Etwa fünf Jahre dauert ein Lehramtsstudium gewöhnlich – Johanna K. allerdings könnte nach den Sommerferien ganz ohne Staatsexamen vor einer Berliner Klasse stehen: Sie hat sich, wie 3.300 andere, als Quereinsteigerin auf eine Lehrerstelle beworben.

Etwa 1.800 Stellen müssen in Berlin im nächsten Schuljahr neu besetzt werden. Wie viele davon an Quereinsteiger vergeben werden, ist bisher nicht klar. Zwar haben sich auch 2.200 ausgebildete Lehrer beworben, doch sind darunter zu wenige aus den naturwissenschaftlichen Fächern. Natürlich berücksichtige man in erster Linie komplett ausgebildete Lehrer, doch wenn dies nicht reicht, müsse man auf die Quereinsteiger zurückgreifen, sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung.  

Das System funktioniert so: Wenn ihre Bewerbung erfolgreich war, dürfen die Quereinsteiger von Beginn an 19 Stunden pro Woche eigenverantwortlich unterrichten. Begleitend müssen sie, wie die normalen Referendare auch, acht Stunden in der Woche Fachseminare besuchen. Grundlagen in Didaktik und Pädagogik werden ihnen dort nicht vermittelt. Fehlt ihnen ein fachspezifischer Abschluss, müssen sie dafür ebenfalls berufsbegleitend studieren – allerdings mit weniger Wochenstunden als im regulären Studium.

Johanna K. hatte nach dem Studium der Romanistik und der Osteuropawissenschaften im Guggenheim-Museum gearbeitet. Nun jobbt sie in einem Kommunikationsunternehmen. Mit dem Lehrerberuf hatte sie bisher wenig zu tun, nur ehrenamtlich gibt sie Nachhilfeunterricht in Französisch. "Die Schüler kommen gern und mir macht es riesigen Spaß", sagt sie.

Dass sie die Kinder auch regulär unterrichten könnte, dagegen regt sich Widerstand – bei Lehrern und Eltern. Der Verband Bildung und Erziehung Berlin hat erst vor Kurzem eine Resolution gegen Quereinsteiger verabschiedet. "Ihr Einsatz an Berliner Schulen stellt eine Bankrotterklärung dar", heißt es in dem Schreiben, das ZEIT ONLINE vorliegt. Durch die Quereinsteiger leidet die Qualität des Unterrichts, fürchtet der Verband.

Denn die Quereinsteiger seien schon am Anfang komplett überlastet, sagt Florian Bublys von der Lehrer-Initiative Bildet Berlin. Normale Referendare, die ein reguläres Lehramtsstudium bereits absolviert haben, unterrichten nur acht Wochenstunden, die Quereinsteiger mehr als das Doppelte, und das ohne pädagogisches und didaktisches Vorwissen. Das sei fahrlässig, "denn die Leidtragenden sind die Schüler", sagt Bublys. "Man würde nie einen Arzt ohne Anatomieausbildung praktizieren lassen. Doch genau so muss man sich das mit Quereinsteiger-Lehrern vorstellen." 

Die Gewerkschaft antwortet mit Satire

Die Lehrergewerkschaft GEW protestiert, indem sie eine gefälschte Presseerklärung der Charité verbreitet: Darin werden Tierärzte und Metzger dazu eingeladen, sich als Chirurgen zu bewerben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Doch die Situation in Berlin ist ernst. Bis auf Geschichte, Geographie und Sozialkunde fehlen Lehrer – in allen Fächern und für alle Schulformen. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern gibt es in den nächsten Jahren einen erhöhten Bedarf an Pädagogen. Bis 2020 könnten hier jährlich rund 500 Lehrer fehlen, so eine Studie der Ständigen Kultusministerkonferenz

"Das Schwierigste im Lehrerberuf ist die Reflexion des eigenen Handelns beim Unterrichten", sagt Burkhard Priemer, Professor für Didaktik an der HU Berlin. "Warum hat etwas nicht geklappt, warum haben die Schüler so reagiert?" Aber um gut zu reflektieren, brauche man Didaktik – sowohl Kenntnisse als auch Erfahrung. Die zunehmende Heterogenität der Klassen mache selbst erfahrenen Pädagogen zu schaffen.

Der Lehrermangel führt außerdem zu einem Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Während in Brandenburg die schnelle Verbeamtung lockt, wirbt die Hauptstadt nun mit einem unbefristeten Arbeitsverhältnis und einem attraktiven Gehalt: Ein Lehrer mit zwei Wahlfächern erhält monatlich 4.741,67 Euro brutto. Außerdem können die neuen Lehrer in Teilzeit arbeiten. Bundesländergerecht ist auch die Werbekampagne ausgelegt: "Da werd ned nur o’zapft. Da werd aa eigstellt." oder "Revierwechsel gefällig? Kohle gibt’s auch bei uns."war in Anzeigen zu lesen, um Lehrer nach Berlin zu locken.

Die Berliner Senatsbildungsverwaltung versucht derweil, die Wogen zu glätten – man wolle voll ausgebildete Lehrer bevorzugt berücksichtigen. Aber ein Ende der angespannten Lage ist nicht in Sicht. Bis 2020 wechseln jährlich mehr als 1.000 Lehrer in den Ruhestand.