Kinder in einem Freizeitcamp bei Wolfsburg © Andreas Rentz/Getty Images

Die Klimaanlage ist neu, eine Gebrauchsanweisung gibt es nicht. Also muss man ein bisschen an den Reglern schieben, um herauszufinden, welcher für die Temperatur und welcher für die Feuchtigkeit zuständig ist. Volle Punktzahl gibt es, wenn die Schüler auch darstellen können, wie welcher Regler funktioniert. Eine andere Aufgabe: Ein Roboter-Staubsauger krabbelt über den Bildschirm, stößt an Gegenstände und fährt in eine andere Richtung weiter. Hier müssen die Testpersonen die Regeln verstehen und formulieren, nach denen der Staubsauger sich bewegt. Die beiden Aufgaben entstammen dem Feld "Problemlösen" im Alltag, das Bestandteil der Pisa-Studie 2012 war und das neben dem Fachwissen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften getestet wurde.

Deutsche 15-jährige Schüler kommen damit ganz gut klar, glänzen aber auch nicht. Sie liegen wie in anderen Pisa-Disziplinen leicht über dem Durchschnitt der teilnehmenden Länder. Aber fast 20 Prozent schaffen das Basisniveau nicht und nur 13 Prozent sind besonders leistungsstarke Problemlöser. In Japan und Korea ist diese Gruppe jeweils größer als 20 Prozent. Die gute Nachricht: soziale Unterschiede zwischen den Schülern wirken sich nicht so stark auf die Leistungen aus wie beim Lesen und in der Mathematik, auch wenn die Gymnasiasten die Nase vorn haben.

Die erstaunliche Nachricht ist hingegen, dass die Jungs, die ja sonst als die Bildungsverlierer gelten, diesmal deutlich besser sind als die Mädchen. Am unteren Ende der Skala unterscheiden sich die Geschlechter nicht, aber in der Spitzengruppe. Sie setzt sich zu 60 Prozent aus Jungen und nur zu 40 Prozent aus Mädchen zusammen. In den meisten anderen getesteten Ländern ist es ganz ähnlich.

Woran liegt das? Interessanterweise korrelieren die Leistungen im Problemlösen eher mit denen in Mathematik, wo die Jungen auch leicht vorne liegen, und nicht mit den Leistungen im Lesen, wo die Mädchen wesentlich besser sind. Kann mathematisches Denken also auch helfen, sich im Alltag kniffligen Problemen zu nähern, Zweifel zuzulassen und kreativ nach Lösungen zu suchen?

Ohne Computer kein Unterschied zwischen den Geschlechtern

Auch interessant ist, dass Jungen und Mädchen im Problemlösen beim letzten vorherigen Test dieser Art (Pisa 2003) noch gleich gut abschnitten. Vergleichen lässt sich das nicht, denn damals waren die Aufgaben noch nicht interaktiv und mussten auch nicht am Computer gelöst werden. Immer aber, wenn Computer im Spiel sind, hilft das den Jungen. Auch bei Mathe- und Leseaufgaben schnitten sie dann besser ab, wenn sie sie am Bildschirm lösen mussten und nicht auf Papier.

Da heute auch Mädchen viel Zeit am Computer verbringen, kann das allein den Unterschied nicht erklären. Schon eher könnte ausschlaggebend sein, dass sie die Geräte anders nutzen. Es könnte sein, dass die geschmähten Computerspiele den Jungen einen messbaren Vorteil verschaffen.

In einigen Ländern unterschieden sich  die Geschlechter jedoch zusätzlich noch je nach Aufgabe. Handelte es sich um Fragen aus den Gruppen "Kontrollieren und Reflektieren" oder "Planen und Ausführen" – zur letzten Gruppe gehört zum Beispiel die Klimaananlagen-Aufgabe – schneiden Mädchen noch recht gut ab. Bei Aufgaben aus dem abstrakteren Topf "Darstellen und Gestalten" schneiden sie aber umso schlechter ab. Hierzu gehört zum Beispiel die Roboterstaubsauger-Frage. Das deckt sich mit anderen Studienergebnissen, dass Mädchen schlechter räumlich denken können.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass dieser Unterschied "natürlich" ist, also biologische Gründe hat. Denn dann dürfte es von diesem Muster keine Abweichungen geben. In Deutschland aber und vielen anderen europäischen Ländern waren Mädchen in allen Aufgabengruppen ähnlich gut beziehungsweise schlecht. Und in manchen Ländern, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bulgarien zum Beispiel, sind die Mädchen sogar insgesamt besser im Problemlösen. Es scheint also eher mit Sozialisation und den konkreten Bildungssystemen zu tun zu haben.

Wenn Jungen also im Schnitt besser neue Probleme lösen können, könnte ihnen das später im Berufsleben helfen. Es könnte zum Teil erklären, warum sie trotz schlechterer Schulzeugnisse und Uniabschlüsse noch immer schneller aufsteigen als Frauen. Wer jenseits vom Fachwissen schnell neue Informationen verstehen und anwenden kann sowie kreativ an Probleme herangeht, setzt sich wahrscheinlich einfach schneller durch.