Die Schulfrage: Wie geht man eigentlich damit um, wenn Lehrer die tagtägliche Mitarbeit im Unterricht gering schätzen? Unsere Tochter besucht eine 9. Klasse, ihre Leistungen sind durchschnittlich bis gut, gelegentlich gibt's mal hie und da eine Vier. In Erdkunde allerdings, ihrem Lieblingsfach, fühlt sie sich ungerecht beurteilt. Sie meldet sich häufig, der Lehrer attestiert ihren Beiträgen auch Niveau, außerdem wurden zwei Tests mit "Eins" und "Zwei" benotet – aber auf dem Zeugnis stand eine Drei. Als Grund erfuhren wir: einmal die Hausaufgaben vergessen, einmal eine Gruppenarbeit schlecht. Kann es sein, dass die schulische Notengebung zu sehr auf das Erfassen von Defiziten ausgerichtet ist?

Zunächst einmal: Elternhaus und Schule, das sind zwei Welten. Mutter und Vater kennen ihr Kind in einem meist sehr konstanten Beziehungsraum, und sie lieben es (im Idealfall) bedingungslos, ob seiner selbst. Die Lehrer hingegen beobachten es in einem ungewohnten Bewährungsrahmen, und sie müssen (bei aller generellen Wertschätzung) seine Leistungsfähigkeit im Vergleich zu Gleichaltrigen beurteilen.

Das führt nicht selten zu Phänomenen der Diskrepanz (Mutter: "Das würde mein Sohn nie machen!", Lehrer: "Das überrascht mich, dass ihre Tochter zu Hause…") und der Enttäuschung (Vater: "Sie verkennen mein Kind!", Lehrerin: "Die Eltern unterschätzen meine Bemühungen!"). Die Kinder selbst gehören zu beiden Welten beziehungsweise pendeln zwischen diesen – sie verhalten sich hier so und erzählen dort jenes.

Deshalb ist die viel beschworene Erziehungspartnerschaft von Eltern und Lehrern ein so heikles Unterfangen, führt geringe Sensibilität schnell zu viel Verdruss, ist mit lautem Fordern wenig getan. Nicht nur der andere kann sich irren oder etwas übersehen, sondern auch man selbst. Bei komplexer Interessenlage tut man gut daran, in der Beziehung Balance zu halten und dem Gegenüber zu ermöglichen, sein Gesicht zu wahren.

Nun zum Thema Notengebung: Die Beurteilung der "sonstigen Mitarbeit" (also aller Leistungen außerhalb schriftlicher Tests) ist tatsächlich nicht einfach. Wie gut sich Schüler am Unterricht beteiligen (quantitativ wie qualitativ), wie intensiv sie sich bei Hausaufgaben oder in schulischen Lernzeiten engagieren – dies alles bei bis zu 300 Lernenden gerecht zu beurteilen, grenzt an eine Herkules-Aufgabe, erst recht, wenn der Lehrer sie nur einmal pro Woche sieht. In Ihrem Fall scheinen die beiden Minderleistungen die Würdigung der ansonsten guten Aufmerksamkeit und Beteiligung verdrängt zu haben.

Jetzt zum konkreten Vorgehen in Zweifelsfällen. Als Erstes sollten unzufriedene oder verunsicherte Eltern immer das direkte Gespräch mit dem Lehrer suchen: ohne Vorwurf die Lage schildern, um Aufklärung ersuchen, Wünsche äußern.  Schon die persönliche Schilderung wird die Aufmerksamkeit des Lehrers für diesen "Fall" (Er hat ja viele!) steigern, etwaige Irrtümer wird er vielleicht am ehesten (wie die meisten Menschen) ohne großes Aufheben korrigieren wollen. Weiterhin könnte man auch erkunden, welchen Eindruck andere Eltern der Klasse vom Benotungsmodus der verschiedenen Lehrer haben. Vielleicht sollte auch ein Elternabend (oder eine Versammlung der Schulelternschaft) über Grundsätze zur Leistungsbewertung debattieren beziehungsweise diese klären.

Nicht immer aber lässt sich das schulische Vorgehen mit den elterlichen Vorstellungen übereinbringen. In diesem Fall tut man seinem Kind den größten Gefallen so: Man verhilft ihm dazu, die objektiv nicht beglückende Lage als persönliches Reifungsstück aufzufassen. Weise Eltern solidarisieren sich mit seinem Enttäuschungsgefühl – und erklären ihm gleichzeitig die Sicht des Lehrers, ohne Abwertung. Schließlich ist es ein wichtiger Aspekt von Lebenstüchtigkeit, sich nicht von ungünstigen Umständen abhängig zu machen – und etwa nur wegen einer missliebigen Note die Lust an der tollen Sache zu verlieren. Als Notlösung sei auch noch (sofern entsprechende Belege vorliegen) der juristische Widerspruch erwähnt – ein allerdings zweischneidiges Schwert: Die Belastung des Klimas zwischen allen Beteiligten überwiegt meist den Gewinn.