Ich arbeite in Berlin an einer Sekundarschule und unterrichte 14- bis 17-jährige Schüler, die viele Schwierigkeiten haben. Mit der Schule, mit ihrem Umfeld und mit sich selbst. Schüler, die kaum Zuwendung bekommen, aus kaputten Familien kommen und auf Bildung nicht viel Wert legen. Jugendliche, die vieles nicht wollen oder nicht können, nicht an sich glauben und keine Erfolgserlebnisse in ihrem Alltag haben.

Telefonlisten sind schwierig, Telefonketten unmöglich: Telefonnummer nicht vorhanden, Telefonnummer wird nicht rausgegeben, Telefonnummer wird rausgegeben, ist aber seit Wochen nicht vergeben. Neue Telefonnummer mitteilen? Nö. Nicht zu erreichen.

Das, womit ich aufgewachsen bin, ist meinen Schülern fremd. Normal ist für sie Facebook, Smartphone und die Frage, ob ich nicht die Hausaufgabe am Nachmittag per SMS senden könnte. Mindestens ein normales Handy hat jeder – SMS gehen also immer. Die alten Handys gehören aber zu den Ausnahmen. Ein Smartphone, ein Facebook-Account und ein MP3-Player müssen sein. Und die neuesten Turnschuhe.

Hausaufgaben per SMS ist ein Service, bei dem meine Freunde ganz große Augen bekommen und fragen: "Wieso haben die überhaupt deine Nummer?" Ja, meine Schüler haben meine Nummer. Meine private Handynummer. Zwei Handys zu haben ist viel zu anstrengend. Und ich habe einen Facebook-Account. Den jedoch extra für meine Schüler. Ohne Fotos, ohne zusätzliche Informationen zu mir als Privatperson. Nur zum Kommunizieren über Organisatorisches.

Ich arbeite mit Schülern, die nicht immer kommunizieren wollen und die denken, dass es schon irgendwie alles wird mit ihrem Abschluss. Es wird aber nicht. Deswegen muss ich hinterher sein. Deswegen muss ich mit ihnen so kommunizieren, wie sie es gewohnt sind. Wenn Isabel auf Facebook nach Hausaufgaben fragt und Timm mir eine Nachricht schreibt und fragt, ob der Unterricht morgen zur ersten oder zur zweiten Stunde beginnt, dann ist das in Ordnung. Wenn Can um 7 Uhr morgens schreibt, dass er heute nicht zum Praktikum fährt, weil die U-Bahn ausgefallen ist und er nicht weiß, wie er sonst hinkommen soll, dann suche ich mit ihm nach einer anderen Verbindung. Weil das sonst keiner tut.