ZEIT ONLINE: Die Zahl bilingualer Kitas und Grundschulen steigt seit Jahren, immer mehr Gymnasien bieten zweisprachigen Unterricht an. Zugleich gibt es Klagen über zunehmende Defizite bei Lesen und Rechtschreibung von Schülern. Müsste man nicht mehr Wert auf die Entwicklung des Deutschen legen?

Kristin Kersten: Eltern, die noch keine Erfahrung mit bilingualen Programmen gesammelt haben, fragen tatsächlich häufig, ob das frühe Lernen einer Fremdsprache nicht schädlich ist für den Spracherwerb im Deutschen. Die Sorge ist in den allermeisten Fällen aber unberechtigt, gerade wenn die Muttersprache der Umgebungssprache entspricht.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Kersten: Für das menschliche Gehirn ist Mehrsprachigkeit kein Problem. In einem Land wie Deutschland ist die Sprache, die die Kinder umgibt, so stark, dass die Entwicklung im Deutschen nicht darunter leidet, wenn man früh mit dem Lernen einer Fremdsprache beginnt, im Gegenteil. Eine Ausnahme können in manchen Fällen Kinder sein, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben. Intensive Studien hierzu stammen beispielsweise aus Kanada. In den englisch-französischen Immersionsprogrammen wird dort mindestens die Hälfte des Curriculums in der jeweiligen Fremdsprache unterrichtet. Dabei zeigt sich, dass die Kinder zum einen die Fremdsprache am besten lernen, je früher und intensiver man mit dem Programm beginnt…

ZEIT ONLINE: …was nicht überraschend ist.

Kersten: …stimmt, genauso aber scheint die Muttersprache von der Fremdsprache zu profitieren, und zwar selbst dann, wenn der Unterricht in den ersten Jahren ausschließlich in der Zweitsprache stattfindet. Zwar hinken die Kinder anfangs in der Muttersprache leicht hinter her, etwa in Bezug auf das Fachvokabular. Langfristig aber schneiden sie nicht schlechter ab als ihre Altersgenossen, und gerade Kinder aus intensiven frühbeginnenden Immersionsprogrammen übertreffen sogar die monolingualen Kinder auf lange Sicht in beiden Sprachen. Studien in Deutschland kommen bislang zu denselben Ergebnissen: Auch dort zeigen die Kinder aus bilingualen Grundschulen keine schlechtere Entwicklung im Deutschen.

Lesen Sie dazu auch: "Wie sehr Kinder davon profitieren, bilingual aufzuwachsen" und "Forscher entdecken die Vorteile der Mehrsprachigkeit für die Entwicklung des Gehirns" in der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

ZEIT ONLINE: Wie ist das möglich?

Kersten: Wer früh und intensiv damit beginnt, mehrere Sprachen zu lernen, schult sein allgemeines Sprachbewusstsein. Die Wissenschaft nennt dieses Bewusstsein für sprachliche Strukturen, beispielsweise in der Grammatik oder für die Wortbedeutung metalinguistisches Wissen. Wie es scheint, nutzt dieses Wissen dem Sprachenlernen allgemein und kann auf andere Sprachen transferiert werden.

ZEIT ONLINE: Wie steht es mit den Inhalten, die die Kinder im bilingualen Unterricht lernen, etwa in Sachkunde oder Mathematik?

Kersten: In guten bilingualen Programmen leiden die Inhalte nicht darunter, dass die Kinder sie in einer anderen Sprache lernen. Die erwähnten kanadischen Studien und auch unsere Ergebnisse zeigen, dass in intensiven Sprachprogrammen die Kinder teilweise sogar über bessere Fachkenntnisse verfügen.

ZEIT ONLINE: Wie soll ein Grundschulkind besser etwas über Nadelbäume oder geometrischen Formen auf Englisch lernen, das Englisch nicht richtig versteht?

Kersten: Auf den ersten Blick ist das schwer zu glauben. Es wird jedoch plausibel, wenn man sich vor Augen führt, dass eine Lehrkraft, die sich beim Erklären eines Sachverhaltes nicht auf die Sprache verlassen kann, eine ganze Reihe anderer Kommunikationsstrategien zur Hilfe nimmt: Betonung und Aussprache, Mimik und Gestik etwa oder Bilder, Objekte, Demonstrationen, Filme und Experimente, um das Thema zu veranschaulichen.

ZEIT ONLINE: So sollten Lehrer doch immer unterrichten.

Kersten: Absolut. Klarheit, multisensorisches Lernen, Wiederholungen sind Instrumente allen guten Unterrichts und Prinzipien des kommunikativen Ansatzes. Für Lehrkräfte im bilingualen Unterricht sind sie aber absolut unerlässlich um sicherzustellen, dass die Fachinhalte von ihren Schülern auch wirklich verstanden zu werden. Meine Kollegin Petra Burmeister von der Pädagogischen Hochschule Weingarten hat dafür den Begriff der Stummfilmtechnik geprägt: Würde man einer Lehrkraft sozusagen den Ton abdrehen, müssten die Schüler alle Inhalte dennoch verstehen können, durch die Veranschaulichung auf anderen Kanälen.

ZEIT ONLINE: Ihr Loblied auf den bilingualen Unterricht verwundert. Bisher genießt das Frühenglisch in der Grundschule doch keinen guten Ruf.

Kersten: Das herkömmliche Frühenglisch und guter bilingualer Unterricht in der Grundschule sind auch unterschiedliche Ansätze. Letzterer ist viel intensiver im Gegensatz zu zwei Stunden in der Woche, der Spracherwerb ist inhaltsbasiert und authentisch, die Lehrkräfte verwenden die genannten Prinzipien in hohem Maße und haben eine sehr gute Sprachkompetenz im Englischen.