Der Deutsche Lehrerverband hat sich dafür ausgesprochen, Adolf Hitlers Mein Kampf als kommentierte Ausgabe im Schulunterricht einzusetzen. Die Kultusministerkonferenz müsse "im Interesse einer Einheitlichkeit" beim didaktischen Umgang mit der Hetzschrift Position beziehen, sagte Verbandspräsident Josef Kraus dem Handelsblatt. Eine wissenschaftlich überarbeitete und mit Kommentaren versehene Ausgabe könne einen wichtigen Beitrag "zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein", sagte Kraus.

Ausgewählte Passagen aus dem Buch sollten gemäß Kraus aber erst in der Oberstufe, also mit Schülern ab 16 Jahren, behandelt werden. Auch der Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, begrüßte den Vorschlag gegenüber dem Handelsblatt.

Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lehnt es entschieden ab, die kommentierte Ausgabe im Schulunterricht zu behandeln. Jüdische Themen und Persönlichkeiten, die Deutschland bis 1933 maßgeblich mitgeprägt hatten, würden in den Schulen allenfalls "stiefmütterlich" aufgegriffen, sagte die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dem Handelsblatt. Daher sei eine Behandlung ausgerechnet der "zutiefst antijüdischen Schmähschrift" unverantwortlich. Eine Erziehung von Schülern zu geschichts- und verantwortungsbewussten Menschen sei auch "sehr gut ohne die Lektüre" denkbar und wünschenswert, sagte Knobloch.

Hitler hatte nach dem gescheiterten Putsch von 1923 in München während seiner Haft mit der Arbeit an Mein Kampf begonnen und die Schrift nach seiner Freilassung beendet. Erst 1929/1930 entwickelte es sich zu einem Bestseller in Deutschland, noch immer ranken sich zahlreiche Legenden um das Buch.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging das Urheberrecht auf den Freistaat Bayern über, der seither seine Zustimmung zu einem Neudruck stets verweigerte. Die 70-jährige Schutzfrist läuft Ende 2015 aus, danach unterliegt das Buch keinem Urheberschutz mehr. Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) will seine etwa 2.000-Seiten lange kommentierte Ausgabe im Januar 2016 veröffentlichen. Die Wiederveröffentlichung des Buches nicht nur in Deutschland hat im In- und Ausland für heftige Diskussionen gesorgt.