ZEIT ONLINE: Herr Hurrelmann, Sie haben Jugendliche in den letzten Schuljahren für die Studie "Schule, und dann?", die an diesem Dienstag vorgestellt wird, nach ihren Traumberufen gefragt. Ältere Schüler besitzen Smartphones, bewegen sich selbstverständlich im Internet, aber kommen nicht auf die Idee, Programmierer zu werden. Die IT-Branche, die dringend Fachkräfte sucht, landet am Ende ihrer Wunschliste. Ist das Image des pickligen Nerds so unattraktiv – oder konnten die Schüler sich nichts unter dem Beruf vorstellen?

Klaus Hurrelmann: Sie haben ihn einfach nicht auf dem Radar. Vor allem die Schüler, die einen mittleren Abschluss anstreben, denken gar nicht daran, dass das ein attraktiver Beruf für sie sein könnte. Doch auch unter den Abiturienten könnten es deutlich mehr sein, die Informatik studieren wollen.

ZEIT ONLINE: Gerade ist eine internationale Studie erschienenen, in der stand, dass in deutschen Schulen Computer besonders selten genutzt werden. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Hurrelmann: Ja, den sehe ich. Die Kompetenzen der Schüler im Umgang mit Computern waren zwar immerhin mittelmäßig, aber die Studie hat auch festgestellt, dass diese Fähigkeiten wahrscheinlich nicht auf den Unterricht in der Schule zurückzuführen sind. Nur in einem Drittel der Schulen kann von einer systematischen Nutzung die Rede sein. Aber gerade von der Schule wünschen sich sowohl Eltern als auch Schüler mehr Hilfe bei der Suche nach dem passenden Beruf.

ZEIT ONLINE: Sollte neben Internetrecherche, Word- und Excel-Kenntnissen in der Schule auch Programmieren unterrichtet werden?

Hurrelmann: Ich persönlich fände das sehr wertvoll, um zu verstehen, wie Computer funktionieren – und festzustellen, ob ein Schüler für diese Art des Denkens ein Talent hat. Warum lernen Kinder nicht auch systematisch die Nutzung der Tastatur, also mit zehn Fingern zu tippen? Das sollte heute wie Lesen und Schreiben dazugehören.

ZEIT ONLINE: Immerhin noch 6 Prozent der Jungen finden den Beruf attraktiv. Mädchen nennen die IT-Branche fast gar nicht als Berufswunsch. Wollen sie immer noch Krankenschwester werden?

Hurrelmann: Ja, die traditionellen Bilder herrschen noch vor. Mädchen wünschen sich eine kommunikative Arbeit und eine am Menschen. Medizinische Berufe sind für sie am attraktivsten. Die Jungen wählen technische oder handwerkliche Berufe. Auch in anderen Zielen im Leben funktionieren die Rollenmuster leider noch: Mädchen legen mehr Wert auf Familie und eine gute Liebesbeziehung, die Jungs mehr auf Freunde und Spaß.

ZEIT ONLINE: Wirken denn Girls und Boys Days und Kampagnen, die um männliche Erzieher werben, nicht?

Hurrelmann: Grundsätzlich sehen wir zwar noch das gleiche Muster. Aber es gibt deutliche Fortschritte. Mädchen sind in Männerberufen nicht mehr tabuisiert. Ansätze wie der Girls Day haben eine Diskussion losgetreten, die auch in den Unternehmen angekommen ist. Diese haben inzwischen auch erkannt, dass Mädchen oft besser qualifiziert sind und werben um sie. Außerdem wollen laut den Shell-Studien 80 Prozent der Mädchen beides: einen erfüllenden Beruf und Familie. Während noch 60 Prozent der Jungen einem eher traditionellen Modell anhängen. Entsprechend schwierig ist es auch, Jungen beispielsweise für den Erzieherberuf zu begeistern.