Ali aus Syrien lernt in einer Willkommensklasse in einer Grundschule in Potsdam. © Ralf Hirschberger/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Becker-Mrotzek, Sie haben in Ihrer Studie fünf Modelle gefunden, wie Zuwandererkinder in den Bundesländern in Schulen aufgenommen werden: Mal werden sie sofort in die Regelklassen gesteckt, mal in eigenen Klassen unterrichtet, bis sie Deutsch können, mal ganz separat, mal mit viel Austausch zu gleichaltrigen deutschen Schülern. Können Sie sagen, welches Modell das beste ist?

Michael Becker-Mrotzek: Empirisch wissen wir gar nichts, die Modelle müssen noch evaluiert werden. Das Einzige, was wir sicher sagen können, ist: Das erste Modell, das wir das submersive nennen, ist nicht in Ordnung. Hier werden Kinder in die Regelklassen gesteckt, ohne gezielt Deutschunterricht zu erhalten. Das reicht nicht.

Alle anderen haben ihre Berechtigung. Welches Modell am erfolgreichsten ist, hängt vom Alter der Kinder ab, von ihren Voraussetzungen, aber auch von der Einstellung und Ausbildung der Lehrer. In der Grundschule ist es gut möglich, die Kinder sofort mit allen anderen einzuschulen, wenn sie parallel Deutsch lernen. Denn alle Schüler müssen noch lesen, schreiben und rechnen lernen. Es gibt Schulformen, an denen Lehrer außerdem auf Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen eingestellt sind. Der Vorteil: Die neu zugewanderten Kinder sind sofort mit deutschsprachigen Kindern in Kontakt. Integration gelingt so leichter.

ZEIT ONLINE: Die Situation ist für Jugendliche aber viel schwieriger.

Becker-Mrotzek: Ja, und die Gruppe der Jugendlichen ist unter den Flüchtlingen viel größer als die der Kinder. Wenn ein Jugendlicher in einer Berufsschule anfängt und nur noch ein Jahr bis zum Abschluss braucht, dann kann es sogar sinnvoll sein, dass er in einer parallel geführten Klasse bis zum Abschluss bleibt. Meist ist es aber auch für Jugendliche besser, aus einer Willkommensklasse, Sprachlern- oder Vorklasse (sie heißen ja in allen Bundesländern anders) sobald wie möglich in den Regelunterricht zu wechseln. Die Schulen müssen also flexibel bleiben.

ZEIT ONLINE: Es gibt Fälle, in denen Jugendliche in den Willkommensklassen schon gut Deutsch sprechen können, aber nicht lesen und schreiben. Sie schaffen also in einer Regelklasse den Anschluss nicht. 

Becker-Mrotzek: Alphabetisierung ist noch ein großes Problem. Das fängt schon bei den Lehrwerken an: Sie sind meist für kleine Kinder geschrieben. Inzwischen gibt es Materialien beispielsweise vom Goethe-Institut, aber auch die sind nicht gezielt auf diese Gruppe zugeschnitten. Auch die Bücher, die die Verlage gerade schnell veröffentlichen, sind vielfach nicht wissenschaftlich fundiert.

Außerdem sind die Voraussetzungen unter den Analphabeten selbst sehr verschieden. Es gibt Analphabeten, die nie lesen und schreiben gelernt haben. Es gibt die, die nur sehr kurz eine Schule besucht haben, und andere, die sehr wohl schreiben können, nur mit einem anderen Schriftsystem – meist arabisch oder kyrillisch. Sie müssen zwar eine neue Schrift lernen, sind aber mit dem Konzept von Lesen und Schreiben vertraut.

ZEIT ONLINE: Haben Sie in Ihrer Studie herausgefunden, wie die Bundesländer damit umgehen?

Becker-Mrotzek: Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es Klassen für alle, die neu in Deutschland sind. Am Ende des Schuljahrs werden dann neue Klassen gebildet, in denen man versucht, den verschiedenen Voraussetzungen gerecht zu werden. Aber nicht viele Schulen können für jedes Niveau eine eigene Klasse einrichten. 

ZEIT ONLINE: Was geschieht mit den leistungsstarken Jugendlichen? Wie kommen die Gymnasien klar?

Becker-Mrotzek: Parallel geführte Klassen gibt es bisher hauptsächlich an Hauptschulen, Gesamtschulen oder Sekundarschulen. Viel Bildungspotenzial bleibt deshalb ungenutzt. Wir beobachten insgesamt, dass Gymnasien es oft noch nicht als ihre Aufgabe ansehen, mit Heterogenität zu arbeiten und Kinder individuell zu fördern.