Ein Abiturient fasst auf einer Party einer Mitschülerin an den Hintern. Sie sagt: "Hör auf." Er reagiert nicht. Später sagt er zu seinen Kumpels: "Was hat sie denn erwartet, wenn sie sich so anzieht?" Ein altes Macho-Klischee, das es heute in Deutschland nicht mehr gibt? Offensichtlich nicht. Die geschilderte Szene hat sich an einem Gymnasium in Münster abgespielt.

Vor einem Jahr hat das Mädchen sie seiner Lehrerin erzählt, als diese mit den Schülern über Sexismus diskutierte. Anlass war damals die #aufschrei-Debatte, die die Bloggerin Anne Wizorek auf Twitter gestartet hatte.

Die 31-Jährige Lehrerin für Deutsch und Politik, Anna Frach, unterrichtet inzwischen an der Max-Brauer-Schule, einer Stadtteilschule in Hamburg. Von #aufschrei fühlte sie sich angesprochen. Ein Grund für sie, die Debatte  in die Schule zu tragen. Wir protokollieren ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Sexismus an einem deutschen Gymnasium:

"Vor ein paar Jahren saß ich in einem Zugabteil allein mit einem Soldaten. Er sagte: Wir können doch jetzt hemmungslos rumknutschen, dann kommt bestimmt niemand mehr ins Abteil. Ich habe ihn zwar abwehren können, aber nicht selbstbewusst und gerade heraus. Und ich habe mich schlecht gefühlt. Durch die #aufschrei-Debatte habe ich mich an diese und ähnliche Situationen und Gefühle erinnert.

Dadurch wurde für mich auch die Gender-Frage plötzlich wieder aktuell, mit der ich mich als Jugendliche viel beschäftigt hatte. Ich gehörte zu den wenigen Mädchen in meiner Klasse, die nicht ins gängige Mode-Schema passten. Ich habe wieder angefangen darüber nachzudenken, wie stark unser Geschlecht gesellschaftlich konstruiert ist. Und dass es gut ist, darüber zu reden.

Worte finden für eigene Erlebnisse

Deshalb habe ich die Debatte spontan in die Schule getragen. Zu dieser Zeit hatte ich zwei Abiturkurse. Den im Schnitt 18-Jährigen ging es ähnlich wie mir: Sie haben durch die öffentliche Diskussion Worte gefunden für das, was ihnen selbst passiert ist und wie sie sich danach gefühlt haben. Sie haben nicht von extremen Gewalterfahrungen erzählt, sondern eben über das Po-Grabschen auf der Party oder von Übergriffen durch Worte.

Jungs lästern über die Größe des Busens eines Mädchens oder Speck an den Hüften. Die Geschichte, die mich am meisten schockiert hat, war die eines Mädchens, das von seinem Französischlehrer zu hören bekam: 'Du bist ja so schön, du brauchst doch gar nicht zu lernen.' Auch einer der Jungen erzählte, wie unangenehm es war, als ein Mädchen ihn angefasst hat, ohne dass er es wollte. Die meisten männlichen Schüler haben eher schockiert reagiert: So habe ich das nie wahrgenommen. Keiner von ihnen hat zugegeben: Das hab ich auch schon gemacht.

Die älteren Schülerinnen konnten dann auch abstrahieren, dass nicht alles, was ihnen geschieht, an ihnen selbst liegt. Im Deutsch-Unterricht habe ich auch über Sprache und Geschlechtlichkeit diskutiert. Wirkt es wirklich nicht auf unser Denken, wenn wir die männliche Form für Frauen und Männer verwenden? Zwei Drittel der Abiturienten waren der Meinung, dass eine solche Debatte notwendig ist – übrigens die Jungen genauso wie die Mädchen.

Neuntklässler lassen die Debatte nicht an sich heran

Ganz anders lief es mit den Neuntklässlern. Auch ihnen habe ich zum Einstieg eine Diskussion zum Thema aus dem Fernsehen vorgespielt. Die meisten haben eher abwehrend reagiert. 'Was sollen wir daraus lernen? Alle Männer sind scheiße, oder was?' Sie haben die Debatte ins Lächerliche gezogen und nicht an sich herangelassen. Im Nachhinein ist mir klar, dass 15-Jährige in einer ganz anderen Phase sind, noch ganz stark auf Identitätssuche.

Sie finden Halt in Rollenstereotypen und wollen vor allem nicht anders sein als die anderen. Die Jungs machen viel Sport, die Mädchen lackieren sich  die Nägel. In der Oberstufe differenziert sich das aus. Sicher hätten auch die 15-Jährigen viele Geschichten zu erzählen gehabt, wenn ich nicht mit der abstrakten Gender-Diskussion zu ihnen gekommen wäre, sondern sie gleich ermuntert hätte, darüber zu sprechen, was sie selbst erleben. Das würde ich heute anders machen.

Im Grunde kann man aber auch mit Fünftklässlern im Unterricht über Rollenklischees und Sexismus sprechen, wenn man sie fragt: Was ist typisch für Mädchen und was ist typisch für Jungen? Und muss das so sein? Zum Beispiel gehe ich sehr streng mit den gängigen Beleidigungen um, wie: Du bist ja behindert, der ist schwul oder der ist ein Mädchen. Dabei hab ich schon erlebt wie eine Zehnjährige sehr reflektiert formulieren konnte, wie traurig das für einen Homosexuellen sein muss, wenn er erlebt, dass schwul für die Mitschüler etwas Abwertendes ist.

Diese Schimpfwörter werden ja meist nicht bewusst benutzt, um Gruppen zu diskriminieren, sondern jedes Anderssein wird abgewehrt. Schüler streben fast immer zur Mitte, sie wollen nicht an den Rändern stehen. So erkläre ich mir auch, dass zum Beispiel Jungen aus türkischen oder arabischen Familien, die selbst oft diskriminiert werden, besonders häufig andere als schwul abwerten.

Anderssein wird Jungen besonders schwer gemacht

Zwar sind Mädchen im Alltag häufiger von sexuellen Übergriffen betroffen als Jungen. Aber mit dem Anderssein haben es auch Jungen schwer, vor allem wenn sie männlichen Stereotypen nicht entsprechen. Anton in meiner Klasse wurde von einigen Mädchen plötzlich Antonia genannt, weil er die Haare lang trug und nicht Fußball spielte.

Und das passiert ihnen auch mit den Lehrern. Aus Studien wissen wir: Lehrer schätzen stille Mädchen. Sie bekommen gute Noten, weil Lehrer davon ausgehen, dass sie es können, aber nicht zeigen. Von Jungen sind Lehrer gewohnt, dass sie laut sind; stille Jungen wirken daher auf sie faul, sie bekommen schlechtere Noten. Im Lehrerzimmer in Münster hörte ich auch immer wieder: Ist halt ein Junge – oder ist halt ein Mädchen. Dass das oft eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, hören die Kollegen nicht gern. Natürlich lernen Lehrer inzwischen auch in Fortbildungen und im Studium, auf Stereotype zu achten. Aber über die #aufschrei-Debatte wurde trotzdem viel gelästert.