Kinder, die in Frankfurt-Fechenheim aufwachsen, haben eher Putzfrauen und Bauarbeiter als Eltern als Banker oder Ärzte. 31 Straßenbahnminuten trennt die Frankfurter Oper von dem Viertel im Osten der Stadt, wo sich Autohäuser an Baumärkte und Fleischfabriken reihen. Es sind zwei Welten, die sich selten treffen. Beim Tanzprojekt Die Schöpfung sollte das passieren.

Die Sechstklässler der Konrad-Haenisch-Schule in Fechenheim sagen sofort ja, als ihre Lehrerin fragt, ob sie bei einem Tanzprojekt mitmachen wollen. Sie denken an Hiphop, nicht an Klassik, an Haftbefehl statt an Haydn. Die Ernüchterung kommt in der ersten Probe. Von Haydns Oratorium haben sie nie gehört. "Ich mach doch kein Ballett", sagt ein Junge. Als der Choreograph und Tanzpädagoge Miguel Angel Zermeño anfangen will, bleiben die Mädchen und Jungen auf dem Boden sitzen. "Kein Bock", sagen sie. Die Tanzstunden stehen jetzt allerdings im Stundenplan.

Im Projekt wirken ganz unterschiedliche Menschen mit: Profis und Amateure, Alte und Junge, Behinderte und Nichtbehinderte, Deutsche und Migranten, Förderschüler und Gymnasiasten. Die Idee kam dem Stifter Heinz-Jürgen Lorenz als er den Film Rhythm is it sah. Der Dokumentarfilm von 2004 zeigt, wie Choreograph Royston Meldoom mit Berliner Problemschulen Strawinskis Sacre du Printemps einstudiert und es in Begleitung der Berliner Philharmoniker vor großem Publikum aufführt. "You can change your life in a dance class", sagt Meldoom zu einer Klasse von Hauptschülern. Ein Satz, der Gänsehaut macht. Aber geht das wirklich?


Tanz in der Schule ist schwer zu evaluieren

Seit Rhythm is it hat Tanz in der Schule einen Boom erlebt. "Ob und in welcher Weise Tanzprojekte nachhaltig wirken, darüber wissen wir aber noch viel zu wenig", sagt Antje Klinge, Professorin für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Ruhr-Universität Bochum. Auch Rhythm is it ist nicht wissenschaftlich begleitet worden. Ästhetische Erfahrungen seien außerdem höchst individuell und hingen von vielen Faktoren ab, von der Biografie etwa, der Vermittlung und den soziale Erfahrungen.

Für seine Vision, Inklusion auf die Bühne zu bringen, gewinnt der 77 Jahre alte Heinz-Jürgen Lorenz das Junge Sinfonie Orchester Berlin, Solisten der Frankfurter Oper, Kinderkanal-Moderator Juri Tetzlaff, den Bachchor Bad Homburg, drei Behindertengruppen aus Wiesbaden und sechs Frankfurter Schulen, darunter die Konrad-Haenisch-Schule. Fast jeder Schüler dort hat einen Migrationshintergrund. Eine Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden will, sagt: "Die Hälfte der Klasse kann kaum Deutsch." In dem Stadtteil gebe es viele Alkohol- und Drogensüchtige.

An Grenzen stoßen

Der mexikanische Choreograf Zermeño hat schon in anderen Städten behinderte und nicht-behinderte Schüler auf große Bühnen gebracht. Doch in der Konrad-Haenisch-Schule, die gleichzeitig Haupt- und Realschule ist, stößt er an seine Grenzen. "Wenn jemand mitmachen wollte, haben andere gelacht, geschubst und geschimpft", erzählt er. "Ich gebe keine Noten, ich habe keine Macht. Ich kann sie nur dazu bringen, mitzumachen, wenn ich sie interessiere." Doch zu den Proben kommen die Schüler in Jeans und Stiefeln und nölen, die Musik sei langweilig, das Projekt kacke, sie wollten lieber zu Haftbefehl tanzen.

Derweil läuft es in den anderen Schulen besser: Vor allem die Grundschüler sind sofort dabei. Die Viertklässler sind froh, nicht immer nur sitzen zu müssen. Die Musik ist ungewohnt langsam, aber sie gewöhnen sich daran.

An der inklusiven Valentin-Senger-Grundschule beispielsweise im beliebten Wohnviertel Bornheim tanzen die Kinder flockigen Schnee, den Gott in der Schöpfungsgeschichte als Teil des Firmaments geschaffen hat. Janika ist die Schneekönigin. Ihre kurzen blonden Locken drücken gegen die Kopfstütze des Rollstuhls, der zarte Oberkörper und die schmalen Beine sind festgeschnallt. Als die Finger ihrer Mitschüler wie Schneeflocken auf Janika rieseln, reißt sie die Augen auf, ihr Mund wird zu einem großen Lächeln. Es ist das reine Glück, das aus ihr heraus juchzt.