Wenn es um das Interesse an Mathematik geht und um das Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten, ist das Geschlechtergefälle in Deutschland größer als in vielen anderen Ländern. Das ist das Ergebnis einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Demnach stimmen deutlich mehr Mädchen als Jungen der Aussage zu, sie seien "einfach nicht gut in Mathe" – und das auch, wenn ihre Leistungen in dem Bereich genauso gut sind wie die ihrer männlichen Altersgenossen. Nach Einschätzung der Wissenschaftler ist es diese von Ängsten und Skepsis geprägte Haltung vieler Mädchen gegenüber mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Feldern, die spätere Karrieren in entsprechenden Berufen oft verhindert. So kann sich laut Studie im OECD-Schnitt nur eines von 20 Mädchen vorstellen, später in diesen Branchen zu arbeiten. Bei den Jungen sind es vier von 20, obwohl ihre Leistungen in den entsprechenden Schulfächern laut Pisa-Studie ähnlich sind wie bei den weiblichen Gleichaltrigen.

Dies sei problematisch, weil es Berufe in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) sind, "die zu den bestbezahlten Karrieren führen". In Deutschland ist der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen besonders groß, was auch daran liegen könnte, dass gerade die gut entlohnten MINT-Berufe fast nur von Männern ausgeübt werden.

Schon die Pisa-Studie 2012 hatte einen erheblichen Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen in Fach Mathematik gemessen. Damals lagen die Jungen im Schnitt 14 Punkte vor den Mädchen, wobei 40 Punkte dem Schulstoff eines Jahres entsprachen. Auch die Pisa-Forscher hatten damals darauf hingewiesen, wie wenig Mädchen auf ihre eigenen mathematischen Leistungen vertrauen.

"Wir dürfen nicht aufhören, unsere Kinder dazu zu motivieren, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen", sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Weil in einigen asiatischen Ländern Mädchen auch in mathematischen Fächern genauso gut oder besser abschneiden wie Jungen, kommen die OECD-Forscher zu dem Schluss: "Die Geschlechterdifferenzen begründen sich also nicht durch angeborenes (Un)vermögen, sondern vielmehr durch eine erworbene Haltung gegenüber der Materie, der Schule, beziehungsweise dem Lernen allgemein." 

Insbesondere die Eltern würden dazu beitragen, dass sich das Interesse an Mathematik und Technik bei Mädchen und Jungen unterschiedlich auspräge. So könnte sich beispielsweise in Chile, Ungarn und Portugal etwa die Hälfte vorstellen, dass ihr Sohn später einen entsprechenden Beruf ergreifen wird. Bei in diesen Fächern gleich leistungsstarken Töchtern glauben das nur 20 Prozent der Eltern.