Die Elternfrage: Als ich Schülerin war, haben wir immer gerne Gruppenarbeit gemacht, mein Sohn aber hält gar nichts davon. Die Mitglieder einer Gruppe seien einfach zu verschieden. Und dann laufe das meist so ab, dass Faule sich ausklinkten, ein Fleißiger die Schreibarbeit übernehme und der, dem alles leicht falle, Ideen und Lösungen beisteuere. Gelernt werde dabei höchst unterschiedlich von gar nicht bis einigermaßen. Und würden dann alle gleich benotet, sei das natürlich ziemlich ungerecht.

Eine interessante Differenz zwischen den Generationen: Die Älteren erinnern sich an ein gutes Feeling, für Jüngere zählt der aktuelle Ertrag. Nun, mit der Gruppenarbeit ist es wie mit allen anderen schulischen Arbeitsformen auch: Es gibt solche und solche. Der eine Lehrervortrag kann schon nach kurzer Zeit lähmen, bei einem anderen könnte man zehn Minuten lang eine Stecknadel fallen hören. Das gilt auch für Einzelarbeitsmaterialien: Sie können so unverständlich oder überfordernd sein, dass der Schüler spätestens nach fünf Minuten verzweifeln möchte, andere beflügeln ihn, machen Lust auf mehr. Und die eine Gruppenarbeit verläuft zwar lustig, beschert aber kaum einem der Beteiligten nennenswerten Lernzuwachs – eine andere hingegen führt dazu, dass alle viel dazugelernt haben, dass sie sich gegenseitig geholfen haben und dass jeder das Gefühl mitnimmt, sinnvolle Beiträge beisteuern zu können.

Eine Zeit lang waren viele Pädagogen überzeugt, Gruppenarbeit sei per se besser als ein Unterricht, in dessen Zentrum der Lehrer stehe. Weil es effektiver sei, wenn die Kinder sich möglichst viel aus eigenem Antrieb erarbeiten könnten, ohne Vorwegnahme durch den Erwachsenen – die galt manchem Reformgeist als Bevormundung, womöglich gar als pädagogische Vergewaltigung. Seit einigen Jahren nun liefert die empirische Bildungsforschung – am bekanntesten ist derzeit die Hattie-Studie – auch für den deutschsprachigen Raum belastbare Daten darüber, unter welchen Umständen welche Arbeitsformen in der Schule wie lernwirksam sind.

Generell lässt sich sagen: Kooperative Arbeitsformen können ein wichtiges Erfahrungs-, Entwicklungs- und Trainingsfeld für soziale Kompetenzen sein. Und Schüler erleben sie durchaus als willkommene Abwechslung von primär lehrer- oder papiergesteuerten Unterrichtsphasen im Klassenverband oder in Form von Einzelarbeit. So ist etwa der Entwurf eines Präsentationsplakates in Kleingruppen nicht nur sinnvoll, sondern auch unproblematisch. Bei längerfristigen, anspruchsvollen Erarbeitungen allerdings gilt es zwei Risikoaspekte zu beachten: Überforderung und Mitläufertum. Die erste Gefahr lässt sich bannen, wenn der Lehrer anspruchsvolle Einführungs- und Erklärungsteile nicht den Schülergruppen überlässt, sondern selbst übernimmt. Die zweite Gefahr bekommt man am ehesten in den Griff, wenn jeder Schüler individuell in Tests nachweisen muss, was er dazu gelernt hat, unter Umständen auch mehrfach.

Lernwirksame Formen von Gruppenarbeit eröffnen also keineswegs Zeiträume, in denen  Lehrer in Ruhe Hefte korrigieren könnten – oder gar ihre privaten Mails checken. Es handelt sich vielmehr um komplex strukturierte, anspruchsvolle Arbeitsformen, an die man Schüler schrittweise heranführen muss – und die enge Begleitung und intensive Materialvorbereitung (Tests und Musterlösungen) auf Seiten der Pädagogen erfordern. Nach solchen Kooperationsphasen können Schüler ein gutes Gefühl haben – und brauchbaren Ertrag.