ZEIT ONLINE: Herr Rauschenbach, im Bildungsbericht 2014 ist Inklusion von behinderten Kindern und Jugendlichen das Schwerpunktthema. Dort ist aber auch zu lesen, dass es immer mehr Förderschulen gibt, auf denen die Kinder gerade nicht gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden. Was bedeutet das?

Thomas Rauschenbach: Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen kann es sein, dass die Zahl der Kinder mit Problemen tatsächlich zunimmt. Zum anderen werden heutzutage Auffälligkeiten als förderbedürftig diagnostiziert, die früher vielleicht als "normal" betrachtet wurden. Schließlich sind auch die speziellen Förderschulen davon überzeugt, den Kindern am besten gerecht zu werden. Die Folge ist, dass es vergleichsweise wenig Rücküberweisungen auf die Regelschulen gibt. Und mit ein Grund mag auch eine mögliche Überforderung der Lehrkräfte im Regelbetrieb sein. Diese kommen vielleicht schneller an ihre Belastungsgrenzen und sagen: "Ich kann dieses Kind nicht mehr betreuen, sonst leidet die ganze Klasse."

ZEIT ONLINE: Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Wie unterscheiden sich die Kinder, die Förderbedarf haben?

Rauschenbach: Neben den körperlichen und geistigen Behinderungen spielen seelischen Behinderungen eine zunehmende Rolle, also die sozial-emotionalen Auffälligkeiten. Das trifft etwa zu auf Kinder, die den ganzen Tag auf den Bänken rumtoben, nicht ruhig sitzen können. Die große Gruppe der Kinder mit besonderem Förderbedarf, die uns daneben große Sorgen bereitet, sind die Lernbehinderten – Sorgen deshalb, weil darunter viele, zu viele Kinder mit ausländischem Hintergrund zu finden sind, bei denen sozial-kulturelle Probleme hinzukommen.

ZEIT ONLINE: Wie zeigen sich diese Probleme?

Rauschenbach: Zum Beispiel, wenn die Kinder im Matheunterricht nicht mitkommen und in der Schule versagen – sie aber eigentlich vor allem ein Sprachproblem haben. Deswegen sind sie unsicher und gehemmt, verlieren die Lust an der Schule oder werden vielleicht auffällig, weil sie auf diese Weise Anerkennung suchen. An diesen Punkten gilt es anzusetzen. Wenn in der Öffentlichkeit über Inklusion geredet wird, geht es meist um geistig behinderte Kinder. Aber diese machen an der Gesamtzahl der Kinder mit Behinderungen nicht einmal 20 Prozent aus, während mehr als Hälfte der Kinder den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung zugeordnet werden.

ZEIT ONLINE: Wie wird denn ein besonderer Förderbedarf festgestellt?

Rauschenbach: Die Frage der Diagnose hängt zuallererst vom Alter des Kindes ab; in Kindergarten, Schule und Berufsausbildung finden je unterschiedliche Feststellungsverfahren statt. Im Kindergartenalter müssen die Eltern aktiv werden, etwa beim Jugendamt eine Eingliederungshilfe beantragen. Werden sie nicht aktiv, passiert – solange es nicht um eine offenkundig geistige oder körperliche Behinderung geht – auch erst einmal nichts. Im Schulalter kommen Schuleingangsprüfungen und möglicherweise eine schulärztliche Untersuchung hinzu. Dann kann es sein, dass das Kind unmittelbar auf eine Sonderschule überwiesen wird; immerhin rund die Hälfte der Kinder wechselt im Grundschulalter in die Förderschule. Und mit einem Blick auf die Diagnosen fällt auf, dass sich im letzten Jahrzehnt der Anteil der Kinder im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung verdoppelt hat. 

ZEIT ONLINE: Wer soll eigentlich entscheiden dürfen, ob ein Kind auf eine Förderschule geht?

Rauschenbach: Der Bericht gibt darauf keine Antwort. Diese Frage ist der ungelöste Kern des Problems. Das hat damit zu tun, dass Inklusion, also die Aufhebung der Trennung behinderter Kinder von ihren Altersgenossen, ein politisch beschlossenes Projekt ist. Deutschland hat die UN-Behindertenkonvention für rechtsverbindlich erklärt. Nur, damit ist das Problem noch keineswegs gelöst. Zumindest zeichnet sich ab, dass die Frage, was eigentlich die bestmögliche Förderung eines Kindes ist, keineswegs von allen Beteiligten einhellig beantwortet wird – und selbst dann heißt das noch lange nicht, dass auch dort die fachlich beste Hilfe gewährleistet werden kann. Vom Grundsatz her sollte aber die Maxime gelten: So viel Inklusion wie möglich, wenn man damit den Kindern genauso oder sogar besser helfen kann. Es sollte also vielleicht die "Beweispflicht" umgekehrt werden: Es muss erst einmal alles getan werden, das Kind in seiner normalen Umgebung zu belassen, es im Regelbetrieb zu fördern. Zumindest macht es nachdenklich, wenn die amtlichen Daten zeigen, dass Kinder auf Sonderschulen für Lernbehinderte zwar sehr viel intensiver gefördert werden, am Ende die Schule aber ohne einen Hauptschulabschluss verlassen. Hier fehlt auch von Seiten der Politik bislang ein Konzept, wie man die Kompetenzen, das Personal und einen großen Teil der Finanzmittel aus dem Förderschulsystem in das allgemeine Schulsystem integrieren kann.

ZEIT ONLINE: Sind Sie für die Abschaffung der Förderschulen?

Rauschenbach: Nicht in ihrer Gänze. Aber wir sollten sie deutlich reduzieren und gleichzeitig im Regelschulsystem anders mit Heterogenität umgehen. Man muss nicht zu jeder Zeit alle Kinder in einer Klasse gemeinsam unterrichten, aber sie adäquat zu fördern, und nicht von Vornherein in eine andere Schule stecken, wäre schon ein politisch erstrebenswerter Anspruch. 

ZEIT ONLINE: Warum gibt es je nach Bundesland so unterschiedlich viele Kinder mit Förderbedarf?

Rauschenbach: Das ist eine brisante Frage. In der Tat liegen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt an der Spitze, Rheinland-Pfalz am Ende der Skala. Es könnte sein, dass dies auch mit der Zweigliedrigkeit des Schulsystems zusammenhängt, das es in Ostdeutschland durchgängig gibt, da es möglicherweise dafür sorgt, Kinder schneller "durchs Raster fallen zu lassen". Allerdings muss man bei diesen Statistiken auch vorsichtig sein: Durch das Streben nach Inklusion ist ein anderer Effekt nicht ganz auszuschließen – dass Sonderschulen zu einer Verwaltungseinheit mit einer Hauptschule werden und somit nicht mehr in der Statistik eigens auftauchen, obwohl sie faktisch immer noch eigene Klassen haben. Entscheidend wäre aber für die Frage der Inklusion, dass die Kinder mit anderen, nicht behinderten Kindern zusammen kommen. Sonst wüsste ich nicht, was daran Inklusion sein soll.