Der Osten Deutschlands rechnet besser als der Westen. Auch in den Naturwissenschaften gilt: Ost schlägt West. Zwölf Jahre nach der ersten innerdeutschen Pisa-Untersuchung hat man sich an die Schulstudien gewöhnt – und eigentlich nicht mehr viel Neues erwartet. Falsch, wie der jetzt veröffentlichte Ländervergleich zeigt: Seine Ergebnisse sind eine Sensation. Für Schulpolitik und Bildungsforschung ist der "Ländervergleich 2012" die wohl interessanteste empirische Studie seit langem.

Denn so eindeutig fiel das Muster der regionalen Leistungsunterschiede deutscher Schüler noch niemals aus. Im Fach Mathematik können nur noch die bayerischen Schüler mit ihren Alterskameraden aus Ostdeutschland mithalten. In Chemie, Physik oder Biologie dagegen gelingt nicht einmal mehr dies. Hier zeigen die Neuntklässler aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg in allen Fächern die besseren Leistungen.

Um den Einwand gleich vorwegzunehmen: Es ist richtig, die Ostschulen kennen kein Migrantenproblem. Doch zum einen testete die Studie diesmal nicht die Lesefähigkeit der Schüler, sondern Mathematik und Naturwissenschaften. Hier schlagen Sprachprobleme weniger stark auf die Leistungen durch. Zum anderen sind die ostdeutschen Länder im Schnitt sozial schlechter gestellt als der Westen. 

Fachdidaktisch firm = besserer Unterricht 

Umso bemerkenswerter ist es deshalb, dass die Schüler im armen Mecklenburg-Vorpommern jenen aus dem reichen Bayern – etwa in Biologie – fast ein Schuljahr voraus sind. Gleichzeitig ist der Erfolg im Osten nicht durch eine höhere soziale Ungerechtigkeit erkauft. Wieder zeigte die Studie einen großen Zusammenhang zwischen der Leistung der Schüler und ihrer Herkunft – im Osten fällt sie jedoch geringer aus.

Zu den Gründen für die Leistungsspreizung zwischen Ost und West macht die Studie keine Aussagen. Sie gibt jedoch Hinweise, die vor allem auf eine Erklärung hinauslaufen: Es kommt auf den (Fach-)Unterricht an, also auf die Lehrer. Da ist zum einen der Umfang der Unterrichtsstunden. Er liegt in den östlichen Bundesländern, vornehmlich in Sachsen, meist höher als im Westen. Eine hohe Stundenzahl allein aber garantiert noch keine besseren Lernergebnisse. Die Zeit muss auch genutzt werden, etwa durch gut ausgebildete Lehrer.

Die Bildungsforschung weiß seit längerem, dass Pädagogen, die fachlich wie fachdidaktisch firm sind, auch besseren Unterricht machen. Bei der jetzigen Länderstudie haben die Forscher vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Leistungen von Schülern, deren Mathematiklehrer das Fach studiert hat, jenen gegenübergestellt, die "fachfremd" unterrichtet wurden. Im Schnitt kommen sie auf einen Unterschied im Kenntnisstand, der mehr als ein halbes Schuljahr ausmacht.

Nun erweist sich, dass im Osten so gut wie alle Lehrer, die Mathematik oder Naturwissenschaften unterrichten, diese Disziplinen auch studiert haben – die meisten noch vor der Wende. Das DDR-Lehramtsstudium in Mathematik genoss auch unter Fachleuten im Westen einen guten Ruf. Es galt als anspruchsvoll und unterrichtsnah. In den Naturwissenschaften legte man großen Wert auf den Unterricht mit Experimenten und Versuchen. Bis heute setzen viele Schulen in Ostdeutschland einen Schwerpunkt auf die Fächer mit den Zahlen und klaren Gesetzen. In den alten Bundesländern geschieht das nicht in dem gleichen Maße. In Niedersachsen oder dem Saarland etwa unterrichtet laut dem jetzigen IQB-Bericht mehr als ein Drittel der Physiklehrer mit nachträglich angeeignetem Fachwissen.