Für den Ethikunterricht hatte bisher noch niemand geklagt, nur dagegen. Jetzt aber wollte eine konfessionslose Mutter aus Baden-Württemberg nicht einsehen, warum es keinen Ethikunterricht ab der ersten Klasse geben soll. Ihre Kinder würden so mit moralischer Bildung schlechter versorgt als ihre evangelischen oder katholischen Mitschüler. Das sei nicht gerecht. Sie hat nun vor dem Bundesverwaltungsgericht verloren.

Das Fach Religion sei durch das Grundgesetz vorgeschrieben, Ethik nicht. Daher liege ein Gleichheitsverstoß nicht vor, argumentieren die Richter vom Bundesverwaltungsgericht. Denn der Staat könne frei gestalten, welche Fächer er einrichtet und welche nicht.

Die Richter in den ersten Instanzen argumentieren: Diese Ungerechtigkeit müsse die Mutter hinnehmen, weil Religionsgemeinschaften nun mal vom Grundgesetz privilegiert werden und den Religionsunterricht verantworten. Das Urteil ist in gewisser Weise erleichternd, denn wer wollte Schulen zumuten, die ohnehin schon extrem komplizierte und emotional aufgeladene Situation um den Religionsunterricht noch weiter zu komplizieren: Noch ein Lehrplan für ein paar Kinder. Aber noch viel besser wäre es, diese Ungerechtigkeit an der Wurzel zu packen – den Privilegien der Kirchen.

Bis in die 1970er Jahre hinein gingen die meisten Kinder in Deutschland in den Religionsunterricht – entweder in den evangelischen oder katholischen. Aber dann wurde es schwierig. Immer mehr ungläubige, andersgläubige oder zweifelnde Eltern ließen ihre Kinder davon befreien. Damit hatten die Schulen ein Aufsichts- und die Kirchen ein Attraktivitätsproblem – denn welches Kind will schon in den Religionsunterricht, wenn stattdessen eine Freistunde lockt. Außerdem forderten andere Religionsgemeinschaften wie die Muslime  ihr Recht ein.

Also wird seither immer noch etwas dazu gebaut. Auch wenn es in Baden-Württemberg erst einmal kein Ethikunterricht für Grundschüler geben wird, ist die Lage schon längst unübersichtlich. Kinder können neben den beiden Konfessionen in einigen Bundesländern Islamunterricht wählen, selten sogar einen "humanistischen Lebenskundeunterricht". Und da Bildung Ländersache ist, hat jedes Land andere Ideen, wie es die Weltreligionen oder moralische Werte und Philosophie vermitteln will.

Biblische Geschichte, Philosophie, Lebensgestaltung

In Berlin taucht die Note für den freiwilligen bekennenden Religionsunterricht im Zeugnis gar nicht auf. Dafür aber die im Fach Ethik, das von Klasse 7 bis 10 Pflicht ist. In Hamburg wiederum ist ein gemeinsamer Religionsunterricht in der Grundschule für alle verpflichtend, organisiert von der evangelischen Kirche, aber mit dem Einverständnis von Katholiken und Muslimen. Schüler und Eltern dürfen ab der siebten Klasse wählen, ob sie Religion weiterlernen oder stattdessen das Fach Philosophie belegen wollen. Wahlpflichtfach nennt man das dann. In Baden-Württemberg ist Ethik hingegen ein Ersatzfach. Wer sich vom Religionsunterricht abmeldet, geht dorthin – aber ebenfalls erst ab Klasse 7. Bremen wiederum hat in der Grundschule noch ein erstaunliche Sonderlösung. Hier gibt es seit dem 19. Jahrhundert ein Fach, das sich "biblische Geschichte" nennt, obwohl es längst auch andere Religionen behandelt, und vor allem noch nie von der Kirche verantwortet wurde – das also nicht "bekennend" ist. Und schon an den verschiedenen Namen des Fachs, das jeweils neben dem Religionsunterricht existiert, sieht man, dass auch die Inhalte in jedem Bundesland anders sind: Lebensgestaltung, Ethik und Religion (LER) heißt es in Brandenburg, Philosophie in Bremen und Hamburg.

Einen Islamunterricht gibt es zwar nun, nach einer komplizierten Anlaufphase, aber noch nicht flächendeckend. Und schon jetzt fehlen Lehrer, unter anderem weil die Länder noch ein Problem mit dem Kopftuch haben, das manche muslimische Lehrerin gerne tragen möchte. Das Chaos lässt sich noch steigern, wenn Hindu, Buddhisten und Juden ihr Recht auf einen eigenen bekennenden Religionsunterricht einklagen.

Muss Religionsunterricht in Deutschland eine derart verzwickte Sache sein? Nein. Besser wäre: weg mit den Privilegien der Kirchen – ohne auf ihre Erfahrungen zu verzichten. Religionen und Werte müssen Teil der Lehrpläne bleiben, aber Kinder müssen dafür nicht getrennt werden. Im Gegenteil: Welch ein Gewinn, wenn sie miteinander über unterschiedliche Glaubensrichtungen und  Vorstellungen von einem guten Leben lernen – egal, was sie selbst schon glauben oder nicht glauben. Ein Grundschulfach, dass sich Religionskunde oder Werte und Normen nennen könnte, müsste sich nicht einmal komplett neu erfinden, denn auch die Kirchen gestalten ihren Religionsunterricht längst so, dass andere Religionen und Wertvorstellungen sowie gesellschaftliche Probleme berücksichtigt werden.

Bekenntnisse sollten in der Kirche, Moschee oder Synagoge bleiben. Religionen und Ethik gehören trotzdem in die Schule.