Eigentlich sollte ich als Förderschullehrerin in den Sommerferien das tun, was von mir erwartet wird: nichts. Aber die öffentliche Diskussion über Inklusion lässt mir keine Ruhe. Viele der Berichte und Kommentare lassen sich einfach nicht mit meinen Erfahrungen aus dem Schulalltag in Einklang bringen.
Ich stutze immer wieder an den gleichen Stellen. Wie zum Beispiel bei einem Artikel über Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die an Gymnasien unterrichtet werden. 

Es ist natürlich schön zu lesen, dass einzelne Kinder mit Down-Syndrom erfolgreich ein Gymnasium besuchen können. Trotzdem will sich beim Lesen kein unbeschwertes Glücksgefühl einstellen. Mein Kopf ist voller Fragen: Werden denn alle diese Kinder auch bestmöglich gefördert? Wo kommen eigentlich die erwähnten Heilerziehungspfleger, Schulbegleiter, Integrationshelfer her? Wer hat die beantragt, genehmigt und bezahlt? Von den vielen Stunden der Förderschullehrer am Gymnasium mal ganz abgesehen. Irgendwie passt das nicht zu meinem Wissen über Stundenkontingente und die Bedürfnisse einzelner Schüler nach sonderpädagogischer Förderung.

Aber vielleicht haben Gymnasien andere Möglichkeiten, von denen ich nichts weiß, denn: Gymnasien kommen in meiner beruflichen Praxis gar nicht vor. Ich arbeite an einer Schule für Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung. Bisher habe ich noch keine Eltern kennengelernt, deren Kinder Förderbedarf in geistiger Entwicklung haben, die ihre Kinder aber trotzdem aufs Gymnasium schicken wollten.

Meiner Erfahrung nach sieht es gerade bei Schülern mit Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung schlecht mit der Inklusion aus. Denn es gibt sie kaum, die Regelschulen, die sich in der Lage sehen, einen Schüler aufzunehmen, der sein Umfeld in regelmäßigen Abständen beschimpft, immer wieder zuschlägt und sich mit aller Macht gegen jeglichen Unterrichtsstoff wehrt. Man kann es den Schulen nicht verdenken: Kinder, die in ihrer emotionalen Entwicklung besondere Unterstützung benötigen, legen den Unterricht in jeder Schule lahm. Es braucht besondere Konzepte, um ihnen die Teilnahme am Schulleben zu ermöglichen.

Dennoch impliziert der Begriff Inklusion eine Teilnahme aller Kinder am Regelschulsystem. Jedenfalls scheinen die verantwortlichen Politiker ihn so zu verstehen, werden doch überall in Deutschland Förderschulen geschlossen. Die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden stattdessen zum größten Teil an Haupt- und Gesamtschulen unterrichtet. Dort erhalten sie aber nur selten die Förderung, die sie eigentlich benötigen. Wer mal eine Schule für geistige Entwicklung von innen gesehen hat, mit ihren verschiedenen Räumlichkeiten und Möglichkeiten für besonderen Unterricht (Schwimmen, Psychomotorik, etc.) und den dazu angepassten Stundenplänen, die vielfältige Förderungen für die einzelnen Schüler vorsehen, der wird sich zwangsläufig fragen, wie Regelschulen eine gleichwertige Förderung anbieten sollen.

Allein um die Räumlichkeiten der Regelschulen für eine funktionierende Inklusion anzupassen, müsste eine Menge Geld investiert werden. Auch spezielle Förderkonzepte für die Kinder wären in der Umsetzung sehr teuer. Ich fürchte, dass momentan niemand bereit ist, diese Kosten zu tragen. Aus diesem Grund wird wohl eine flächendeckende Inklusion, die den Namen auch verdient, noch sehr lange auf sich warten lassen.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.