Der Weg zum Computer ist weit am Hamburger Gymnasium Allee: Aus dem Hauptgebäude hinaus über den gepflasterten Hof; im Nebenhaus mehrere Treppen hinauf, bis sich endlich die Türe öffnet, an der "Informatik I" steht. Hier sitzen die Jugendlichen mit dem Rücken zum Lehrer und blicken auf die Bildschirme vor ihnen – es ist einer von drei Klassensätzen für insgesamt rund 800 Schüler.

Deutsche Schüler kennen sich nur mittelmäßig mit Computern aus, stellt die am Donnerstag erschienene Icil-Studie fest (International Computer Information and Literacy Study), eine Art Computer-Pisa. Erstmals wurde im internationalen Vergleich untersucht, wie gut Schüler mit Computern umgehen können. Achtklässler aus 21 Ländern nahmen daran teil. Sie mussten Aufgaben zur Recherche und zum Verständnis von Informationen lösen sowie zeigen, dass sie verschiedene Programme bedienen können. Das Ergebnis ist für Deutschland eher peinlich: Es liegt hinter der Tschechischen Republik und der Republik Korea. Und: Rund 30 Prozent der Schüler hierzulande haben nur rudimentäre PC-Kenntnisse, darunter sind vor allem Jugendliche aus sozial schwachen Familien.

Seither kocht die Diskussion: Stehen in unseren Schulen zu wenige PCs? Bräuchten wir Tablets auf den Tischen, am besten für jeden Schüler eines, damit alle in jeder Stunde sofort darauf zugreifen können? So sieht es jedenfalls in Dänemark aus, das immerhin den vierten Platz erreichte. Wäre den deutschen Schülern also geholfen, wenn sie nur mehr Geräte bekämen? 

Dass es auch anders geht, dafür steht ausgerechnet das schlecht ausgestattete Gymnasium Allee. Die Schule im Stadtteil Altona wird von der Stadt Hamburg getragen, für die Ausrüstung mit Computern hat sie zwar ein extra Budget bekommen – doch davon wurde das angeschafft, was nun da ist, mehr war nicht drin. Trotzdem zeigt ein Besuch in dem sandsteinfarbenen Jugendstil-Bau, wie viel Medienunterricht auch mit bescheidenen Mitteln möglich ist. Denn der Umgang mit Rechnern und Internet ist hier nicht auf ein paar Schulstunden Informatik beschränkt.

Im Kunstunterricht ist heute von terpentingeschwängerter Werksaal-Atmosphäre nichts zu spüren, das einzige Bild an der weißen Wand wird vom Beamer des Lehrers dorthin projiziert. Die Zwölftklässler im Computerraum klicken mit der Maus über virtuelle Gemälde. Wo sind die Pinsel und die Farben, wo die großen Zeichenblöcke? Die kämen durchaus auch zum Einsatz, sagt der Lehrer Michael Forkert, der in seiner schwarzen Lederjacke langsam durch die Reihen geht und hier und da über Schultern blickt. Aber gerade lernten seine Schüler Bildbearbeitungstechniken kennen.

Forkert ist Kunstlehrer und Medienbeauftragter seiner Schule – und als solcher mitverantwortlich für die Einbindung neuer Medien ins Curriculum. Früher hat er als Redakteur gearbeitet, Filme gedreht und Sequenzen geschnitten. Diese Affinität zur Technik hat er sich bewahrt.

Am Gymnasium Allee gibt es feste Pläne, in welchen Stunden was durchgenommen wird. Word passt natürlich in den Deutschunterricht. Präsentationen aber kann man auch in anderen Fächern brauchen, ebenso Internetrecherche.

Ein wichtiger Inhalt der Medienbildung, darüber sind sich Medienpädagogen einig, ist der Umgang mit Programmen zur Text- und Datenverarbeitung. Schüler sollen ohne Probleme Excel, Word und PowerPoint nutzen können, um dadurch fit für den Beruf zu werden. Wahrscheinlich sieht die Software in einigen Jahren zwar schon wieder völlig anders aus. Trotzdem ist es nützlich, dann nicht völlig von vorn anfangen zu müssen.

Gestritten wird derzeit darüber, ob sie auch Programmiersprachen lernen sollten, wie es Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel beim IT-Gipfel im September in Hamburg verlangte. Am Gymnasium Allee ist Informatik Wahlfach. Im Nebenraum übt gerade eine Klasse, eine Uhr zu programmieren. Wolf Rambatz, der sie darin unterrichtet, wird später im Lehrerzimmer sagen: "Das Entscheidende ist für mich, dass sie dabei als Menschen die ausführenden Maschinen zu beherrschen lernen." Fremdbestimmung durch die neuen Medien soll es am Gymnasium Allee nicht geben.

Computer sind nur Mittel zum Zweck

Das ist insgesamt ein entscheidendes Kriterium für den Einsatz von Computern im Unterricht: Sie können lediglich Mittel zum Zweck sein. Wie Tafeln, Bücher und Filme sind auch die neuen Medien schlicht Helfer bei der Vermittlung von Inhalten.

Dabei hat die Digitaltechnik dem Papier einiges voraus: Sie kann Sachverhalte veranschaulichen, die anderweitig schwer darstellbar sind. Für den Physikunterricht zum Beispiel gibt es Apps, die Versuche simulieren, die im Klassenzimmer zu gefährlich wären. Für Serious Games, pädagogisch wertvolle Computerspiele schlüpfen Schüler in fremde Rollen und erleben Geschichte oder ferne Länder; Lebenswelten werden ihnen nahegebracht, gleichzeitig müssen sie Aufgaben lösen. Effizienter lernen sie dadurch nicht unbedingt – keine Studie kann das belegen. Aber die neuen Medien sind ein weiterer Weg zum Wissen – gerade auch für Schüler, die mit Büchern vielleicht weniger anfangen können.

Michael Forkert nutzt im Kunstunterricht all diese Wege parallel. Später im Schuljahr wird sich seine Klasse mit Architektur beschäftigen. Dann sollen die Schüler Modelle erstellen – gezeichnet, aus Pappe und am PC. Während der Rechner beim Konstruieren helfe, sagt Forkert, führe ihnen die Handarbeit vor Augen, dass in der Wirklichkeit nicht alles so glatt aussieht wie in der Simulation auf dem Bildschirm. "Mir ist es wichtig, sie für den Unterschied zwischen Virtualität und Realität zu sensibilisieren. Auch das ist eine Erziehungsaufgabe in einer Welt, die von Technik durchdrungen ist."