Die Anschläge auf Charlie Hebdo waren gerade erst ein paar Tage her, als Fadl Speck wieder auf die Schüler der neunten Klasse einer Sekundarschule in Berlin-Neukölln traf. Jede Schulwoche seit zwei Jahren kommt der Moderator hier her. Er redet dort mit den Schülern über Politik und sonst auch alles, was sie bewegt und wofür sie sonst keinen Raum haben im Unterricht. Speck gehört zur Initiative Dialog macht Schule. An diesem Tag, erzählt er, waren die Jugendlichen richtig aufgewühlt, besonders die muslimischen. Kalifat und Mord – sie wollen damit nichts zu tun haben. Aber der erste Schüler, der sich meldete, sagte: "Das waren bestimmt keine Muslime." Eher der französische Staat. Oder doch der Front National?

Verschwörungstheorien gab es schon immer, sie sind beileibe keine muslimische Erfindung. Doch es ist auffällig, wie viele muslimische Jugendliche an sie glauben, als Antwort auf die Zumutungen und Unerklärlichkeiten der Welt. Nicht nur bei den Anschlägen von Paris, auch bei anderen Ereignissen: 11. September, IS-Terror, Irak-Krieg. Die jüngsten Attentate in Kopenhagen werden auch schon umgedeutet. In einschlägigen Internetforen heißt es, der israelische Geheimdienst Mossad habe sie begangen. Ein Muslim könne es nicht gewesen sein.

Dialog macht Schule versucht, dagegen und gegen extremistische Ideen anzugehen. Viele Lehrer haben weder genug Zeit, noch sind sie bereit, sich auf Diskussionen über Verschwörungstheorien einzulassen. Sie weisen zurecht, anstatt zu diskutieren. Neulich hat ein Neuntklässler dem Moderator Speck erzählt, wie ein Lehrer nur kategorisch erklärte: Wer nicht an unsere freiheitlich-rechtliche Grundordnung glaubt, wird gleich ins Flugzeug gesetzt und in sein Heimatland geschickt. Keine Antwort also, sondern eine Drohung.

Speck und die anderen haben mehr Zeit als die Lehrer und den Vorteil, dass sie selbst jung sind und einen migrantischen Hintergrund haben. Er sagt: "Viele der Jugendlichen sind eigentlich extrem wissbegierig. Zwar ist es manchmal krude, woran sie glauben, aber eigentlich saugen sie einfach alle Informationen auf, die sie kriegen können." Sie suchen schlüssige Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Ereignisse – und Verschwörungstheorien sind der einfachste und kürzeste Weg dahin.

Die Regeln sind gut – aber nur wir sollen uns dran halten

Der 11. September zum Beispiel bewege die 14- bis 15-Jährigen ganz anders als die Erwachsenen, die ihn bewusst erlebt haben, sagt Speck. Viele sind schon mit der Idee aufgewachsen, dass die Amerikaner selbst die Anschläge verübt hätten. Manche glauben auch, dass der IS von den Amerikanern mit Waffen beliefert wird. Oder dass Saddam Hussein in Wirklichkeit noch lebt und mit den Amerikanern zusammenarbeitet. Amerikaner sind ihnen die liebsten Täter – wenn man dieselben Jugendlichen aber fragt, wohin sie gerne einmal reisen würden, nennen sie auch Amerika, erzählt Speck.

Diesen anscheinenden Widerspruch erklärt Siamak Ahmadi, einer der Gründer von Dialog macht Schule, so: Die meisten Jugendlichen seien verwurzelt in der westlichen Gesellschaft, fänden amerikanische Serien cool, Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit wichtig – aber haben nicht das Gefühl, dass sie für alle gleichermaßen gelten. Sie erleben zum einen selbst Diskriminierungen und Islamophobie, zum anderen solidarisieren sie sich mit jenen Muslimen in Syrien, im Irak oder Palästina, die noch viel weniger frei oder gerecht leben können.

Ahmadi sagt: "Sie hören vom NSA-Abhörskandal und von den Lügen um den Irak-Krieg – aber niemand von denen wird zur Rechenschaft gezogen." Daraus leiten sie ab, dass es Regeln gibt, die die einen einhalten müssen, andere aber nicht. "Viele Informationen holen die Jugendlichen sich über YouTube. Und sie glauben an das, was veröffentlicht ist, sagt Speck – egal ob in einer Zeitung, im Fernsehen oder eben auf YouTube. Der große Bruder hat sie darauf gebracht oder auch die Eltern. Manchmal antworten sie nur, wenn man sie fragt, woher sie das haben: "Das weiß doch jeder."

Verschwörungstheorien sind allerdings nicht neuerdings im Internet entstanden – und schon gar keine muslimische Erfindung. Rechtsradikale, Linksradikale, Islamisten und Islamophobe – extreme Strömungen lieben sie. Jan-Willem von Prooijen von der Universität Amsterdam hat gerade mehrere Studien veröffentlicht, die belegen, dass Menschen in Verschwörungstheorien eine simple Ordnung für eine zu komplizierte Welt finden. Sie neigen dazu, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Ihre eigene Gruppe können sie damit uneingeschränkt auf der guten Seite verorten. Es entlastet davon, Verantwortung zu übernehmen für Fehler oder Verbrechen, die von Angehörigen der Gruppe begangen werden, zu der man sich auch zugehörig fühlt. Das erklärt den "Das waren bestimmt keine Muslime"-Satz in der Klasse von Moderator Speck.

"Verschwörungstheorien bieten wie Ideologien Identität", sagt Nils Böckler von der Universität Bielefeld. Er forscht zum Phänomen des "Lone Wolf Terrorismus", der Gewalt radikalisierter Einzelgänger also. Dazu wertet er auch systematisch Kommentare in Internetforen aus.