Henri darf nicht aufs Gymnasium – und jetzt nicht mal auf die Realschule. Der 11-Jährige hat das Downsyndrom, seine Mutter will, dass er mit seinen Freunden aus der Grundschule gemeinsam wechseln kann. Eigentlich sollte ab nächstem Jahr in Baden-Württemberg jedes Kind das Recht haben, auf eine Regelschule zu gehen. Eltern haben die Wahl, hieß es. Alles gelogen? Ein Riesenskandal?

Zunächst einmal sieht es so aus. Denn Deutschland ist nur sehr langsam dabei, Inklusion möglich zu machen. Dabei ist es das richtige Ziel. Gerade zeigen zwei Studien, dass behinderte Kinder, die in normalen Schulen unterrichtet werden, wirklich bessere Chancen haben, als wenn sie in der Förderschule unter sich blieben und dadurch unterfordert würden. Bisher galt das als Glaubenssache. 

Aber Inklusion ist auch ein sehr ehrgeiziges Ziel. Das Wort bedeutet nicht nur Integration: Kinder, die anders sind als der Durchschnitt, passen sich nicht an das "Normale" an, sondern sie sind gleichberechtigt. Jedes Kind wird so genommen wie es ist und so gefördert, wie es seinen Talenten und Möglichkeiten entspricht, das begabte neben dem durchschnittlichen und neben dem geistig behinderten Kind.

Wenn das gelingt, können auch Eltern von nicht behinderten Kindern jubeln. Sie sehen meist, wie ihre eigenen Kinder profitieren. Denn die lernen, wie individuell Erfolg und Talent ist – auch an sich selbst: Ein behindertes Kind schreibt irgendwann den ersten Buchstaben, wo es mir doch so leicht fällt, schon ganze Bücher vorzulesen. Das behinderte Kind hat trotzdem viel Applaus verdient, denn ich habe gesehen, wie es dafür gekämpft hat. Ich übrigens auch, wenn ich in Mathe eine Drei schaffe, wo ich sonst manchmal Fünfen schreibe. Mal ganz abgesehen davon, dass die Kinder schnell aufhören zu kichern, wenn einer eine Windel trägt – die Gesellschaft wird von diesem Verständnis profitieren.

Im konkreten Fall von Henri hat das Land leider Versprechungen gemacht, die es nun nicht hält. Denn erst hieß es, das Gymnasium würde Henri aufnehmen – doch dann haben Eltern und Lehrer dagegen protestiert. Das ist bitter, denn es sieht so aus, als würden sie behinderte Menschen unbedingt weiter ausgrenzen wollen, um ihren Kindern Privilegien zu sichern. Das mag für manche stimmen, viele der Bedenken dürften aber auch zutreffen.

Sind Gemeinschaftsschulen Schulen zweiter Wahl?

Wegen dieser Zurückweisung müssen die Gemeinschaftsschulen, die der Kultusminister Andreas Stoch jetzt für Henri empfiehlt, seiner Mutter wie die zweite oder dritte Wahl vorkommen. 

Aber muss Henri wirklich auf ein Gymnasium oder eine Realschule? Diese beiden Schulformen zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie Kinder nach Leistung aufteilen – und damit auch oft Grundschulfreunde trennen. Das Gymnasium ist darauf ausgerichtet, nur die aufzunehmen, die leistungsstark sind. Zwar ist es längst viel offener als früher, in manchen Bundesländern besuchen die Hälfte aller Kinder ein Gymnasium, aber das Prinzip ist noch das gleiche. Wer es nicht schafft, soll auf eine andere Schule. Auch die Realschule ist Teil des dreigliedrigen – separierenden –  Schulsystems. In beiden Schulen haben Lehrer selten gelernt, mit geistig behinderten Kindern zu arbeiten.