Am Tor vor der ehemaligen Rütli-Schule steht ein schwarz gekleideter Sicherheitsmann. Freundlich fragt er Unbekannte, wohin sie möchten. "Ein Angebot des Bezirks", erklärt Schulleiterin Cordula Heckmann. Mit Schulhaus und Pausenhof hätte er nichts zu tun. "Wenn es da Ärger gibt, dann regeln wir das schon selbst."

Als vor acht Jahren schlagartig ganz Deutschland von der Rütli-Schule hörte, klang das anders. Ärger wäre ein zu harmloses Wort für das, was Lehrer Anfang 2006 in einem Brandbrief beschrieben. "Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen", schrieben sie an die Schulverwaltung. "Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können." Selber regeln? Nicht mehr zu schaffen.

Die Lehrerin Hilde Holtmanns erinnert sich genau an den Morgen, nachdem der Brief an die Medien gelangt war. "Plötzlich ging es hier zu wie bei der Oscar-Verleihung", erzählt sie, und schaut aus dem Fenster auf die Rütli-Straße, wo sich damals die Journalisten drängten. Jetzt steht dort eine Touristengruppe im Rentenalter. Manche machen Fotos, eine Führerin gestikuliert. "Das wüsste ich aber gern, was die über uns erzählen", sagt Holtmanns.

Der Brief änderte alles

Seit 1984 lehrt sie an der Rütli-Schule. Die Gewalt und das Chaos "hat es gegeben", sagt sie. "Aber es war nicht der Alltag." Sie sei in 30 Jahren nie körperlich und fast nie mit Worten angegriffen worden. Das Problem sei 2006 auch die Personalsituation gewesen. Niemand sprach die Muttersprachen der Schüler. Außerdem habe es wegen einer Krankschreibung faktisch keine Schulleitung gegeben. Engagierte Lehrer waren weitgehend auf sich gestellt.

Der Brief änderte alles. "Wir waren alle ein bisschen wie im Rausch", beschreibt Holtmanns die ersten Monate. Plötzlich wollten viele Menschen der berühmt gewordenen Schule helfen – etwa das Tanzteam The Young Americans. Bilder der Aufführung hängen bis heute im Schulhaus. Private Sponsoren finanzierten eine Kletterwand, Politiker kamen vorbei.

2007 startete das Modellprojekt Campus Rütli - CR², eine Initiative des Bezirks Neukölln gemeinsam mit den Senatsverwaltungen für Bildung und Stadtentwicklung und einem Bündnis von Stiftungen.  Die Rütli-Schule wurde im Schuljahr 2008/09 als ehemalige Hauptschule mit der Heinrich-Heine-Realschule und der Franz-Schubert-Grundschule zusammengeschlossen zur  Gemeinschaftsschule.  

Der Alltag in der Schule habe sich geändert, erzählt Holtmanns: Das Kollegium sei jünger. Es seien türkisch- und arabischsprachige Sozialpädagogen eingestellt worden. Das helfe enorm, um mit den Eltern zu kommunizieren. "Es sind noch die gleichen Schüler, aber sie haben ganz andere Perspektiven."