Die Schulfrage: Eigentlich unterrichte ich gerne – wären da nicht die penetranten Störenfriede, die uns Lehrern einen Strich durch noch so gut geplante Unterrichtsstunden machen. Ich merke, dass mich das zu viel Energie kostet und mich bärbeißig macht. Achtklässler Ben (Gymnasium) etwa hört einfach nicht auf zu schwätzen und fängt nicht an zu arbeiten. Dabei hätte er es dringend nötig: In mehreren Hauptfächern sind seine Leistungen mangelhaft. Gibt es eine Methode, mit der man schwierige Schüler knacken kann?

Wer von knacken spricht, hat den Glauben an die Nuss hinter der Schale noch nicht verloren. Gut so! Denn man könnte ja auch abwarten, bis die Defizite sich weiter ansammeln – dann bleibt der Störenfried sitzen und man ist ihn los. Oder man könnte ihn durch Blamieren und Strafen kräftig einschüchtern – dann hält er wenigstens aus Angst still. Beides nicht unverständlich, aber auch äußerst unbefriedigend für den Heranwachsenden, für seine Klasse, für den Lehrer.

Vielleicht hat der Dauerstörer ja gravierende private Probleme zu verkraften. Dann könnte ein sensibler Klassenlehrer oder ein Schulpsychologe möglicherweise für ein wenig seelische Entlastung sorgen. Oder der auffällige Schüler ist schon seit geraumer Zeit Schlusslicht oder Vorhut seiner Lerngruppe. Dann protestiert er quasi gegen die ständige Überforderung oder Langeweile. Zurückstufung oder Schulwechsel wären in manchem Fall weniger Strafe als Ausweg, in anderen Fällen hilft vielleicht eine individuelle Lernbegleitung, die Teilnahme an fachlichen Stützkursen, oder Spezialprojekte jenseits des Kernunterrichts.

Der Störer scheitert an alten Mustern

Vielfach werden Schüler aber auch ganz einfach deshalb schwierig, weil ihr bisheriges Muster im Umgang mit Belastungen (in diesem Fall: mit den Mühen des Lernens) scheitert. Vielleicht mussten sie sich lange nicht groß anstrengen, um halbwegs mitzukommen. Jetzt wäre regelmäßigeres Büffeln angesagt. Bisher kamen die guten Noten quasi von selbst. Nun sollten sie auch mit Enttäuschungen klarkommen. Nachhaltige Hilfe würde also darin bestehen, das bisherige Bewältigungskonzept aufzuweichen, zu erweitern, belastungsfreudiger zu gestalten.

Das aber ist einfacher gesagt als getan. Menschen lassen nicht gerne von scheinbar bewährten Lebenskonzepten ab – das macht ihnen eher Angst. Indes gibt es einen Geheimzugang: Verständnis und Verlockung. Nur ist das bei Dauerstörern natürlich keine wohlfeile Währung. Wer schwierige Schüler knacken möchte, muss zunächst davon überzeugt sein, dass er es nicht mit kleinen Teufeln zu tun hat, sondern mit hochenergetischen Wesen, die dieselben Bedürfnisse haben wie wir alle: soziale Beachtung und sachlichen Erfolg. Allerdings haben sie sich angewöhnt, ihre Umwelt auf ungünstige Art zu deuten, um diese Ziele zu erreichen. Deshalb beginnt jedes Knacken einer harten Nuss mit der Suche nach der Brille, durch die etwa ein Ben sich und andere sieht, und nach seiner inneren Zielsetzung.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Das Elterngespräch könnte ergeben, dass Ben im Haushalt sehr verlässlich hilft (also keineswegs stört). Er möchte einmal Politiker werden und schaut sich nicht nur die Tagesschau an, sondern liest auch die regionale Tageszeitung (für einen schulisch Uninteressierten angenehm überraschend). Er hat zudem einen jüngeren Bruder, der als unproblematisch gilt. Für den individualpsychologisch geschulten Blick heißt das: Ben kann sich konstruktiv einbringen, sofern er dafür persönliche Beachtung durch Erwachsene erntet; außerdem interessiert ihn ein anspruchsvoller Beruf, in dem man etwas zu sagen hat. Seine Unruhe und sein Lauern nach Spezialbeachtung spricht aber auch für eine Schwachstelle. Vielleicht hat ihm die Geburt des Brüderchens den grundlegenden Eindruck vermittelt, dass andere Menschen wichtiger seien als er, dass es auf ihn nicht so ankomme.

An den Stärken ansetzen

Was wäre in diesem Fall zu tun? Man würde nicht direkt an Bens Störungen ansetzen, sondern an seinen Stärken; das heißt sein Berufsziel explizit würdigen. Dann könnte man ihm nahelegen, die Arbeit in den anderen Fächern aufgeschlossener hinzunehmen – um des tollen Zieles willen. Vielleicht kann man ihm in der Schule Verantwortung übertragen. Und man sollte ihn im Unterricht häufiger dran nehmen – ruhig auch öfter als andere, schließlich ist Pädagogik keine Frage der Gleichverteilung, sondern der Behandlung von Ungleichem mit Verschiedenem. Den Eltern würde man die Aufgabe geben, sich regelmäßig von Ben berichten zu lassen, was er denn Neues gelernt habe – und zu gewährleisten, dass er zu Hause Zeit zum Üben hat.

Hinter das Symptom sehen, die Störung als subjektive Scheinlösung durchschauen, einen direkteren Weg zur Geltung eröffnen und dabei ermutigen – nicht selten können auch Lehrer die Tür zu einer verunglückenden Kinderseele einen Spalt öffnen. Wer das Problem aus der Perspektive des Störenfrieds zu sehen vermag, könnte eine von dessen vielen Lebensweichen anders stellen. Und dann muss man weitersehen. Aber dieser Artikel ist ja auch nur ein Anstoß – und kein Aufbaustudium.