In den vergangenen 15 Jahren ist in nahezu allen Bundesländern die ökonomische Bildung systematisch gestärkt worden, beispielsweise indem das Unterrichtsfach Politik zu Politik und Wirtschaft wurde. Trotzdem halten zahlreiche Wirtschaftsverbände und unternehmensnahe Stiftungen an der Forderung nach einem eigenständigen Unterrichtsfach Wirtschaft fest. Würde  das Fach, wie gewünscht, zweistündig und in jeder Jahrgangsstufe unterrichtet, entfielen auf ökonomische Inhalte  mehr Stunden als auf die etablierten Fächer Geschichte, Erdkunde und Politik. 

Angesichts eines durch Stundenzahlen begrenzten Fächerkanons kann ein neues Fach nur eingeführt werden, wenn andere Fächer gestrichen oder jedenfalls in der Stundentafel gekürzt werden. Welches Fach soll das sein? Sind ökonomische Kenntnisse tatsächlich bedeutsamer als mathematische, physikalische und grammatikalische Gesetzmäßigkeiten oder historische, geographische und politische Zusammenhänge? Bräuchten wir angesichts des Fachkräftemangels im Land der Ingenieure nicht eher ein Unterrichtsfach Technik? Wie ist es im Informationszeitalter um ein Fach Medienkunde bestellt? Und wie steht es um die stärkere Profilierung des Unterrichtsfachs Politik, wo wir doch seit drei Jahrzehnten eine massiv rückläufige Wahlbeteiligung diagnostizieren, die noch dazu unter Bildungsbenachteiligten besonders dramatisch ausfällt? Und zeigen uns Pegida und HoGeSa nicht die dringende Notwendigkeit, mit politischer Bildung gegen die sich breit machende Fremdenfeindlichkeit anzugehen?  

Manipulative Unterrichtsmaterialien

Jeannette Otto schrieb vor Kurzem in der ZEIT, dass "kaum ein politisches Lager – bis auf einige Gewerkschaftsvertreter, die vor einer zu großen Einflussnahme privater Unternehmen in den Schulen warnen – (…) sich derzeit einer Kampfansage gegen den ökonomischen Analphabetismus verweigern würde". Das stimmt nicht. Unzählige Eltern, Lehrer, Schüler, Kulturministeriale und Wissenschaftler fürchten, dass ein eigenständiges Unterrichtsfach Wirtschaft zum Fach der Wirtschaft werden könnte, in dem die Allgemeinbildung deren Interessen geopfert wird. Längst geschieht dies im Rahmen von Initiativen wie business@school, Geldlehrer e. V. und My Finance Coach, wenn Unternehmensvertreter den Unterricht gestalten. Inzwischen bieten 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen kostenlose Unterrichtsmaterialien an. Hinzu kommen ca. 250 Initiativen, die vorgeben, sich um die ökonomische Bildung verdient zu machen, tatsächlich aber nur mit ihr verdienen wollen. Weil in Zeiten klammer kommunaler Kassen die Schulbuchetats sinken und die Kopierkontingente gedeckelt werden, gelingt es den unternehmerischen Initiativen immer besser, die Schulen mit selektiven, tendenziösen und manipulativen Unterrichtsmaterialien zu speisen. 

In einem separaten Schulfach Wirtschaft droht die Kosten-Nutzen-Kalkulation, die alles Tun und Trachten – von der Aufnahme des Studiums bis hin zur Familiengründung – unter den ökonomischen Vorbehalt des Sich-rechnen-Müssens stellt, zum Fixpunkt ökonomischer Bildung zu werden. So soll nach dem Gutachten des Zentralverbands des deutschen Handwerks, das auch für das zum Herbst 2016 in Baden-Württemberg anlaufende Unterrichtsfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung stilgebend war, Effizienz den maßgeblichen Referenzpunkt ökonomischer Bildung darstellen. Aber sind im Jahr sieben nach der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise nicht in erster Linie Positionen gefragt, die Effizienz als maßgebliche Orientierungsgröße im freien Spiel der Marktkräfte infrage stellen? Soll Ökonomie tatsächlich unter Ausblendung kultureller, historischer, institutioneller und geographischer Eigenheiten einzelner Staaten und Regionen unterrichtet werden? Entscheidende Facetten des ökonomischen Systems, die seit Jahrhunderten zu Stabilisatoren der Sozial-, Steuer-, Finanz-, Umwelt- und Verkehrspolitik herangereift sind, bleiben mit einer ausschließlich wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung in einem Fach Wirtschaft unberücksichtigt.

Eine zunehmend vermarktlichte Gesellschaft prägt viele Lebensbereiche. Deshalb lassen sich Märkte in allgemeinbildender Absicht nur dann sachgerecht erschließen, wenn ökonomische, politische, soziologische und historische Erklärungsmuster ineinandergreifen. Neben die volkswirtschaftliche Lesart muss die sozialwissenschaftliche treten: Welche historischen Entwicklungslinien kennzeichnen Märkte? Welchen Ordnungsrahmen benötigen Märkte? Warum müssen Märkte als Arenen sozialen Handelns verstanden werden? Die ausschließlich wirtschaftswissenschaftliche Fundierung ökonomischer Bildung zeigt nur eine Perspektive. Schon John M. Keynes forderte, dass jeder Ökonom bis zu einem gewissen Grad auch Mathematiker, Historiker und Philosoph sein sollte. Derartige Brückenschläge zu benachbarten oder affinen Disziplinen sind in den bislang vorliegenden Konzepten für das Fach Wirtschaft jedoch nicht vorgesehen. Wenn Schüler gesellschaftliche Zusammenhänge aber ausschließlich mit der ökonomischen Brille betrachten, verlassen sie die Schule nicht ökonomisch gebildet, sondern ökonomistisch verbildet. Das können wir nicht ernstlich wollen.