Fast sah es so aus, als würde Pisa so langsam langweilig werden. Zum fünften Mal wurden 15-Jährige in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften getestet – und deutsche Bildungspolitiker dürfen sich wieder freuen. Nach dem Schock aus dem Jahr 2000, als die Deutschen erfuhren, dass ihre Schüler im internationalen Vergleich nicht mal Mittelmaß waren, werden die Ergebnisse stetig besser. Nun sind die deutschen Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften in die Spitzengruppe aufgestiegen, im Lesen haben sie es immerhin ein wenig über den Durchschnitt geschafft. Alles andere wäre auch enttäuschend gewesen.

Vor allem aber zeigt die neue Pisa-Studie: Nicht nur Mittelschichtkinder lesen, rechnen und forschen jetzt besser, nein, Kinder aus sozial schwachen Familien haben diesmal zum Erfolg beigetragen. Im Jahr 2000 war Deutschland noch trauriger Spitzenreiter in der Disziplin "ungerechtestes Land unter den wohlhabenden Nationen". Das ist jetzt anders.

Auch heute noch hängt es stark vom Elternhaus ab, ob ein Kind es hierzulande aufs Gymnasium oder an die Uni schafft. Etwa 15 Prozent der deutschen Schüler sind laut aktueller Pisa-Studie noch immer Bildungsverlierer. Aber Kinder aus armen oder Migrantenfamilien haben sich in der aktuellen Studie stärker verbessert als die anderen. Das ist ein guter Trend.


Gar nicht gut ist dagegen, dass Mädchen sich in Mathematik weniger zutrauen als Jungen und entsprechend schlechter sind – dieser Abstand ist sogar noch größer geworden als 2003, als Mathematik ebenfalls Schwerpunktthema war.

Was fängt man nun an mit den Ergebnissen? Die Sieger der Pisa-Studie von 2012 kommen aus Asien: Shanghai, Hongkong, Japan, Singapur und Südkorea. Sollen sie uns trotz ihrer anderen Kultur und politischen Systeme als Vorbilder dienen? Von China könnte Deutschland möglicherweise lernen, wie man die besten Studenten zu Lehrern macht und wie sie sich weiterbilden. Zum Pisa-Sieger Südkorea werden deutsche Bildungsexperten aber wohl auch in Zukunft lieber nicht pilgern: Wer will schon kindheitsverachtenden Drill?

Näher lag deutschen Bildungspolitikern bisher das europäische Pisa-Vorzeigeland Finnland. Der Förderunterricht für alle Kinder, die Ganztagsschulen und die hohen Ansprüche an die Lehrer galten und gelten noch immer als nachahmenswertes Modell. Aber auch die Finnen lassen sich nicht einfach kopieren, mit ihrer bislang recht homogenen Gesellschaft, die viel Wert auf Bildung legt. Zumal sie in den Pisa-Studien von Jahr zu Jahr ein wenig schlechter abschneiden. Steigende Arbeitslosigkeit und Einwanderung liefern Probleme, die inzwischen auch finnische Kinder vom Lernen abhalten. 

Es fehlen die Erklärungen

Ohnehin führt die Frage, wer Vorbild sein kann, in die Irre. Die wesentliche Erkenntnis dieser Pisa-Studie ist eine andere: Empirischen Bildungsstudien wie Pisa, Timms, Iglu, Vera und so weiter reichen nicht mehr, das gilt zumindest für ihren Listenteil.

Zwar kommen die Studien stets mit viel Wucht daher, weil ihre Ranglisten jedem Staat, jedem Bundesland oder jeder Schule einen Platz zuweisen – Sieger, Verlierer, Mittelmaß. Doch sie erklären nicht. Sie lassen die spezifische Situation einzelner Länder und dortige Lösungsmöglichkeiten außen vor. Deutsche Studien, die erfolgreichen Unterricht analysieren oder feststellen, welche Sprachförderung im Kindergarten wirklich wirkt, fehlen noch. Außerdem werden nur die Hauptfächer getestet, nicht die künstlerische Kreativität, Musikalität und auch nicht, wie lange das Test-Wissen in den Köpfen bleibt.

In Deutschland wurden nach dem Schock von 2000 viele, teilweise gute, teilweise übereilte Reformen angeschoben. Bildungsstandards gelten nun für alle Schulen. Das Schulsystem ist nicht mehr ganz so starr. Die Hauptschulen wurden in vielen Bundesländern abgeschafft. Inzwischen weiß man allerdings, dass es mehr auf gute Lehrer ankommt als auf die Schulstruktur. Außerdem arbeiten die neuen Oberschulen je nach Bundesland nach unterschiedlichen Konzepten und kämpfen oft noch mit den alten Problemen, wenn sie in sozial und ökonomisch schwachen Stadtteilen liegen. Ganztagsschulen sollten für sozial benachteiligte Kinder Gerechtigkeit herstellen, sind aber oft schlecht ausgestattet und bieten bloß ein notdürftiges Betreuungsangebot am Nachmittag. Das Schlagwort "frühkindliche Bildung" hat die Kindergärten verändert. Aber Englischkurse, Deutschprogramme für Migrantenkinder und naturwissenschaftliche Experimente gehen oft am Lernverhalten von kleinen Kindern vorbei und bewirken gar nichts. Nach wie vor fehlen gut ausgebildete Erzieher.

Warum die deutschen Schüler besser geworden sind, wissen wir also nicht genau. Wahrscheinlich kommt vieles zusammen: 15-jährige Jugendliche im Jahr 2012 haben oft deshalb mehr gelernt als die im Jahr 2000, weil sie früher eingeschult wurden. Mehr Schüler besuchen ein Gymnasium. Auch das kann geholfen haben, weil die Fachlehrer für mehr Qualität im Unterricht sorgen. Die Debatte um die Bildung hat zudem die Eltern aufgeschreckt, sie geben mehr Geld für Nachhilfe aus und lesen kleinen Kindern öfter vor. Und die Zusammensetzung der Einwanderer hat sich verändert. Viele Migranten sind nun schon ein paar Generationen hier, andere kommen mit höherem Bildungsgrad zu uns. Vielleicht strengen sich auch viele Jugendliche mehr an, weil sie zuversichtlicher sind, dass sich gute Noten lohnen und sie einen Ausbildungsplatz finden.


Pisa-Studien haben wohl vor allem deshalb so gut gewirkt, weil Politiker, Eltern, Erzieher und die Schüler selbst Bildung ernster nehmen. Und weil andere Länder vorgeführt haben, dass es sich lohnt, alle Kinder zu fördern und nicht manche von vornherein abzuschreiben. Aber vielleicht brauchen wir die Listen nicht mehr, sondern den Blick aufs Detail und die Investition in viele gute Lehrer und Erzieher.