Das ist ein Prinzip, das man zwar ablehnen kann, aber es diskriminiert nicht nur behinderte Kinder, sondern konsequent alle, die diese Form von Leistung nicht vorweisen. Sogar oft die, die locker ein Abitur schaffen würden, hätten sie Eltern, die sie förderten. Im Einzelfall von Henri ist es schlimm gelaufen, weil Eltern und Lehrer hartherzig wirken, wenn sie sagen: Den wollen wir nicht. 

Aber tatsächlich würden Henri zurzeit noch die meisten Gymnasien nicht gerecht werden. Er würde im Unterricht daneben sitzen und jeden Tag zu spüren bekommen, wie sehr er nicht dazu gehört. Selten wird ein Lehrer oder einer seiner Grundschulfreunde Zeit haben, ihm das beizubringen, was ihn wirklich weiterbringt. Als Vision ist das zwar schön: Alle Schulen unterrichten individuell. Jeder Lehrer hat die Zeit und die Ausbildung, jedem Kind gerecht zu werden. An allen Schulformen gibt es außerdem ausreichend Heilerzieher, Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen.

Aber erstens entspricht das nicht der Realität und zweitens müsste man dann konsequenterweise zugeben, dass Gymnasien und Realschulen überflüssig wären. Denn dann wäre ja jede Schule eine Gemeinschaftsschule. Deshalb muss Henri längst nicht auf eine Förderschule abgeschoben werden, wenn seine Mutter das nicht will. Die Gemeinschaftsschule gibt es, sie lehnt ihn nicht ab.

Der eigentliche Skandal ist also nicht, dass Henri nicht aufs Gymnasium darf. Sondern dass die Schulbehörden so tun, als ließe sich Inklusion nebenbei einführen. Als könnten sie versprechen, was sie nicht bereit sind, konsequent umzusetzen. 

Der eigentliche Skandal ist die schlechte Ausstattung

Denn auch die Grundschul- und Gemeinschaftsschullehrer, die Inklusion wollen und Erfahrung damit haben, stöhnen oft unter der Last. Es sitzt ja in den Klassen nicht nur das beliebte, freundliche Downsyndrom-Kind, sondern auch das, das sozial schwierig ist, tobt, spuckt, hüpft, wenn die anderen sich konzentrieren sollen. Auch dieses Kind kann dazu gehören, aber meist erledigt sich seine Unruhe nicht dadurch, dass man es in die Regelschule steckt. Es muss sich jemand viel Zeit nehmen und seine individuellen Bedürfnisse kennen – zu seinem Wohl und auch zu dem der anderen Kinder.

Der individuelle Kampf um Henris Schulplatz steht für ein größeres Problem: Es wird wieder eine Schulreform durchgeboxt, ohne vorher alle Weichen gestellt zu haben. So dass Eltern und Lehrer überfordert sind und sich wehren, statt die Chancen zu sehen.