorrang haben vor dem privaten Glauben. Die Urteile haben diese Sicht gestärkt.