Amélie* ist zehn Jahre alt, hat autistische Züge und motorische Störungen. Außerdem gilt sie als lernbehindert. In der Schule äußert sich das allerdings ganz unterschiedlich, je nach Fach. "In Deutsch kommt sie gut mit", sagt Anne Walter*, ihre Mutter. Sie habe schnell lesen gelernt und bearbeitet ihre Aufgaben in einem digitalen Buch, denn mit einem Stift könne sie nicht schreiben. Aber Mathe sei eine Katastrophe. Alles Abstrakte verstehe sie kaum.

Amélie geht in die vierte Klasse einer regulären Grundschule im Norden Deutschlands. Ihre Eltern glauben an das Konzept der Inklusion, das die Schule verspricht: Alle Kinder lernen gemeinsam, jedes nach seinem Tempo. Doch von der Praxis sind Anne Walter und ihr Mann enttäuscht.

Manchmal liegt es am Geld, wenn Schulen an der Inklusion scheitern. Kümmert sich beispielsweise immer nur ein Lehrer um eine ganze Klasse, dann kann ein einzelnes Kind mit sozialen und emotionalen Schwierigkeiten alles lahmlegen. Manchmal verpassen Kinder im Rollstuhl den Anschluss, weil sie Wochen lang zu Hause bleiben müssen, nur weil der Fahrstuhl nicht repariert wurde. Viele Bundesländer versprechen inzwischen Inklusion, versuchen das Ziel aber mit möglichst geringen finanziellen Mitteln zu erreichen.

Zu wenig Differenzierung für Amélie

Anne Walter findet, an Amélies Schule sei die Ausstattung kein Problem. Im Deutschunterricht beispielsweise stimme sich der Lehrer immer mit einer Sonderpädagogin ab, die dann die Arbeitsblätter für jedes Kind anpasse: eine größere Schrift für Klara*, weniger Aufgaben für David*, etwas schwierigere Aufgaben für Lena*. Aber in Sachkunde, Religion und Musik gebe es eine solche Differenzierung nicht. Und so verstehe Amélie oft gar nichts mehr.

Verschiedene Sonderpädagogen haben den Walters empfohlen, Amélie auf eine Förderschule zu schicken. Dort hätte sie mehr Ruhe, sagen sie.

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Doch wie die Lehrer sind auch die Sonderpädagogen meist noch nicht dafür ausgebildet, im Team zu unterrichten. Manchmal fehlt aber auch die Bereitschaft der Behörden, und die Pädagogen müssen ihre Teambesprechungen unbezahlt in ihrer Freizeit abhalten. So sehnen sie sich manchmal zurück nach den kleinen Klassen und der vergleichsweise guten Ausstattung der Förderschulen.

Aber die Walters möchten Amélie nicht auf eine Förderschule schicken. Sie glauben an die Inklusion, auch wenn Amélies Mutter sagt: "Sie wäre wahrscheinlich in der Förderschule auch glücklich." Klar sei es eine Herausforderung für ihre Tochter, sich in der normalen Öffentlichkeit zu bewegen, aber es sei die Anstrengung wert. "Wir müssen immer wieder neu lernen, wann sie das voranbringt, und wann es zu viel für sie ist. Aber so ist das Leben."

Walter ärgert sich darüber, dass viele Pädagogen vor allem darauf achteten, was ein Kind nicht könne, wie sie sagt. Amélies Mitschüler hingegen applaudieren begeistert, wenn sie etwas schafft, was ihr zuvor keiner zugetraut hat. Wie zum Beispiel neulich als sie sich zum ersten Mal traute auf dem Xylophon zu spielen, obwohl ihr alles Laute so viel Angst macht. Und warum bekomme sie nicht mehr Stoff in Deutsch, wo das doch ganz ihr Ding sei?

Amélies Eltern haben überlegt, statt eines Integrationshelfers eine Fachkraft für ihre Tochter zu beantragen. Bisher wird sie von jungen Leuten im freiwilligen sozialen Jahr betreut. Sie hat sie bisher immer gern gemocht, auch wenn sie manchmal überfordert seien. Und eigentlich bräuchte sie auch in der Schule keinen eigenen Sonderpädagogen, sagt Walter – wenn die Lehrer ihrer Klasse denn alle differenzierten Unterricht anböten. Und wenn Fachleute in Teams zusammenarbeiteten: Lehrer, Sonderpädagogen, Heilerzieher, Sozialarbeiter, Psychologen – je nachdem, was die einzelnen Kinder in der Klasse brauchen.

Angst um den Platz an der Wunschschule

Weil Amélie aber darauf angewiesen ist, dass ihre Lehrer und Eltern miteinander klarkommen, verzichten die Walters auf solche Forderungen. Das ist auch der Grund, warum Anne Walter ihren und Amélies echten Namen nicht verraten will – und warum in diesem Text einige Details verändert wurden, damit die Familie nicht erkannt wird. Vielen an der Inklusion beteiligten geht es ähnlich wie ihr: In einer ZEIT ONLINE Umfrage schrieben uns über 100 Lehrer, Eltern, Erzieher und Schüler ausführlich von ihren Erfahrungen – und die meisten wollten ihren Namen nicht nennen.

Inklusion ist ein Thema, bei dem derzeit die Nerven blank liegen. Nicht weil die meisten Beteiligten die Idee ablehnten, sondern weil in der Praxis sowohl Eltern als auch Pädagogen immer wieder überfordert sind. Lehrer machen Fehler, Eltern reagieren manchmal aggressiv. Aber auch konstruktive Kritik wird als Angriff erlebt und die, die sich doch beschweren, haben Angst, dass ihre Kinder den nächsten Antrag nicht bewilligt bekommen oder in der weiterführenden Wunschschule nicht aufgenommen werden.

Als Amélie noch sehr klein war und ihre Eltern zaghaft nach einem Krippenplatz für sie suchten – "Übrigens, unser Kind ist behindert, geht das überhaupt?" – da  haben sie gelernt, wie Inklusion gelingen kann. Damals lebten und arbeiteten sie in Dänemark, und der zuständige Sachbearbeiter sagte ihnen: Suchen Sie sich einfach eine Kita aus, die Ihnen gefällt; dann schicken wir die passende Erzieherin. Die Fachleute kommen dorthin, wo die Kinder sie brauchen.

Jetzt wechselt Amélie bald auf die weiterführende Schule, eine große Gemeinschaftsschule mit vielen Schülern aus schwierigen Familien. Es ist eine ungewöhnliche Wahl für wohlhabende Akademiker wie Anne Walter und ihren Mann. Sie sagt, zwar werden an den Brennpunktschulen alle Probleme abgeladen, aber sie leisten oft Unglaubliches in der Inklusion. Wahrscheinlich weil sie gar keine andere Wahl haben als zu differenzieren. Anne Walter ist also zuversichtlich: "Alles ist schon ziemlich gut im Vergleich zu vor fünf Jahren." Aber wäre Amélie noch fünf Jahre später geboren, glaubt sie, dann hätte sie es noch leichter gehabt.