Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sorgt sich mit Blick auf die Debatte um die Überarbeitung des Bildungsplans zum Thema Sexualkunde-Unterricht um Toleranz: "Was mich besorgt, ist die spürbare Tendenz, überall wieder Mauern hochzuziehen", sagte der Grünen-Politiker der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Deshalb werden wir den Bildungsplan auch weiterhin auf Aufklärung im Kant’schen Sinne ausrichten: selber denken, sich jederzeit in einen anderen denken – nur so können junge Menschen feste Standpunkte erwerben und anderen gegenüber tolerant sein. Nur so können aus Vorurteilen Urteile werden."

Nach Plänen der grün-roten Landesregierung sollen die Bildungsleitlinien – von beruflicher Orientierung über Medienbildung bis zu Gesundheitsförderung – überarbeitet werden. Ein Ziel ist es, Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt als Lernziel im Unterricht zu verankern. Ein entsprechender Entwurf soll spätestens im September veröffentlicht werden und dann in die öffentliche Anhörung gehen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Gegen die Pläne formierte sich breiter Widerstand. Inzwischen unterstützen mehr als 80.000 Bürger eine Onlinepetition. Die zwei evangelischen Landeskirchen und die zwei katholischen Diözesen verfassten eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich gegen jegliche Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination in der Bildung aussprechen. Dies gelte "nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe", heißt es. Der Initiator der Petition schreibt zwar, man dürfe die LSBTTIQ-Lebensstile (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer) nicht diskriminieren, fährt dann aber fort: "Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist."

"Aufklärung so wichtig wie schwierig"

Den kritisierten Lehrplan hält Kretschmann für notwendig. Für Aufklärung gelte "im Speziellen wie im grundsätzlichen Sinne: Urteilskraft und Persönlichkeit der jungen Menschen zu stärken." Kinder und Jugendliche hätten heute durch das Internet schon früh Zugang zu Pornografie. "In so einer 'Umwelt' ist eine altersgemäße Aufklärung so wichtig wie schwierig", so Kretschmann.


Kretschmann verteidigte auch Gender Mainstreaming in der ZEIT als "ein wichtiges Anliegen, das wir uns jetzt nicht durch überspannte Debatten ausreden lassen". Dennoch: "Ein Kulturkampf ist aber das Letzte, was ich will, schon gar nicht bei diesem Thema."