Eine Muslimin studiert in Gießen auf Lehramt.  Sie trägt normalerweise eine Burka, einen Ganzkörperumhang, der nur ihre Augen freilässt. Damit wollte sie  auch in den Hörsaal gehen. Aber die Uni-Leitung hat ihr mitgeteilt: Ein wissenschaftlicher und interaktiver Diskurs sei damit nicht möglich. In Bayern hat ein Verwaltungsgericht vor Kurzem ähnlich entschieden: Schulen dürfen die Ganzkörperverschleierung verbieten. Eine Schülerin hatte geklagt, weil sie einen Nikab tragen wollte, einen Schleier, der das ganze Gesicht verhüllt.

Nun scheint die Burka für eine Lehramtsstudentin schon deshalb absurd, weil an den meisten Schulen Lehrerinnen nicht einmal ein Kopftuch tragen dürfen. Darüber kann man natürlich streiten. Der Grund ist zwar nachvollziehbar, denn sie sind im öffentlichen Dienst angestellt oder Beamte, und dazu gehört, sich religiös und politisch neutral zu verhalten.

Fraglich ist allerdings, ob das auch für Lehrerinnen gelten sollte, die zum Beispiel islamischen Religionsunterricht erteilen, und damit sowieso ein religiöses Bekenntnis ablegen. Eine konsequente Trennung von Religion und Schule gibt es in Deutschland ohnehin nicht.

Im Alltag nehmen wir Frauen mit Kopftuch längst als normale Gesprächspartnerinnen wahr. Wir verabreden mit der Arzthelferin Termine, lesen die Texte einer Journalistin oder hören uns die Argumente einer Politikerin an. Wir urteilen über diese Frauen nicht mehr nur aufgrund ihres Kopftuches, sondern aufgrund dessen, was sie tun und sagen. 

Wer sein Gesicht verbirgt, isoliert sich

Nicht zu streiten braucht man über die völlige Verhüllung des Gesichts – also über Burka oder Nikab an Schule, Universität oder auch in Berufen, in denen die Frauen mit Menschen reden müssen. Denn Frauen mit Kopftuch können wir ins Gesicht schauen, sie lächeln oder grollen sehen. Wir können sie als Persönlichkeit wahrnehmen. Wir können mit ihnen Witze machen oder streiten und dabei erkennen, ob sie beleidigt sind oder amüsiert, ob ein Kompromiss möglich ist oder nicht, ob sie sich in die Ecke gedrängt fühlen oder ob sie gleich angreifen werden.

In der Schule und erst recht an der Uni lernen Schüler und Studenten nicht nur Fakten. Sie lernen auch, indem sie argumentieren und mit anderen diskutieren. Kommunikation läuft aber nicht nur über Sprache. Wer sich mit anderen verständigen möchte, ist auf Zeichen angewiesen, die sich im Gesicht des anderen zeigen. Wer sich verbirgt, isoliert sich von den anderen und nimmt an einem wesentlichen Teil des Unterrichts entweder gar nicht mehr teil – oder irritiert Mitschüler und Kommilitonen ebenso wie Lehrer und Dozenten. Darauf hat auch die Uni Gießen die Studentin hingewiesen.

In der Schule kommt noch ein anderes Argument dazu: Minderjährige Mädchen müssen auch davor geschützt werden, dass extrem gläubige Mitschüler oder Verwandte und Bekannte sie unter Druck setzen, sich vom normalen deutschen Schul- und Teenagerleben zu isolieren, und ihnen damit die Chance nehmen, selbst zu bestimmen, wie sie glauben und leben wollen.

Im aktuellen Fall ließ sich die Studentin übrigens von der Universitätsleitung überzeugen, auf die Burka im Hörsaal zu verzichten. Weitere Fälle sind bisher nicht bekannt – wohl auch deshalb, weil muslimische Studentinnen in der Regel wenig Interesse daran haben, sich durch Ganzkörperverhüllung an den Rand zu stellen.