Die Schulfrage: Unser Sohn ist 8 Jahre alt, geht gerne zur Schule und zeigt gute Leistungen. Demnächst muss unsere Familie umziehen, es steht also ein Schulwechsel an. Nun haben wir die Wahl zwischen einer Schule, die schon lange als Inklusionsschule arbeitet, und einer Regelschule. Aus Elternforen hören wir ganz Unterschiedliches über Vorzüge und Nachteile der Inklusion. Einerseits gefällt uns der Gedanke, behinderte Kinder stärker zu integrieren, andererseits sind wir nicht sicher, ob gemeinsames Lernen unserem Kind wirklich gut tut.

Sie sprechen ein heikles Thema an – unter dem Stichwort Inklusion werden nämlich auch Glaubenskämpfe ausgetragen, mit teilweise harten Bandagen. Aber der Reihe nach.

Schon seit Längerem gibt es zahlreiche Grundschulen, die einzelne Schüler mit besonderem Förderbedarf gemeinsam mit anderen unterrichten: Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen, mit gravierenden Lernproblemen, mit starken Verhaltensauffälligkeiten, mit geistigen Einschränkungen. Man nennt das Integration, sie funktioniert mit Zweitlehrern relativ gut, wenn auch meist mit reduzierten Arbeitszielen. Lernschwache fühlen sich von Stärkeren häufig angespornt; umgekehrt lernen Schnellere, Langsamere wertzuschätzen und zu unterstützen. Andererseits entwickeln sich aber auch lernschwache Schüler gut, die besondere Förderschulen besuchen – im Schonraum einer kleinen Gruppe, bei spezifisch ausgebildeten Lehrern, ohne den ständigen, oft entmutigenden Vergleich mit den so viel leistungsfähigeren Regelschülern.

In den letzten Jahren ist die Frage aufgekommen, ob und wie sich Integration in weiterführenden Schulen fortsetzen lässt. Diese Überlegung hat etwas: Warum soll ein Kind mit Rollstuhl nicht auch Abitur machen können, bei entsprechender Begabung? Könnte mancher Schüler mit großem Leistungsrückstand nicht durch lernbegeisterte Mitschüler angespornt werden? Und ist mancher Oberstörenfried vielleicht nur deshalb in der Förderschule gelandet, weil seine Regellehrer (mangels Ausbildung) die Ursache seiner inneren Unruhe nicht verstanden haben? Eine solche Ausweitung schulischer Integration wäre also gewiss möglich und wünschenswert.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Neuerdings ist ja nur noch von Inklusion die Rede – und unter diesem Banner tummeln sich nicht nur die genannten Realisten, sondern auch Fanatiker. Die möchten zukünftig alle Kinder nur noch gemeinsam unterrichtet wissen – auch bei stärkster Einschränkung von Arbeitshaltung und Leistungsfähigkeit. Man schwärmt von einem goldenen Zeitalter der Pädagogik: Jedes Kind könne dann von den jeweiligen Fähigkeiten der anderen profitieren, keiner werde mehr durch schlechte Noten und persönliche Defizite beschämt, statt objektiver Leistungen würden nur noch individuelle Lernfortschritte bewertet. Klingt paradiesisch, bedeutet aber im Klartext: Verbindliche Lernziele würden hinfällig, die bisherige Einteilung in Schulformen könnte man vergessen, die Sonderschulen wären abzuschaffen. Erst kürzlich wollten Eltern in Baden-Württemberg ihren elfjährigen Henri trotz Downsyndrom und bar jeder Eignung ins Gymnasium klagen, "damit er bei seinen Freunden bleiben kann" – frei nach der Devise "Liebe statt Leistung".

Mich wundert, wie sorglos dabei mit kindlichen Bedürfnissen umgegangen wird – und nicht nur denen Behinderter. Obwohl in der Inklusionsschule eine bislang nicht gekannte Heterogenität an "Befähigungen" zu erwarten ist, könnte es dort aus Etatgründen Teamteaching mit sonderpädagogischen Zweitlehrern nur noch vereinzelt geben – und diese Experten müssten womöglich noch von Schule zu Schule rasen oder von Klasse zu Klasse springen. Die Folgen solcher Reisepädagogik kann man sich leicht ausmalen: Den "Förderkindern" droht nicht nur Vernachlässigung, sondern auch zusätzliche Verunsicherung, durch den ständigen Vergleich mit den ungleich leistungsfähigeren "Regelkindern". Diese wiederum mögen in sozialer Hinsicht vom Miteinander durchaus profitieren, ihr Lernzuwachs wird aber noch unübersichtlicher als bislang.

Offenbar haben die radikalen Vertreter der Inklusionsbewegung jedes Maß verloren. Schulische Leistungsorientierung ist keineswegs per se traumatisierend, sondern reifungsfördernd – gerade sie ermöglicht manchem Kind den sozialen Aufstieg. Und Benachteiligungen lassen sich weder durch Wohlfühlparolen ausgleichen ("Jeder kann was, was nicht jeder kann") noch durch hastigen, womöglich unterfinanzierten Tapetenwechsel – nur sorgsame, ressourcenstarke pädagogische Beziehungsarbeit bringt hier voran. So viel Integration wie möglich, aber so viel Separation wie nötig – diese bedächtig klingende Parole ist insofern keineswegs überholt. Nicht alle Kinder in dieselbe Schule, sondern jedes Kind an den Ort, der ihm jetzt und langfristig am besten tut!

Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet denn auch keineswegs zur Einführung einer Einheitsschule, sondern will lediglich allen Kindern freien Zugang zum allgemeinbildenden Schulsystem sichern. Deutschland nun bietet mit seinem hochspezialisierten Förderschulsystem bereits eine besonders unterstützende Form schulischer Allgemeinbildung. Förderschulen sind ja keineswegs Orte der Entwürdigung, sondern Stätten spezifischer Beobachtung, Zuwendung und Stärkung.

Insofern brauchen Sie als Eltern in der Inklusionsfrage nicht verschämte Solidarität, sondern einen kühlen Kopf. Loten Sie aus, ob Inklusion in Ihrem Bundesland auf absehbare Zeit angemessen finanziert ist – oder langfristig als verkapptes Einsparprojekt betrieben wird. Und erkunden Sie, ob die von Ihnen erwogene "Inklusionsschule" genug Personal bereitstellt, um leistungsstarken wie lernschwachen Schülern gleichermaßen weiterzuhelfen – oder ob dort individuelle Förderung nur auf dem Papier steht. Mancher Schule würde es übrigens gut tun, zunächst die Qualität ihres regulären Unterrichts zu verbessern – bevor sie das Spektrum ihrer Schüler erheblich vervielfacht.