Kinder fühlen sich in vielen Ländern der Welt wohl – das behauptet zumindest die Studie Children's World, die Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren aus 15 Ländern nach ihrer Zufriedenheit befragt hat. Am höchsten ist das subjektive Wohlbefinden ausgerechnet in Rumänien, Kolumbien und in der Türkei. Deutschland nimmt im internationalen Vergleich die neunte Stelle ein, nach Ländern wie Israel, Algerien und Estland. Der von der Jacobs Stiftung veröffentliche Bericht sei jedoch keine Analyse, sagt der rumänische Forscher Sergiu Bălțătescu, der sich an der Studie beteiligt hat, sondern eine beschreibende Statistik, deren Daten noch interpretiert werden müssten.

 

Rumänien rangiert auf dem ersten Platz mit 9.5 Punkten auf einer Skala von eins bis 10, Deutschland ist aber mit 8.8 Punkten nicht weit entfernt. George Roman von der Organisation Rettet die Kinder in Rumänien erklärt: "Wenn Kinder geliebt werden und im Dialog mit den Erwachsenen sind, werden die Antworten der Kinder überall ähnlich sein." Kinder seien erst dann unglücklich, wenn die Beziehung zwischen ihnen und ihren Eltern gestört ist, wenn sie gar mit verbaler oder physischer Gewalt und in Unsicherheit leben müssen. "Wie viel sie besitzen, ist nicht so wichtig", sagt Roman. Das interessanteste Spielzeug der Kinder seien die Eltern.

Das bestätigt die Studie: Fast ein Drittel der Kinder in Rumänien wächst in Armut auf. Das Wohlbefinden resultiere eher aus den Erwartungen, die Kinder haben – und ob sie erfüllt werden, sagt der Anthropologe Vintilă Mihăilescu. Mehr als die Hälfte der rumänischen Kinder lebt auf dem Land, wo sie sich nicht mit besonders wohlhabenden Kindern vergleichen und dementsprechend nicht viel erwarten.

Das mangelhafte Bildungswesen in Rumänien

Interessant ist, dass laut Studie mehr als 50 Prozent der rumänischen Kinder gerne in die Schule gehen. Nur ein Fünftel der deutschen Kinder sagt dasselbe. Aber: "Die Antwort der Kinder auf diese Frage könnte in einem größerem Maß das wiederspiegeln, was ihnen von den Erwachsenen gesagt wurde, und nicht, was sie in der Schule wirklich fühlen", erklärt Mihăilescu. Auch die Psychologin Maria Bolocan argumentiert, dass rumänische Kinder nicht daran gewöhnt seien, Fragebögen auszufüllen. Ihre Gefühle zu analysieren, hätten sie nicht geübt. Die Psychologin glaubt: "Vielleicht haben sie die Schule positiv bewertet, damit sie die Lehrer nicht enttäuschen."

Ein Paradox, meint Bălțătescu: Da rumänische Kinder nicht daran gewöhnt seien, ihre Lebensbedingungen und ihr Schulsystem zu hinterfragen, würde die rumänische Schule besser abschneiden als die Schulsysteme, in denen kritische Geister erzogen würden. "Man kann es so interpretieren – je anspruchsvoller das Bildungssystem für das Kind ist, desto größer die Neigung, die Schule nicht zu mögen." Das heiße aber nicht, dass ihr Wohlbefinden niedriger sei, das heiße nur, dass sie kritischer denken.

George Roman von der Organisation Rettet die Kindersieht wie Bălțătescu die Mängel des rumänischen Schulsystems: Die Schüler würden nicht mit herausfordernden und interessanten Inhalten gelockt wie beispielsweise in den skandinavischen Ländern, denn die Lehrer seien oft sehr schlecht ausgebildet. Die Pisa-Ergebnisse aus dem Jahre 2012 zeigen, dass die Leistung der Jugendlichen in Rumänien in Mathe, Lesen und Wissenschaft unter dem OECD-Durchschnitt liegen.

Auch der ehemalige rumänische Bildungsminister Mircea Miclea hat kürzlich beklagt, dass Kinder in der Grundschule wenig effizient lernen und dass der Schulerfolg im ländlichen und städtischen Raum weit auseinanderklaffe und immer größer werde. Die Kinder könnten ihre Kenntnisse außerdem schlecht anwenden.

Die Schule in Deutschland – ein Stressfaktor

Trotzdem gibt es natürlich auch Erklärungsversuche, warum die deutschen Schüler die Schule so kritisch sehen. Die deutsche Pädagogin und Professorin Sabine Andersen von der Goethe Universität Frankfurt am Main glaubt, die Schule sei in Deutschland nicht immer ein Ort, an dem Kinder sich anerkannt und wertgeschätzt fühlen. Wenn sie mehr Mitspracherecht hätten, würde das Wohlfinden schnell ansteigen. Die befragten Kinder könnten auch besonders gestresst sein, "weil sie in dem Alter zwischen 10 und 12 entweder den Übergang in die weiterführende Schule gerade vor oder hinter sich haben", sagt sie.

Wer begrenzte Möglichkeiten hat, wird zukünftig unglücklich

Die Probleme in Rumänien sind jedoch tiefgreifender. Auch wenn das Kind zufrieden aufwachse, werde es eine begrenzte Zukunft haben, wenn es keinen Zugang zu guter Bildung und zu Technologie habe, sagt Roman: "Das glückliche Kind von heute ist nicht unbedingt der glückliche Erwachsene von morgen."

Das bestätigt auch die Befragung: Das Wohlbefinden der Kinder sinkt zwar in allen Ländern, je älter sie werden. Aber in Rumänien ist der Rückgang so stark, dass die rumänischen Erwachsenen zu den am wenigsten zufrieden Europäern gehören. Verständlich findet das die Psychologin Maria Iordănescu: "Je älter die Kinder werden, desto mehr lassen Einfluss und Schutz der Eltern nach, und die Jugendlichen sehen die Risse in der Welt, in der sie leben": ein Bildungssystem, das sie für den Arbeitsmarkt nicht vorbereitet, korrupte und unfähige politische und kulturelle Vorbilder, zu wenige Arbeitsplätze. Ein Jugendlicher, der erfahre, dass er immerzu improvisieren müsse, um zu überleben – der könne nur ein trauriger Erwachsener werden.