Realschullehrer Gabriel Stängle bei der Übergabe seiner Petition vor dem Stuttgarter Landtag im Januar 2014 © Sebastian Kahnert/dpa

Frage: Was hat Sie bewogen, eine Petition gegen den Bildungsplan der baden-württembergischen Landesregierung zu zeichnen?

Gabriel Stängle: Auslöser war eine Meldung im Mannheimer Morgen im August 2013. Dort hieß es, dass die SPD-Fraktion plane, Homosexualität zum Leitprinzip des kommenden Bildungsplans zu machen. Bisher waren Leitprinzipien immer Begriffe wie Kompetenzorientierung, Demokratieerziehung, Bildung und so weiter. Das hat mich aufhorchen lassen. Wie kann eine sexuelle Orientierung zum Leitprinzip für den Unterricht werden?

Frage: Was fordern Sie?

Stängle: Die bisherige Sexualpädagogik, wie wir sie seit den späten Sechzigerjahren haben, hat sich bewährt. Darauf sollten wir uns besinnen. Das verantwortungsbewusste Miteinander von Elternhaus und Schule soll fortgesetzt werden. Das Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung soll weiter gelten. Themen, die in der Wissenschaft umstritten sind, müssen auch in der Schule entsprechend dargestellt werden. Der Bildungsplan muss sich an den Werten des Grundgesetzes orientieren. Ich habe darüber hinaus gefordert, dass die hohe Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen erforscht und auch entsprechende Präventionsprogramme gefördert werden sollten. Die letzte Forderung bestand darin, eine Gewaltprävention zu etablieren, die sich gegen jede Form der Diskriminierung wendet, nicht nur gegen die der sexuellen Orientierung. Meine alltägliche Erfahrung ist, dass Schüler aus vielen Gründen Opfer von Diskriminierung werden können.

Frage: Das klang in der ersten Fassung Ihrer Petition aber anders.

Stängle: Die Debatte ist an Formulierungen in den Fußnoten entbrannt. Keine Frage, da waren Sätze dabei, die ich so nicht mehr formulieren würde. Da habe ich auch dazugelernt.

Frage: Was würden Sie so nicht mehr sagen?

Stängle: Der Petitionstext arbeitete sich an den inneren Widersprüchen und Ungereimtheiten der Leitprinzipien ab. Manche Aussagen wurden losgelöst vom Kontext zitiert. Ein Beispiel ist der Bezug von Gesundheitserziehung und Leitprinzipien, wo einige hineingelesen hatten, ich halte Schwule für krank.

Frage: Was haben Sie gegen das Thema Gender?

Stängle: Das Problem ist nicht das Thematisieren von Geschlechterrollen im Unterricht, sondern die unklare Vermischung von sozialen Rollen mit einer spekulativen Theorie, die die Geschlechterdualität von vornherein, aufgrund des konstruktivistischen Weltbildes, leugnet und die sexuelle Empfindungen eins zu eins mit Identität gleichsetzt. Diese Vermischung der Ebenen setzt sich in dem Bestreben, die Sprache zu reglementieren, fort. "Geschlechtergerecht" im Hinblick auf Sprache ist keine Sachaussage, sondern eine Wertaussage. Jedem, der sich diesem neuen Sprachmodus verweigert, wird damit unterschwellig unterstellt, unmoralisch zu handeln. Das führt zu einer Verwirrung! Sprachlich sollten wir Klarheit schaffen. Schüler sollen grammatikalisch richtiges Deutsch lernen. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe von Schule.

Frage: Was befürchten Sie?

Stängle: Was ich sehe, ist, dass alle totalitären Ideologen des 20. Jahrhunderts die Manipulation von Sprache im Zentrum ihres Handelns hatten. Und jetzt erscheinen derartige Vorgaben in den Leitperspektiven des Bildungsplans.

Frage: Sie stellen den Bildungsplan in Zusammenhang mit den faschistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts?

Stängle: Das habe ich nicht gesagt. Mir geht es um das Indoktrinationsverbot. Die Rohentwürfe des Aktionsplans haben eine Revision des Dudens gefordert. In der aktuellsten Version wurde das Unterstrich-I eingefordert. Mit welcher Legitimation führt eine Landesregierung Sprachveränderungen durch?