Die Schulfrage: Eigentlich unterrichte ich gerne. Allerdings empfinde ich in letzter Zeit auch so etwas wie Resignation. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich als Lehrer die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sinnvoll und nachhaltig beeinflussen könnte. Wenn ich mir aber ansehe, was über die Jahre aus meiner täglichen Arbeit wird, erscheint mir das doch schon ziemlich fraglich.

Mit dieser Skepsis sind Sie nicht alleine. Einer Umfrage von 2011 zufolge war jeder zweite deutsche Lehrer der Meinung, er könne die Entwicklung seiner Schüler kaum oder gar nicht beeinflussen. Nur 8 Prozent sehen sich als Menschenbildner. Das ist zunächst erstaunlich, gilt Schule doch als wichtiger Sozialisationsfaktor, bei Eltern wie Politikern. Aber die Selbstzweifel der Profis sind höchst verständlich. Ein Lehrer ist im Alltag einfach so dicht an den Schülern dran, dass er deren Entwicklung gar nicht so leicht einschätzen kann. Auch begegnen ihm Jahr für Jahr die gleichen Fehler, die gleiche Unlust, die gleichen Probleme – da liegt schnell der Eindruck nahe, er trete auf der Stelle.

Außerdem werden Anstöße von heute oft erst sichtbar oder wirksam, wenn die Schüler unseren Gesichtskreis verlassen haben. Und überhaupt ist schwer einzuschätzen, wie sich ein junger Mensch ohne unser Dazutun entwickelt hätte. Diese grundsätzliche Wirkungsunsicherheit des Lehrers  hat natürlich den Charakter einer self-fulfilling prophecy: Wer sich für einflussarm hält, der wird auch wenig überzeugend wirken.

Nun hat mancher Lehrer seinen Beruf vielleicht auch mit derart hohen Erwartungen angetreten, dass die Realität ihn zwangsläufig enttäuschen muss. Keiner wird aus einer durchschnittlichen Klasse einen Haufen Einsteins hervorzaubern, keiner wird seinen Schülern jede Lebenskrise ersparen können. Aber unterhalb dieser 100-Prozent-Marke ist vieles möglich. Das muss nicht immer so spektakulär sein, wie es bei Albert Camus verlaufen ist, den sein algerischer Lehrer aus der engen familiären und bildungsfernen Obhut für's Gymnasium abwarb – und dem der Nobelpreisträger später bescheinigte, "ohne Sie wäre nichts von alledem geschehen".

Aber auch heute kann mancher Rat wichtige Weichen stellen: Etwa an Eltern, ihren unruhigen Sprössling nicht vorschnell auf ADHS testen zu lassen. Vielleicht können Krankenakte und Ritalinrisiken dem Sohn erspart werden, wenn der Vater mehr Zeit mit ihm verbringt? Schülern mit allzu großem Rückstand kann ein Lehrer raten, ein Schuljahr zu wiederholen, auch wenn "Sitzenbleiben" heute als zu teuer gilt. Sich konkret und genauer einzelner "Problemfälle" anzunehmen, das scheint mir überhaupt das beste Gegenmittel gegen pädagogischen Fatalismus zu sein. Man hat dann, jenseits der stofflichen Routine, wieder eine Aufgabe – und kann sich in Sachen Einschätzungsvermögen und Feingefühl weiterentwickeln.

Indes zählt nicht nur das Emotionale, sondern auch das Methodische. Sicher, bei anderen Kollegen würden meine Schüler auch etwas lernen – aber bei mir vielleicht besser. Und eine bessere Mathenote heute, das heißt morgen ein bisschen mehr Selbstvertrauen. Dieser Erfolg begünstigt dann weitere, irgendwann fasst der Schüler vielleicht ein anspruchsvolleres Berufsziel ins Auge. In Entwicklungsfragen gilt bekanntlich der Matthäus-Effekt. Aber – und hier liegt ein wichtiger Quell pädagogischen Selbstzweifels – welche Unterrichtsform ist eigentlich die beste?

Dank der XXL-Metastudie visible learning von John Hattie wissen wir heute viel genauer und sicherer, was den fachlichen Lernerfolg wie beeinflusst. So lernen Schüler von führungsstarken Lehrpersonen mehr als von zurückhaltenden, von zugewandten und unterstützenden mehr als von kühlen und gleichgültigen. Klassenunterricht nach dem Prinzip Direct teaching etwa erzielt eine Effektstärke von 0,59, während individualisierende Lernformen nur 0,22 erreichten. 

Hervorzuheben – und keineswegs verwunderlich – ist, als wie einflussstark sich die pädagogische Beziehung, das Lehrer-Schüler-Verhältnis erwiesen hat. Je vielfältiger und geduldiger ich erklären kann, je mehr mich die Schüler interessiere und ich sie zu aktivieren vermag, je besser ich mich in ihre Schwierigkeiten hineinversetzen kann, ohne in meinen Erwartungen nachzugeben – umso eher vermag ich für mein Fach zu begeistern. So kann ich auch leistungsschwächere Lerner zu neuen geistigen Horizonten anregen.

Sollte man es nicht viel optimistischer sehen, das Handwerk der Schulmeisterei? Testkorrekturen, Unterrichtsstörungen, Formalkram - im schulischen Alltag mag die Wirkungstiefe von Lehrpersonen bisweilen verschwimmen. Tatsächlich aber sind sie nicht nur Ermöglicher neuer Einsichten, sie können auch Entzünder von Interessen sein, Leitplanke für Strauchelnde, Brückenbauer für Unsichere, Weichensteller an Scheidewegen - letztlich eben doch nichts Geringeres als Menschenbildner. Und es gibt nicht viele Berufe, die derlei von sich behaupten können.