Die Schulfrage: Vor ungefähr einem Jahr habe ich die Hoffnung aufgegeben, Mathematik jemals verständlich und sinnvoll zu finden. Ich bin eine 16 Jahre alte Gymnasiastin, meine Noten sind durchschnittlich. Oft habe ich viele Stunden für eine Mathearbeit gelernt – und am Ende war es doch nur eine Vier. Ich gehe sogar zur Nachhilfe, aber die bringt auch nichts. Warum soll ich ein Fach lernen, das ich niemals brauchen werde und nirgendwo anwenden kann? Wie anders dagegen das Fach Deutsch – ein riesiges, buntes Gemälde, gewaltig und traumhaft, damit kann ich Stunden zubringen.

Zunächst ein kleines Lob: Trotz jahrelangem Bemühen und verständlichem Mathefrust wollen Sie immer noch nicht die Flinte ins Korn werfen – sonst würden Sie ja nicht nachfragen, ob es nicht doch einen Ausweg aus der Misere gibt. Und: Ihre Frage plagt Tausende anderer Jugendlicher auch, aber Sie nehmen die Mühe auf sich, sie zu stellen. Das kann schon der Beginn einer Lösung sein.

Sie vermuten völlig zu Recht: Auch der Mathematik wohnt etwas Großartiges und Faszinierendes inne. Es gibt interessante Anwendungen, verblüffende Zusammenhänge, elegante Beweise. Nur: Mathe ist schön und schwierig zugleich. In Umfragen ist es bei Schülern nicht nur das beliebteste, sondern zugleich auch das gefürchtetste Fach. Der Grund liegt auf der Hand: Man kann so schön tüfteln, aber man muss es auch – ohne eine gewisse Hartnäckigkeit beim Nachdenken kommt man in diesem Gefilde nicht weit.

Wen mag nun die Schuld an Ihren nur mäßigen Zensuren, Ihrem Zerrbild von der Mathematik, Ihrer Lustlosigkeit treffen? Beginnen wir bei der anderen Seite, bei Ihren Lehrern: Der eine Mathelehrer war zwar vielleicht eine fachliche Koryphäe, konnte den Stoff aber nicht gut erklären, nicht lebendig veranschaulichen und hat Ihnen keine Lust darauf gemacht, sich mit Fehlern zu beschäftigen. Der nächste hatte sich im Spagat zwischen gymnasialen Zielsetzungen und einer immer leistungsheterogeneren Schülerschaft, beim Erledigen des Nötigsten bereits aufgerieben, und so blieb die fachliche Schönheit auf der Strecke. Ein dritter wiederum setzte zu viel auf selbst gesteuertes Lernen, anstatt die Schüler in diesem bisweilen lebensfern erscheinenden Fach abwechslungsreich zu aktivieren: hier erfolgreiches Basistraining, dann kleine Forscheraufgaben, dazwischen kurzweilige Fachdialoge und viel persönliches Feedback. Also: Auf die Lehrer kommt es an!

Allerdings muss ich auch bei Ihnen selbst auf den Busch klopfen – bekanntlich ist der Lernende selbst die halbe Miete beim Lernerfolg. Die Intelligenzfrage können wir dabei außen vor lassen: Einerseits gibt es kein spezifisches Mathe-Gen, zum anderen geben Ihre sonstigen Leistungen sowie Ihr Ausdrucksvermögen keinen Anlass zu grundsätzlichem Zweifel. Aber womöglich hängen Sie falschen Bildern vom richtigen Lernen an: Wer etwa "viele Stunden vor einer Arbeit lernt", ist damit noch keineswegs aus dem Schneider. Vielleicht haben Sie "nur" vor dem Test gearbeitet, waren im Unterricht aber ansonsten passiv. Oder Sie pauken nur, trainieren also bestimmte Prozeduren, ohne aber Zusammenhänge zu verstehen und Ihr Verständnis zu vertiefen. Oder aber Sie zweifeln innerlich so sehr an Ihren Fähigkeiten, dass am Testtag weitgehend die Angst regiert – und einen Großteil des Gelernten wegschwemmt. Ob davon etwas auf Sie zutrifft, müssten Sie einmal in Ruhe für sich durchdenken.

Natürlich ist Ihre Frage auch grundsätzlicher zu verstehen: Warum sollen sich Gymnasiasten überhaupt so lange mit Funktionen und Formeln herumschlagen? Wären sieben Jahre Mathe nicht überhaupt genug, wie es vor Jahrzehnten einmal in einer Schlagzeile hieß? Nun, dann würden wir aber auch ein Bildungsideal aufgeben, um das uns andere Länder beneiden. Die ursprüngliche Idee höherer Allgemeinbildung war ja nicht, junge Menschen möglichst schnell "fit für die Wirtschaft" zu machen. Vielmehr sollten alle hinreichend Interessierten und Befähigten an der ganzen Bandbreite unserer kulturellen Errungenschaften reifen können – und da darf natürlich das Logikfach Mathematik (nach C. Fr. Gauss die "Königin der Wissenschaften") nicht fehlen. Aber heutzutage gilt ja eher die Parole "Geiz ist geil" als Geist …

Trotzdem kann ich Sie gut verstehen: Bildungspolitik und gesellschaftliche Entwicklung haben nämlich Lehrern wie Schülern eine nur schwer genießbare Suppe eingebrockt. Viele sollen Abitur machen, aber niemand will für gute Lehrerfortbildung und kleinere Klassen bezahlen. Mancher Lehrer frisiert die Noten, andere kürzen die Inhalte – aber das sind alles nur Scheinlösungen. Wie könnten Sie diese unmögliche Situation trotzdem gewinnbringend aushalten?

Vielleicht bietet gerade der Eintritt in die Oberstufe eine neue Chance. Immerhin liegt die Pubertät einigermaßen hinter Ihnen. Halbwegs gereift, könnte Ihnen jetzt einiges leichter fallen. Checken Sie gründlich Ihre fachlichen Schwachstellen (es gibt dazu gute Materialien) und arbeiten Sie Ihre Basisdefizite in den nächsten Ferien auf. Überfordern Sie sich aber nicht: Die Kunst des Lernens besteht auch darin, zu akzeptieren, dass man trotz redlichen Bemühens hie und da Schwachstellen hat. Aber die können sich auswachsen ...

Mir selbst haben sich Schönheit und Struktur der Mathematik übrigens erst weit nach dem Abitur bewusst erschlossen – nicht zuletzt dadurch, dass ich als junger Mathelehrer überlegen musste, wie ich das Fach meinen Schülern möglichst gut nahebringen könnte.