Seit Wochen sorgt die geplante Schulreform der französischen Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem für heftige Debatten in der französischen Gesellschaft. Die französische Mittelschule von der 6. bis zur 9. Klasse, das Collège,  soll ab Herbst 2016 fächerübergreifend umorganisiert werden. Die Ministerin will das im Durchschnitt besorgniserregend schlechte Niveau der französischen Schüler anheben und das elitäre System aufbrechen, das Kinder aus der Unterschicht benachteiligt. Gegen die Reform protestieren jedoch Intellektuelle und Lehrer. Mehrere Lehrergewerkschaften und Lehrerverbände haben zu einer nationalen Demonstration am Dienstag, den 19. Mai aufgerufen.

Tatsächlich zeigt sich in den Pisa-Studien, dass sich das Niveau der französischen 15-Jährigen seit dem Jahr 2000 sowohl im Leseverständnis als auch in der Mathematik verschlechtert hat. Am Sonntag veröffentlichte das Bildungsministerium eine weitere Studie, die alle sechs Jahre die Mathematikkenntnisse der Mittelstufenschüler auswertet. Geprüft wurden im ganzen Land 8.000 Schüler aus den 9. Klassen. Fazit: Zwanzig Prozent waren nicht in der Lage, eine einfache Aufgabe für Fünftklässler zu lösen. Auch diese Studie belegt, dass Schüler aus der Unterschicht oder mit Migrationshintergrund, meist aus Afrika und Nordafrika, wesentlich schlechter abschneiden als Kinder des Bildungsbürgertums. Keine andere Schule in Europa sei von so großen Ungleichheiten geprägt wie die französische, sagte neulich Premier Manuel Valls. Die Schule fördere das Scheitern sowie die soziale Ausgrenzung der Kinder aus bildungsfernen Familien, statt sie dagegen zu schützen.

Ein schwieriger Spagat. Wie kann man eine Reform in Gang setzen, die schwache Schüler fördert, ohne die guten Schüler zu benachteiligen und dazu noch die soziale Durchmischung der Klassen einigermaßen aufrechterhalten? Der Deutschunterricht ist ein gutes Beispiel, wie widersprüchlich und ideologisch überfrachtet die Debatten um die Reformprojekte bislang geführt werden – weshalb auch die Deutschlehrer seit mehr als einem Monat an der Spitze der Protestbewegung stehen.

Neben Altgriechisch und Latein gilt der Deutschunterricht vielen linken Politikern als Beleg, dass das Bildungssystem in Frankreich zu elitär sei. Denn Deutsch wird eher von bildungsbürgerlichen Eltern gewählt, die sich für ihre Kinder eine gute Schullaufbahn versprechen. 

Heute lernen gut 15 Prozent der Mittelstufenschüler Deutsch. Die Zahl stabilisierte sich erst mit der Einführung der sogenannten classes bilangues im Jahr 2002. In den neunziger Jahren hingegen hatte das Fach, vor allem zu Gunsten des Spanischen, kontinuierlich an Anziehungskraft verloren. Diese bilingualen Klassen bieten den Schülern die Möglichkeit, ab der 6. Klasse neben dem Englischen (das wie in Deutschland spätestens ab der 3. Klasse gelehrt wird) eine zweite Fremdsprache zu erlernen. Dabei werden nicht etwa Fächer zweisprachig unterrichtet, sondern Englisch und Deutsch parallel mit jeweils drei Stunden pro Woche angeboten. Andere Kombinationen, wie zum Beispiel Englisch-Spanisch oder Englisch-Italienisch sind auch möglich. Die classes bilangues gibt es allerdings nur für diejenigen, die es freiwillig wählen. Alle anderen lernen erst in der 8. Klasse eine zweite Sprache.

Deutsch lernen – ein Gewinn für die Schüler

Verschiedene Studien des Bildungsministeriums haben festgestellt, dass dieses Angebot für die Teilnehmer ein Gewinn ist. Die Schüler sind besonders motiviert, später noch eine dritte Sprache zu lernen. Ihre Noten sind fächerübergreifend besser als der Durchschnitt. Sie ziehen das Niveau ihrer gesamten Schulklasse nach oben.

Darüber hinaus ermöglichen sie eine bessere soziale Durchmischung in benachteiligen Stadtvierteln, da bildungsnahe Familien seltener aus einem Viertel mit einer problematischen Mittelschule wegziehen, wenn dort die classes bilangues angeboten werden. Mit der Ausnahme von Paris, wo die Klassen überfüllt sind, gibt es kein Auswahlverfahren. Wer will, darf das Angebot nutzen – theoretisch also auch die Kinder aus Migrantenfamilien. 

In den Augen der Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem sind die classes bilangues trotzdem ein Auslaufmodell, weil sie lediglich 15 Prozent der Schüler vorbehalten bleiben, die in der Regel aus privilegierten Familien kommen. Außerdem ist das Angebot teuer. Ihre Reform will nun stattdessen die zweite Fremdsprache ab der 7. Klasse für alle Schüler einführen – ein Jahr später und mit lediglich 2,5 Stunden pro Woche. Insgesamt hätten die Schüler dann in der vierjährigen Mittelschule wesentlich weniger Stunden Deutschunterricht.