Valentin* war elf, als er mit seinen Eltern zum Aufnahmegespräch in unsere therapeutische Wohngruppe kam. In der Grundschule kam er gut zurecht, obwohl er manchmal "ausflippte", wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Er mochte die Lehrerin. In der Realschule verstand er sich mit seiner Klassenlehrerin nicht. Schon bevor er mit einem Stock auf sie losging, kam es zu Auseinandersetzungen. Nun fühlte sie sich bedroht. Valentin wurde als unbeschulbar eingestuft.

Schulen reagieren sehr unterschiedlich auf sozial schwierige Kinder. Die Lehrkraft entscheidet, ob sie für ein und dasselbe Verhalten eine Ermahnung oder einen Verweis erteilt. Hat ein Schüler eine gewisse Anzahl formaler Sanktionen erhalten, kann das zum Schulausschluss führen. Wie lange Schulen ein Kind behalten, hängt auch davon ab, ob sie sich Unterstützung holen. Bisweilen wissen die Verantwortlichen gar nicht, welche Hilfen ihnen von den Jugendämtern und Fachkräften zustehen.

Wegen dieser Regellosigkeit ist es für Eltern schwierig, gegen einen Schulverweis vorzugehen. Valentin galt als aggressiv, unberechenbar und gewalttätig. Seine Eltern, beide Akademiker, erhofften sich Hilfe von der Kinder- und Jugendpsychiatrie, da Valentin mit dieser Vorgeschichte keine andere reguläre Schule mehr aufnehmen wollte. Der Psychiater diagnostizierte eine Störung des Sozialverhaltens und empfahl eine stationäre Unterbringung in einer therapeutischen Wohngruppe.

Valentin landete auf Empfehlung des Jugendamtes in unserer Einrichtung, der Evangelischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Würzburg. Beim ersten Gespräch war klar, dass er gut erzogen war. Auf Fragen antwortete er höflich. Bald begann er zu weinen. Auch den Eltern standen Tränen in den Augen. Heimerziehung: Worst Case.

Es ist manchmal gerechtfertigt, Kinder aufgrund von Schulschwierigkeiten aus der Familie zu nehmen. Dann, wenn sie ein Symptom dafür sind, dass innerhalb der Familie etwas massiv schiefläuft und ambulante Maßnahmen nicht mehr greifen. Zum Beispiel, wenn Eltern psychisch krank oder in der Erziehung ihrer Kinder grundlegend überfordert sind. Das traf bei Valentin jedoch nicht zu. Heftige Gefühle wie Wut, Ärger und Trauer zu regulieren, lernen Kinder in der Regel im Alter zwischen fünf und sieben Jahren. Manche lernen es früher, andere wie Valentin jedoch erst später. Manchen fällt es auch noch als Erwachsene schwer.

Die Verantwortung wird an die Eltern delegiert

Ist es also sinnvoll, Kinder im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren, manchmal auch noch jünger, allein deshalb aus der Familie zu reißen, weil keine Schule sie mehr aufnimmt? Die Schulen können im bestehenden System die Verantwortung tatsächlich nicht übernehmen: Ein Lehrer, der alleine dafür sorgen soll, dass alle etwa 25 Kinder genug lernen, ist schon mit einem Kind überfordert, das aggressiv, gewalttätig oder völlig in sich zurückgezogen ist. Er kann sich entweder nur diesem Kind widmen oder all den anderen.

Die Verantwortung wird aber einfach an die Eltern delegiert, wenn ihre Kinder aus dem Schulsystem fallen. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder der Schulpflicht nachkommen, sonst werden sie mit einem Bußgeld belegt. Deshalb werden immer mehr Kinder in Heimen aufgenommen.