Die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen haben Probleme mit ihrer Handschrift. Sie schreiben nicht flüssig und unleserlich. Das ergab eine Onlineumfrage unter 2.000 Lehrern, die der Deutsche Lehrerverband gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut Heroldsberg durchgeführt hat. Mehr als die Hälfte der Lehrer an weiterführenden Schulen beobachten außerdem, dass Schüler leiden: Nicht mal 40 Prozent könnten eine halbe Stunde lang ohne Beschwerden schreiben.

Sollten Schüler also stattdessen gleich am Computer schreiben? Weil das unserer Lebenswirklichkeit mehr entspricht und bisher in der Schule vernachlässigt wird? Der Pisa-Sieger Finnland hat genau deshalb die Schreibschrift abgeschafft. Vor allem in den weiterführenden Schulen interessiert sich die Mehrheit der Jugendlichen (69 Prozent) laut ihrer Lehrer auch hierzulande nicht mehr für das handschriftliche Schreiben. Sie tippen lieber an Computern oder Smartphones. Eine separat gelernte traditionelle Schreibschrift ist aus ihrer Sicht wahrscheinlich nicht mehr nötig. 

Oder ist das Quatsch? Sollen Schulen sich dem Abschied von der traditionellen Schreibschrift widersetzen, wie es die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Brunhild Kurth am Mittwoch forderte? Gerade diese traditionelle Schreibschrift ist ein heikles Thema, das ähnlich gegensetzliche Emotionen hervorruft wie das Impfen oder der Bau von Moscheen. Irgendwie scheinen Kinder oder zumindest die abendländische Kultur in existenzieller Gefahr zu sein, wenn sie nicht mehr mit Schnörkeln und Schlaufen schreiben.

Schreiben und lesen gemeinsam lernen

Die meisten Erwachsenen haben früher erst schreiben, dann lesen gelernt. Am Schulanfang haben sie seitenweise As mit Rundungen und Serifen geschrieben, dann die Bs und immer so weiter. Danach kamen erst die Druckbuchstaben dran. Heute lernen Kinder in Deutschland gleichzeitig lesen und schreiben – und zwar mit Druckbuchstaben. Dann erst üben sie eine zweite Schrift, die Schreibschrift: Zur Auswahl gibt es an manchen Schulen die lateinische Ausgangsschrift aus den 1950er Jahren mit vielen Schnörkeln und Schlaufen, die vereinfachte Ausgangsschrift (seit den 1970er Jahren üblich in Westdeutschland) und die Schulausgangsschrift (in Ostdeutschland) – die beiden Letzteren haben schon deutlich weniger Schnörkel. Als dritten Schritt sollen sie ihre eigene Handschrift entwickeln, die sich dann wieder lösen darf von den Ausgangsschriften. 

Viele Schüler, die die Schreibschrift als zweite Schrift gelernt haben, kehren danach zu den Druckbuchstaben zurück. Auch Erwachsene, die als Kind die lateinische Ausgangsschrift gelernt haben, setzen beim Schreiben deutlich häufiger den Stift ab, als es die verbundene Schreibschrift verlangt und haben in ihrer persönlichen Schrift viele schnörkelige Buchstaben durch schlichte Druckbuchstaben ersetzt. An vielen Schulen müssen die Schreibschriften inzwischen deshalb gar nicht mehr gelernt werden. Die lateinische, vereinfachte oder Schulausgangsschrift wird hier durch eine sogenannte Grundschrift ersetzt. Die Grundschrift besteht konsequenterweise nur noch aus Druckbuchstaben, die untereinander mit Strichen und Schwüngen verbunden werden können. Die Schüler lernen also nur noch die Druckbuchstaben, werden aber ermutigt, sie zu einer individuellen Handschrift zu verbinden.