Freitagnachmittag. Die Bücherei der Hildesheimer Grundschule ist klein, der blaue Teppich verblasst. Zweimal die Woche trifft sich hier eine Lerngruppe, die aus nur drei Jungs besteht. Der neunjähriger Omer liest vor und springt dabei mit seinem Finger von Wort zu Wort. Bei "Stockholm" bleibt der Finger hängen. Omers Stirn legt sich in Falten. Mehmet schaut derweil gedankenverloren zur anderen Seite und Evin nestelt an seiner Federmappe. "Das ist die Hauptstadt von Schweden", sagt Lehramtsstudentin Madeleine Mäbert. Omer nickt und liest weiter in der Geschichte über die Lehrerin Frida Akerblom und ihren Haustroll.  

Anderthalb Stunden lang übt die Lehramtsstudentin mit den Jungs Lesen, Grammatik oder Texte schreiben. Bei den Hausaufgaben hilft sie selten, auch für Klassenarbeiten wird hier nicht gelernt. Die Kinder sollen in der Gruppe vor allem besser Deutsch und konzentriertes Arbeiten lernen.

Organisiert wird die wöchentliche Förderung durch das 2006 gegründete Projekt LernKU(H)LT. Das Konzept: Hildesheimer Lehramtsstudierende begleiten derzeit 69 Kinder und Jugendliche größtenteils mit Migrationshintergrund über mehrere Monate und füllen ihre Wissenslücken in Deutsch oder Mathe. Das Geld dafür kommt von lokalen Stiftungen. Ein Hildesheimer Asylhilfe-Verein stellt den Kontakt zu den Familien her.   

Laut der Uni Hildesheim verbessern 80 Prozent der Förderschüler ihre Noten und beteiligen sich mehr am Unterricht. Auch für die Studierenden sei das Projekt ein Gewinn, sagt Projektleiterin Michaela Büdcher. Sie bekommen Vorbereitungskurse zum Thema Förderunterricht und Deutsch als Zweitsprache. Regelmäßig gibt es Hospitationen und Feedbackgespräche. "Gerade im Hinblick auf Mehrsprachigkeit und Vielfalt im Klassenzimmer ist die Arbeit eine gute Vorbereitung auf den späteren Schulalltag", sagt sie. Inzwischen stammt jedes dritte Kind unter fünf Jahren aus einer Einwandererfamilie.

"Ich habe Geduld und Bescheidenheit gelernt"

Evin, Omer und Mehmet sind in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen aus dem Nahen Osten, Bulgarien und der Türkei. Alle drei gelten als schwache Schüler, haben sprachliche Defizite und können sich schlecht konzentrieren. Im Klassenzimmer gehen sie oft unter, die Lehrer haben im Schulalltag kaum Zeit für sie. Deshalb lernen die drei Jungs hier die Unterschiede von Lauten, Buchstaben und Silben oder Groß- und Kleinschreibung. Eigentlich Stoff der zweiten Klasse.

"Ich habe hier wirklich Geduld und Bescheidenheit gelernt", sagt Mäbert. Wenn ein unruhiges Kind wie Evin für wenige Minuten seinem Mitschüler beim Lesen zuhört, wenn Omer alle Hausaufgaben macht, wenn Mehmet sagt, er komme gerne – das sind die kleinen Fortschritte, über die sie sich freut.